In dieser Arbeit soll mit Lutz Rühlings Begriffsbestimmung von „Stereotypen“ gearbeitet werden. Ihm gelingt es, Stereotypen systematisch nach ihrer Beschaffenheit in vier Klassen zu differenzieren: Einstellungs-, Überzeugungs-, Handlungs- und Darstellungsstereotype. Was ist an der Darstellung und den Handlungen der Aschanti in Altenbergs Skizzen stereotyp? Und welche stereotypen Einstellungen und Überzeugungen der Besucher können anhand der Inszenierung der Aschanti abgeleitet werden?
Der Anspruch dieser Arbeit ist eine nach Rühling systematische Kategorisierung historischer Stereotype, welche den Aschanti anhafteten. Zudem wird das literarische Verfahren erörtert, welches Altenberg anwendet, um den Erzähler Stereotype dekonstruieren zu lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Autorinszenierung
2.1. Inszenierungsstrategie des Autors
2.2 Inszenierungsstrategie des Erzählers
3. Inszenierung von Hetero-Stereotypen in „Ashantee“
3.1 Inszenierung stereotypischer Darstellungen
3.1.1 Darstellungsstereotype
3.1.2 Einstellungsstereotype
3.1.3 Dekonstruktion stereotyper Darstellungen
3.2 Inszenierung stereotypischer Handlungen
3.2.1 Handlungsstereotype
3.2.2 Überzeugungsstereotype
3.2.3 Dekonstruktion stereotyper Überzeugungen
4. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand von Peter Altenbergs Prosaskizzen „Ashantee“ die Inszenierung und Dekonstruktion historischer Stereotype gegenüber den zur Schau gestellten Aschanti im Wiener Tiergarten des Jahres 1896. Ziel ist es, unter Anwendung des Modells von Lutz Rühling eine systematische Kategorisierung der Stereotype vorzunehmen und aufzuzeigen, wie Altenbergs Erzählinstanz durch das literarische Verfahren der Perspektivierung auf die Konstruiertheit dieser Bilder verweist.
- Analyse der Inszenierung von Heterostereotypen in Völkerschauen
- Systematische Einordnung in Einstellungs-, Überzeugungs-, Handlungs- und Darstellungsstereotype nach Lutz Rühling
- Untersuchung der Rolle des Autors und des Erzählers als „Teilnehmende Beobachter“
- Anwendung des Theatralitätsbegriffs nach Erika Fischer-Lichte zur Erläuterung der Authentizitätskonstruktion
- Dekonstruktion des Bildes der „Primitiven“ durch den Vergleich von Bühneninszenierung und intimen Hinter-den-Kulissen-Szenen
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Darstellungsstereotype
In der Skizze „Gespräch“ antwortet das Mädchen Tioko auf die Frage des Erzählers, warum sie bei Kälte nichts weiter als „dünne Leinensachen“ (Ashantee: 14) trägen:
Wilde müssen wir vorstellen, Herr, Afrikaner. Ganz närrisch ist es. In Afrika könnten wir so nicht sein. Alle würden lachen. Wie ,men oft he bush‘ ja, diese. In solchen Hütten wohnt niemand. Fürs dogs ist es bei uns, gbé. Quite foolish. Man wünscht es, dass wir Thiere vorstellen [...] Der Clark sagt: He, Solche wie in Europa gibt es genug. Wozu braucht man Euch?! Nackt müsst Ihr sein natürlich (Ashantee: 14).
Die ausgestellten Aschanti werden angewiesen nackte Haut zu zeigen. Zudem werden den Afrikanern Behausungen zur Verfügung gestellt, welche sie selbst an Hundehütten erinnern. Tiokos Aussage nach würde in ihrer Heimat niemand so wohnen. Somit dekonstruiert die Figur das vermeintliche Bild von Authentizität. Die Aussteller, nach Fischer-Lichte zufolge die Regisseure der Theateraufführung „Völkerschau“ (Vgl. Dreesbach 2005: 150), haben sich jedoch für diese spezifische Art von Darstellung der Aschanti entschieden, obwohl man sie auch hätte anders zeigen können. In Bezug auf den Aspekt von Korporalität, „der sich aus dem Faktor der Darstellung bzw. des Materials ergibt“ (Fischer-Lichte 2000: 20)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Praxis der Völkerschauen ein und skizziert das theoretische Vorgehen mittels Lutz Rühlings Stereotypenforschung sowie Fischer-Lichtes Theatralitätsbegriff.
2. Autorinszenierung: Das Kapitel beleuchtet, wie Peter Altenberg sich in der Presse und durch seine Schriften als „Aschanti-Gönner“ und Vermittler zwischen den Welten inszenierte.
3. Inszenierung von Hetero-Stereotypen in „Ashantee“: Dieser Hauptteil klassifiziert die in den Texten vorkommenden Stereotype in vier Kategorien und analysiert deren diskursive Wirkung.
4. Schluss: Die Zusammenfassung resümiert die Ergebnisse der Analyse und bestätigt, dass Altenbergs Prosaskizzen als gezielte Dekonstruktion der den Aschanti zugeschriebenen Fremdbilder fungieren.
Schlüsselwörter
Peter Altenberg, Ashantee, Völkerschau, Stereotype, Heterostereotype, Imagologie, Inszenierung, Authentizität, Lutz Rühling, Theatralität, Exotismus, Dekonstruktion, Wiener Prater, Fin de Siècle, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die literarische Darstellung von Aschanti-Gruppen in Peter Altenbergs Prosaskizzen und hinterfragt, wie dabei koloniale Stereotype inszeniert und gleichzeitig dekonstruiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die kulturelle Konstruktion des „Fremden“, die Mechanismen von Völkerschauen, die Literaturwissenschaftliche Stereotypenforschung und das Verhältnis von Autor und Erzähler.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine systematische Kategorisierung der historischen Stereotype in „Ashantee“ anhand des Modells von Lutz Rühling und der Nachweis der kritischen Distanz des Autors zum zeitgenössischen Exotismus.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, die durch imagologische Konzepte (Stereotypenforschung nach Rühling) und theaterwissenschaftliche Ansätze (Theatralität nach Fischer-Lichte) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Darstellungs- und Handlungsstereotypen sowie deren jeweilige Dekonstruktion durch den Erzähler, wobei auch die Rolle der Zuschauer mit einbezogen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Völkerschau, Stereotyp, Authentizitätsfiktion, Imagologie, Wien 1896 und der Autor Peter Altenberg selbst.
Wie unterscheidet der Autor zwischen der „Bühne“ und der Realität der Aschanti?
Der Erzähler zeigt durch den Einblick in die privaten „Hütten“ der Aschanti, dass deren tatsächliches Leben und ihre kulturelle Identität im scharfen Kontrast zu den forcierten Rollen der Völkerschau stehen.
Welche Rolle spielt der Begriff „Theatralität“ in der Analyse?
Er dient dazu, die Völkerschau als inszeniertes Theaterstück zu verstehen, in dem der Regisseur (die Zoo-Direktion) und die Schauspieler (die Aschanti) Erwartungshaltungen der Zuschauer bedienen.
Warum werden die Aschanti in der Arbeit als Projektionsfläche bezeichnet?
Weil das Wiener Publikum des 19. Jahrhunderts die ausgestellten Menschen nicht als Individuen wahrnahm, sondern als Bestätigung für bereits existierende Klischees über „Primitive“ und „Wilde“.
- Arbeit zitieren
- Daniel Nagelstutz (Autor:in), 2016, Das inszenierte „Fremde“ in Peter Altenbergs „Ashantee“, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/319099