Die folgende Arbeit befasst sich mit der These der Staatenbildung nach Charles Tilly. Dies soll am Beispiel des Islamischen Staates geschehen.
Charles Tilly gilt als einer der wichtigsten Forscher, die sich mit dem thematischen Komplex der Staatsbildung befasst haben. Sein Ansatz lässt sich grob herunterbrechen auf die These, dass Staaten im Laufe der Geschichte nur dann bestehen konnten, wenn sie ein funktionierendes System entwickelten, um die immer mehr Geldmittel verschlingende (Möglichkeit zur) Kriegsführung aufrecht zu erhalten. Durch technologischen Fortschritt wurden Kriege zunehmend teurer, so dass ein stetiger Kapitalfluss zwingend nötig geworden ist, woraus sich Steuersysteme, das Bankwesen und die dauerhafte Bindung zahlungsfähiger Unterstützer entwickelten.
Diese Ausarbeitung versucht nicht, diese These zu verifizieren oder falsifizieren, sondern untersucht anhand zeitgenössischer Beispiele wie dem Islamischen Staat, ob Kriege noch immer Staaten schaffen und warum beziehungsweise warum das nicht (mehr) so ist.
Zusätzlich wird der Versuch einer Begründung geliefert. Das Beispiel des Islamischen Staates wurde nicht nur gewählt, weil das Kalifat einen potenziellen gegenwärtigen Staatsbildungsprozess repräsentiert, sondern auch weil sich Tillys Thesen und Veröffentlichungen auf die westliche Hemisphäre konzentrieren und sich so möglicherweise neue Erkenntnisse gewinnen lassen, bezüglich der Frage, ob sich „western state making“ auch auf Prozesse im Nahen Osten übertragen lässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Tillys These im Detail
2.1 Wie die Handlungsfelder zusammenwirken
2.2 Gewaltmonopolisierung
3. Wie entstehen Staaten heute?
3.1 Auf welchen Handlungsfeldern ist ISIS aktiv?
3.2 Entspricht der IS der Definition eines Staates?
4. Schaffen Kriege Staaten?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht anhand der Fallstudie des „Islamischen Staates“ (IS), ob Charles Tillys historische Theorie der Staatsbildung, nach der Kriege Staaten hervorbringen, auch auf zeitgenössische Konflikte im Nahen Osten übertragbar ist. Dabei wird analysiert, inwieweit der IS die Kriterien eines funktionierenden Staates erfüllt und ob seine Entstehung kausal mit kriegerischen Aktivitäten verknüpft ist.
- Charles Tillys Theorie der Staatsbildung und die Rolle von Kriegen
- Die vier Handlungsfelder staatlicher Macht: war making, state making, protection und extraction
- Empirische Untersuchung der Strukturen des Islamischen Staates
- Kausaler Zusammenhang zwischen dem Irakkrieg 2003 und der Entstehung des IS
- Kritische Reflexion der Modernisierungstheorie im Kontext anti-moderner Staatsbildung
Auszug aus dem Buch
3.1 Auf welchen Handlungsfeldern ist ISIS aktiv?
Im zweiten Kapitel wurden die vier Handlungsfelder betrachtet, auf denen Staaten nach Tillys Theorie aktiv sind und welche Folgen die Aktivitäten in diesen Handlungsfeldern haben. Kann nachgewiesen werden, dass ISIS auf der Mehrzahl der Handlungsfelder aktiv ist, muss logisch zwingend nahe gelegt werden, dass ISIS zumindest nach Tilly als entstehender Staat gelten kann. Mit der Ausrufung des Kalifats ist bereits bewiesen, dass ISIS definitiv ein selbstständiges Staatswesen angestrebt hat und sich dauerhaft etablieren möchte.
Im Bereich war making ist ISIS überaus aktiv. Die Gewalttaten der Gruppierung führten bereits zur Bildung einer internationalen Anti-ISIS-Allianz. ISIS versucht, eine dauerhafte Armee aufzubauen und weitere Territorien unter ihre Kontrolle zu bringen. Das zeigt zum einen die Selbstbezeichnung von ISIS als dschihadistische Gruppierung; Ziel des Dschihad (wörtlich: geistige oder körperliche „Anstrengung“) ist es, einen islamischen Staat zu etablieren und mittels Gewalt auszudehnen. Zum anderen werden wichtige Posten in der Struktur von ISIS durch ehemalige Militärs der irakischen Armee bekleidet, also von Personen, die teilweise noch aus dem zweiten Golfkrieg Erfahrung in Kriegsführung, Taktik und militärischer Führungskompetenz haben. Somit ist war making definitiv ein, vielleicht sogar das wichtigste, Handlungsfeld von ISIS.
