In diesem Essay wird die These vertreten, dass asymmetrische Machtverhältnisse nicht hinderlich, sondern förderlich für Europa sind. Zumindest solange, wie sich Europa in der größten Krise seit seiner Existenz befindet, nämlich in einer Wirtschafts-, Finanz-, und Währungskrise, die sich zu einer politischen und einer sozialen Krise entwickelt hat. In diesem äußerst komplexen Umfeld, so lautet die These, sind asymmetrische Machtverhältnisse die einzige Grundlage, um politische Handlungsfähigkeit für die Krisenbewältigung zu erlangen. Dies ist in jedem Fall mit Streit verbunden, aber dieser Streit ist leichter zu ertragen, als sich der Hilflosigkeit angesichts der schier unüberwindbaren Probleme der Krise gegenüber zu ergeben.
Um die These zu stützen und um Kritik an der deutschen Macht zu entkräften, sollen im Folgenden zunächst Verständnisse über Macht und Governance-Arrangements beschrieben werden. Des Weiteren spielen Fragen der Input-Troughput- oder Output-Legitimation von Machtverhältnissen in diesem Text keine Rolle, weil der Zusammenhang von Macht und Handlungs-fähigkeit im Kontext einer komplexen Krise, im Blickpunkt liegt. In diesem Essay werden zunächst begriffliche Annäherungen an Macht- und Governance-Konzepte vorgenommen, welches gleichzeitig als Basis für die darauffolgende Argumentation zur Stützung der Ausgangsthese dient.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Governance-Konzeption und Machtbegriff
3. Spannungsfeld der Euro-Krise
4. Analyse der deutschen Rolle
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die These, dass asymmetrische Machtverhältnisse innerhalb der Europäischen Union in Zeiten der Wirtschafts-, Finanz- und Währungskrise nicht hinderlich, sondern förderlich für die Krisenbewältigung sind, indem sie politische Handlungsfähigkeit ermöglichen.
- Analyse von Macht- und Governance-Konzepten im EU-Kontext
- Kritische Auseinandersetzung mit der These Ulrich Becks zum "deutschen Europa"
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Rechtsprinzipien und wirtschaftspolitischen Strategien
- Bewertung der Rolle Deutschlands als handlungsfähiger Akteur
- Diskussion von Souveränität und Integration in komplexen Krisensituationen
Auszug aus dem Buch
Die Ambivalenz von Macht und Governance
Um die Auswirkungen der Europäisierung auf Macht- und Herrschaftsphänomene präzise zu beschreiben, reichen tradierte Typologien, wie etwa die weberianischen Definitionen zu den Begriffen Macht und Herrschaft nicht mehr aus. Daher werden Perspektiven der Governance-Konzeption genutzt, um die vermeintliche Enthierarchisierung der politischen Steuerung, bei gleichzeitigem Fortbestehen von Machtverhältnissen zwischen Staaten, in der EU zu erläutern. Schließlich beinhaltet das Governance-Konzept durchaus Machtverhältnisse, die in asymmetrischer Beziehung zueinander stehen können.
Obwohl der Politikwissenschaftler Claus Offe in seinem Aufsatz „Governacne-„Empty signifer“ oder sozialwissenschaftliches Forschungsprogramm?” der Governance-Konzeption fehlende Substanz und einen inflationären semantischen Gebrauch vorwirft, hat das Konzept viele Vorteile. Durch das Governance-Konzept werden neue Macht- und Herrschaftsverhältnisse greifbar. Gemäß Hartmut Aden umfasst Governance sowohl klassische Formen des Regierens, als auch Arrangements und andere Kooperationsformen unter Einbeziehung nicht-staatlicher Akteure. Nun mag Offe Recht darin behalten, dass die Begrifflichkeit inflationär gebraucht wird und das es Schwierigkeiten mit trennscharfen Definitionsversuchen gibt; doch Arthur Benz stellt in seinem Text „Governance-Modebegriff oder nützliches sozialwissenschaftliches Konzept?“ fest, dass keine Lehrbuchdefinitionen existieren. Dennoch ist eine begriffliche Annäherung möglich. Governance nimmt prozedurale, strukturelle und funktionale Aspekte des Regierens, des Steuerns und des Koordinierens in den Blick. Darüber hinaus lässt sich der Governance-Begriff auch für die Interaktionen zwischen Staaten verwenden, wie Arthur Benz im selben Aufsatz erläutert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die kritische These Ulrich Becks über ein "deutsches Europa" vor und führt die Gegenposition ein, dass asymmetrische Machtverhältnisse in der aktuellen Krise für die Handlungsfähigkeit der EU notwendig sind.
