Ernst Jüngers Prosatext „In Stahlgewittern“, der in sieben Fassungen vorliegt und „aus dem in Form gebrachten Inhalt meiner Kriegstagebücher“ entstanden ist, versucht für die historische Schockerfahrung des modernen Krieges ein ästhetisch-literarisches Wahrnehmungs- und Gestaltungsmuster bereitzustellen, anhand dessen Geschichte als sinnreich und sinnvoll verstanden werden kann. Der Erste Weltkrieg (WK I) als moderner und weitgehend technisierter Krieg trieb die für die Moderne typische Erfahrung von Determinierung, Kontingenz und Vereinzelung des Subjektes (uniformierte Vermassung) auf die Spitze. Der moderne Mensch erfährt sich nirgendwo deutlicher als im Schützengraben als ein Jemand, an dem nur noch gehandelt wird, als ein Jemand, der seine Identität einbüßt und letztlich jederzeit von anonymen Mächten vernichtet werden kann.
Der moderne Krieg wird gleichsam zur gesteigerten zivilisatorischen Moderne. Die Depersonalisierung verbunden mit der Erfahrung des Verlustes von Subjektautonomie schwebt wie ein Damoklesschwert über den Stahlhelmen. Diesem Befund zum Trotz zeigt der erzählende Frontleutnant in den „Stahlgewittern“ einen Weg zur Wiedergewinnung von Subjektivität unter den Bedingungen einer im Materialkrieg gesteigerten Moderneerfahrung. Anhand der Thematisierung des modernen Krieges als gesteigerter zivilisatorischer Moderne soll gefragt werden, wie über das Thema der Gewalt und ihrer literarischen Darstellung in Jüngers Text „In Stahlgewittern“ Vorstellungen von Subjektivität verhandelt und Probleme der Thematisierung von Macht bzw. Gewalt zwischen Literatur, Geschichtskonstruktion und Moral transparent werden.
Diese Arbeit versucht, die These zu belegen, dass der Stahlgewitter-Text die Geschichtsepoche und epochale Zäsur des WK I mittels literarisch-ästhetischer Wahrnehmungs- und Gestaltungsmittel so zu deuten versucht, dass zum einen das millionenfache Sterben als sinnvoll legitimiert wird und zum anderen das im „Stahlgewitter“ des industrialisierten Materialkrieges depotenzierte Individuum seine autonome Subjektivität wieder erlangen kann. Aufgrund der interdisziplinär differenten Verwendung des Begriffs der Subjektivität und der Aporie, diesen zu monosemieren, lege ich folgende Vorstellung von Subjektivität dieser Arbeit zugrunde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Krieg, Geschichte und Literatur in Ernst Jüngers In Stahlgewittern
2.1. „Das ist der neue Mensch, der Sturmpionier, die Auslese Mitteleuropas.“ - Der Untergang des Zeitalters des Bürgers in der Zäsur des Ersten Weltkriegs als geschichts philosophische Legitimation
2.2. „als erlöschte für einen Augenblick der Unterschied von Leben und Tod“ - Das Deutungsmuster des Krieges als Naturgesetz im Kontext der Lebensphilosophie
3. Wiedergeburt der Subjektivität aus dem Geiste der Gewalt
3.1. Der Stoßtruppführer als „Fürst[en] des Grabens“ und Antwort auf die Depotenzierung des Subjekts unter den Bedingungen der Moderne
3.2. „Und doch hat auch dieser Krieg seine Männer und seine Romantik gehabt!“ - Ein literarischer Versuch, selbst dem Sinn und Ausweglosen noch einen Sinn abzutrotzen
4. Sprache der Gewalt in Ernst Jüngers In Stahlgewittern
4.1. Programm einer Désinvolture
4.2. „das ist mir Evangelium: Ihr seid nicht umsonst gefallen.“ - Verbalsakralisierung des Kriegserlebnisses
4.3. „Sehen, nicht verstehen, metaphorisieren“ – Metaphorik des Krieges
5. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Ernst Jünger in seinem Text „In Stahlgewittern“ durch literarisch-ästhetische Gestaltungsmittel eine Sinnstiftung des Ersten Weltkriegs vornimmt und dem durch den industrialisierten Materialkrieg depotenzierten Individuum eine autonome Subjektivität zurückgibt. Dabei wird analysiert, inwiefern die Darstellung von Gewalt als notwendiges, sinnstiftendes Erlebnis dient und wie der Krieg in eine geschichtsphilosophische Legitimation eingebettet wird.
- Die geschichtsphilosophische Deutung des Ersten Weltkriegs als epochale Zäsur.
- Die Transformation von Kriegserfahrung in ein vitalistisches Opferkonzept.
- Die Wiedergewinnung von Subjektivität durch die Rolle des „neuen Menschen“ und des Stoßtruppführers.
- Die Funktion von Sprache und Metaphorik als Mittel der Bewältigung und Sinnstiftung.
- Die sakrale Überhöhung des Kriegserlebnisses zum „Evangelium des Frontsoldaten“.