ISIS gilt als die reichste nicht staatlich finanzierte Terroristengruppe, die es jemals gegeben hat. Eine genaue Analyse der Finanzierung erstellte Jean-Charles Brisard, Experte für Terrorfinanzierung, und kam auf knapp drei Milliarden Dollar, die ISIS jedes Jahr durch natürliche Ressourcen, Steuereintreibung, etc. verdient. Somit ist extraction auch eines der wesentlichen Handlungsfelder, auf denen ISIS aktiv ist. Die strategische Besetzung von derzeit etwa 20 Ölfeldern legt nahe, dass die Finanzierung des ‚Heiligen Krieges’ auf lange Sicht geplant war. Der größte Teil der Einnahmen von ISIS stammen aus dem Verkauf von Rohöl auf dem Schwarzmarkt. Auf diese Weise machte sich ISIS von externen Geldgebern unabhängig, ist also eine finanziell autonome Organisation.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die These von Charles Tilly zur Staatsbildung ein und definiert die Forschungsfrage, ob der Islamische Staat nach diesen Kriterien als Staat bezeichnet werden kann und durch Krieg entstand.
2. Tillys These im Detail: Dieses Kapitel erläutert die vier zentralen Handlungsfelder (war making, state making, protection, extraction) sowie die Definition von Staatlichkeit nach Charles Tilly.
3. Wie entstehen Staaten heute?: Hier erfolgt die empirische Anwendung der Tilly-Theorie auf den Islamischen Staat, wobei sowohl die operativen Handlungsfelder des IS als auch dessen staatliche Struktur analysiert werden.
4. Schaffen Kriege Staaten?: In diesem Kapitel wird untersucht, inwiefern die Entstehung des IS kausal mit kriegerischen Handlungen, insbesondere dem Irakkrieg 2003, verknüpft ist.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass der IS Tillys Kriterien für Staatsbildung erfüllt, jedoch eine anti-moderne Ausrichtung verfolgt und sich somit theoretisch schwer in klassische Modernisierungsprozesse einordnen lässt.
Schlüsselwörter
Staatsbildung, Charles Tilly, Islamischer Staat, ISIS, War Making, Extraction, Protection, State Making, Gewaltmonopolisierung, Naher Osten, Irakkrieg, Politische Transformation, Terrorismus, Kalifat, Kriegführung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Konzepte von Charles Tilly zur historischen Staatsbildung und wendet diese auf den zeitgenössischen Fall des „Islamischen Staates“ an, um zu prüfen, ob Kriege auch heute noch Staaten erschaffen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die vier von Tilly definierten Handlungsfelder staatlicher Macht (Kriegführung, Staatsbildung, Schutz und Ressourcenbeschaffung) sowie deren Anwendung auf eine radikale, nicht-staatliche Gruppierung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet, ob der im Sommer 2014 ausgerufene „Islamische Staat“ nach Tillys Definition als Staat gelten kann und ob seine Entstehung unmittelbar auf kriegerische Aktivitäten zurückzuführen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der Fallstudie (Case Study), indem sie eine bestehende politikwissenschaftliche Theorie (Tilly) auf ein aktuelles empirisches Beispiel (IS) anwendet und auf Plausibilität prüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Tilly-These, die empirische Überprüfung der IS-Strukturen anhand der Handlungsfelder sowie die Untersuchung der kausalen Zusammenhänge zwischen dem Irakkrieg 2003 und dem Aufstieg des IS.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Staatsbildung, War Making, Extraction, Gewaltmonopolisierung sowie die spezifischen Kriterien für die Anerkennung als Staat nach Tilly.
Warum wird der IS als „Quasi-Staat“ bezeichnet?
Der IS befindet sich in einem Schwebezustand: Er monopolisiert Gewalt und bietet staatliche Dienstleistungen an, wird jedoch international nicht anerkannt und lehnt das moderne Staatensystem explizit ab.
Welche Rolle spielt die Ideologie bei der Staatsbildung des IS?
Im Gegensatz zu modernen westlichen Staaten verfolgt der IS ein anti-modernes, auf einem extremen Islam-Verständnis basierendes Modell, das bewusst mit westlichen Werten und marktwirtschaftlichen Prinzipien bricht.
- Arbeit zitieren
- Steffen Kutzner (Autor:in), 2015, Schaffen Kriege Staaten? Eine Betrachtung des Islamischen Staates im Licht der These von Charles Tilly, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/317284