2. Governance-Konzeption und Machtbegriff: Dieses Kapitel erörtert die Nützlichkeit der Governance-Konzeption zur Analyse moderner Machtverhältnisse und grenzt den asymmetrischen Machtbegriff von klassischen, weberianischen Definitionen ab.
3. Spannungsfeld der Euro-Krise: Hier wird das durch die Krise sichtbar gewordene Spannungsfeld zwischen der Einhaltung von Rechtsprinzipien und der Durchsetzung spezifischer wirtschaftspolitischer Strategien (Sparpolitik) detailliert analysiert.
4. Analyse der deutschen Rolle: Der Autor hinterfragt die Hegemonialthese Becks und argumentiert, dass Deutschlands Rolle als handlungsfähiger Akteur aufgrund struktureller Macht für die Stabilität der EU unerlässlich ist.
5. Fazit: Das Fazit bestätigt die Ausgangsthese, dass die besondere Machtposition Deutschlands trotz bestehender Konflikte ein entscheidender Faktor zur Überwindung der Krise ist.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Euro-Krise, Machtverhältnisse, Governance, Deutschland, Krisenbewältigung, Handlungsfähigkeit, Hegemonie, Sparpolitik, Wirtschafts- und Währungsunion, Souveränität, Integration, politische Steuerung, Ulrich Beck, Strukturmacht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle asymmetrischer Machtverhältnisse innerhalb der EU während der Wirtschafts- und Finanzkrise und hinterfragt deren Bewertung als Hindernis oder Voraussetzung für politisches Handeln.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind Macht- und Herrschaftstheorien, die Funktionsweise von Governance-Arrangements in der EU sowie die Analyse der deutschen Rolle in der Euro-Krise im Kontext wirtschaftlicher und rechtlicher Spannungsfelder.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob asymmetrische Machtverhältnisse in der EU in Krisenzeiten förderlich sind, um politische Handlungsfähigkeit zu erlangen und ein Auseinanderbrechen der Union zu verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Perspektive, indem sie theoretische Ansätze der Governance-Forschung mit einer fallbezogenen Analyse der Krisenpolitik verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung von Macht und Governance sowie eine empirische und analytische Auseinandersetzung mit Ulrich Becks Thesen zum "deutschen Europa".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Machtasymmetrie, Euro-Krise, Governance, politische Handlungsfähigkeit, strukturelle Macht und europäische Integration.
Wie bewertet der Autor Ulrich Becks Kritik an Deutschland?
Der Autor argumentiert, dass Becks Kritik an einer hegemonialen Stellung Deutschlands analytisch fehlerhaft ist, da sie die Notwendigkeit handlungsfähiger Akteure in einer komplexen Krise unterschätzt.
Welche Rolle spielt die deutsch-französische Beziehung?
Die deutsch-französische Beziehung wird als eine Art "Turbine" des europäischen Flugzeugs beschrieben, wobei Deutschland derzeit eine stabilisierende Rolle einnimmt, ohne die EU-Integration langfristig zu gefährden.
- Quote paper
- Pascal Kersten (Author), 2015, Über ein europäisches Deutschland in einem deutschen Europa. Warum asymmetrische Machtverhältnisse in der EU dabei helfen, Krisen zu überwinden, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/317725