Auszug aus dem Buch
3. Wiedergeburt der Subjektivität aus dem Geiste der Gewalt
Ernst Jüngers Prosatext In Stahlgewittern kreist um das zentrale Thema Kampf und Krieg. Wurde in der älteren Forschung Jüngers Verhältnis zum Krieg unter Vernachlässigung der zentralen Kategorie des „Erlebnisses“ bisweilen in einen (zu) weiten und politischen Rahmen gerückt, betont die neuere Forschung diese Kategorie des „Erlebnisses“ unter weitgehendem Verzicht auf eine ideologiekritische Perspektive. Die literarische Struktur, mit der erzählerisch der Schrecken der Schlachten aus verschiedenen Perspektiven als ein vielschichtiges Wahrnehmungserlebnis dargestellt wird, entspricht der eines Experimentes, durch welches das Kriegserlebnis als ästhetisches Prinzip zwischen Wahrnehmungsschärfung, Selbstvergewisserung und Rauscherfahrung profiliert wird. Befremdlich erscheint an Jüngers Kriegsdarstellung, dass er die kriegerische Gewalt und den damit verbundenen Ausnahmezustand als ein Massenexperiment zu begreifen scheint, an dem neben anderen vor allem auch er selbst als Versuchsperson und zugleich als Protokollant partizipiert hat. Gleichsam naturwissenschaftlich nüchtern berichtet er, wie Menschen sich unter den Extrembedingungen des kriegerischen Ausnahmezustandes verhalten.
Der in den Stahlgewittern literarisch gefassten Geschichtsphilosophie eignet ferner das Bemühen, eine Sinngebung post festum für das vielfach als sinnlos empfundene millionenfache Massensterben zu bieten. Diese Sinngebung erfolgt in enger Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Konzepten, wie z.B. Materialismus und Pazifismus. Frappierend häufig wird auf das dargestellte Grauen des Kampfgeschehens mit Beschreibungen wie sinnlos und wahnsinnig rekurriert: „[...] das Schlachtfeld eine Wüste des Irrsinns, in der sich das Leben kümmerlich unter Tage fristete.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, wie Jünger in seinem Text „In Stahlgewittern“ das Individuum im industrialisierten Krieg als autonomes Subjekt wiedergewinnt.
2. Krieg, Geschichte und Literatur in Ernst Jüngers In Stahlgewittern: Das Kapitel beleuchtet, wie der Autor den Krieg als epochale Zäsur und als naturgesetzhaftes Ereignis deutet, um das Sterben sinnvoll zu legitimieren.
3. Wiedergeburt der Subjektivität aus dem Geiste der Gewalt: Hier wird analysiert, wie der Kampf als „inneres Erlebnis“ und die Rolle des Frontkämpfers als „neuer Mensch“ zur Selbstermächtigung des Subjekts beitragen.
4. Sprache der Gewalt in Ernst Jüngers In Stahlgewittern: Der Fokus liegt auf den sprachlichen Strategien, insbesondere der „Désinvolture“ und der Verbalsakralisierung, die das Kriegserlebnis in eine metaphysische Dimension erheben.
5. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst zusammen, dass Inhalt, Form und Deutungsschemata im Text untrennbar miteinander verschränkt sind, um eine heroische Existenz jenseits der politischen Realität zu konstruieren.
Schlüsselwörter
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, Erster Weltkrieg, Subjektivität, Materialkrieg, Sinnstiftung, Gewalt, Frontsoldat, Heroismus, Lebensphilosophie, Désinvolture, Verbalsakralisierung, Naturmetaphorik, moderne Moderne, Ästhetik des Schreckens.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit untersucht, wie Ernst Jünger in seinem Prosawerk „In Stahlgewittern“ eine Sinnstiftung des Ersten Weltkriegs betreibt und wie das Individuum unter extremen Kriegsbedingungen seine Subjektivität und Autonomie zu behaupten sucht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Verknüpfung von Krieg und Natur, die Rolle des Frontsoldaten als „neuer Mensch“, die ästhetische Gestaltung von Gewalt sowie die philosophische Legitimation des Massensterbens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie über Gewalt und deren literarische Darstellung in Jüngers Text Vorstellungen von Subjektivität verhandelt werden und wie der Text eine Lösung für das Gefühl der Entfremdung in der Moderne anbietet.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text „In Stahlgewittern“ im Kontext lebensphilosophischer Gedanken sowie zeitgenössischer politischer und ästhetischer Diskurse untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Krieg und Geschichte, die Analyse der Wiedergeburt der Subjektivität aus dem Geist der Gewalt sowie die Betrachtung der sprachlichen Mittel und Metaphorik, mit denen Jünger das Unbegreifliche des Krieges zu deuten versucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Subjektivität, Materialkrieg, Sinnstiftung, Heroismus, Désinvolture sowie die spezifische Metaphorik von Naturereignissen im Kontext des Ersten Weltkriegs.
Warum spielt die Naturmetaphorik eine so zentrale Rolle bei Jünger?
Jünger metaphorisiert den Krieg als Naturgewalt oder Naturkatastrophe, um das millionenfache Sterben als Teil eines natürlichen Prozesses darzustellen, der dem Individuum die moralische Verantwortung entzieht und die Sinnlosigkeit des industriellen Mordens nivelliert.
Was bedeutet der Begriff „Désinvolture“ in diesem Kontext?
Désinvolture bezeichnet eine Art „göttergleiche Überlegenheit“ und Heiterkeit, die dem Soldaten als „Waffe“ dient, um Todesfurcht zu überwinden und auch unter den schrecklichsten Bedingungen des Materialkriegs autonom handeln zu können.
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- Thomas Franz (Author), 2015, Die Wiedergeburt der Subjektivität aus dem Geiste der Gewalt in Ernst Jüngers "In Stahlgewittern", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/316989