Foucault reflektiert in „Die Wahrheit und die juristischen Formen“ die Geschichte der archaisch-griechischen Rechtspraxis und belegt oder illustriert zumindest – sehr präzise belegt werden historische Eckdaten bei Foucault nicht – ihre Weiterentwicklung zur demokratischen Rechtsprechung im 5. Jahrhundert v. Chr. anhand des Mythos des Ödipus. Weiter beschreibt er die germanische versus die römische Form der Rechtspraxis, sowie feudalistische und kapitalistische Praxen. Folgende juristische Formen oder Einrichtungen, wie sie von Foucault im historischen Kontext behandelt werden, werden im Folgenden von mir zusammengefasst:
I. Die Probe und das Symbolon anhand des Oidipous tyrannos;
II. Die Untersuchung, franz. Enquete;
III. Feudalismus: Die lettres de cachet und der procureur du roi;
IV. Die Sequestrierungsinstitutionen;
Als Punkt V. ist eine kurze Kritik an Foucaults Terminologie enthalten.
Inhaltsverzeichnis
I. Die Probe und das Symbolon anhand des Oidipous tyrannos
II. Die Untersuchung, franz. enquete
III. Feudalismus: Die lettres de cachet und der procureur du roi
IV. Die Sequestrierungsinstitutionen
V. Kurze Kritik an Foucaults Terminologie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit Michel Foucaults Analyse der historischen Entwicklung rechtlicher und gesellschaftlicher Machtformen auseinander, wobei der Fokus auf der Untersuchung von Wahrheitsproduktion und Disziplinierungspraktiken liegt.
- Die historische Evolution der Gerichtspraxis von der antiken Probe bis zum modernen Strafrecht
- Die Analyse der Macht-Wissen-Verbindung im Kontext des Ödipus-Mythos
- Die Funktion von Sequestrierungsinstitutionen als Instrumente sozialer Kontrolle
- Die kritische Würdigung von Foucaults Terminologie und Machtbegriff
Auszug aus dem Buch
II. Die Untersuchung, franz. enquete
Die Untersuchung oder Erkundung, franz. enquete, also die Erkenntnis durch Zeugnis findet Foucault auch in der Geschichte des Oidipus vor und benennt sie als solche. Sie fehlt jedoch bei den germanischen Gesellschaften, so wie sie von Tacitus beschrieben werden. Die germanischen Gesellschaften ähneln der archaisch-griechischen Gesellschaft darin, dass auch hier eine juridische Instanz fehlt, es gibt keine Bestrebungen eine "Wahrheit" herauszufinden oder Beweise zu sammeln. Entscheidend ist eine Form der Probe, die die ökonomische oder physische Stärke einer Person oder der Gruppe, die die Person um sich schart, zum Ausdruck bringt.
"Sich in den Bereich des Rechts begeben heißt, den Mörder unter Beachtung bestimmter Regeln und Formen zu töten [...] Das Recht ist also die rituelle Fom des Krieges. [...] Man kann die Kette der Racheakte durch eine Absprache beenden. Dabei bedienen sich die beiden Kontrahenten eines Schiedsrichters, der mit Zustimmung beider Parteien eine Geldsumme festlegt, mit der sich der Täter freikaufen kann, nicht von seiner Schuld, denn es gibt keine Schuld, sondern von den Folgen seiner Tat, von der Rache. [...] Es ist eine Kraftprobe, die mit einer ökonomischen Transaktion enden kann13".
Die Probe und die strukturellen Merkmale dieser juristischen Form lassen sich bis zum Aufkommen der Untersuchung nachzeichnen. Foucault verweist jedoch ausdrücklich darauf, dass es sich bei der enquete nicht um eine Weiterentwicklung der Vernunft oder eine "Verfeinerung der Erkenntnis14" handle- das Aufkommen der enquete im 12. Jahrhundert sei "vor allem ein Instrument des Regierens, eine Verwaltungstechnik, also eine bestimmte Form der Machtausübung. [...] Der Verweis auf ein Erkenntnissubjekt und dessen interne Geschichte kann dieses Phänomen nicht erklären. Nur eine Analyse des politischen Kräftespiels, der Machtverhältnisse vermag die Entstehung der Untersuchung, der enquete zu erklären15".
Zusammenfassung der Kapitel
I. Die Probe und das Symbolon anhand des Oidipous tyrannos: Foucault analysiert Sophokles' Ödipus als erste Form griechischer Gerichtspraxis, bei der Macht und Wissen durch symbolische Zeugnisse verknüpft werden.
II. Die Untersuchung, franz. enquete: Dieses Kapitel beleuchtet den Übergang von archaischen Kraftproben hin zur inquisitorischen Untersuchung als Verwaltungstechnik und Machtinstrument.
III. Feudalismus: Die lettres de cachet und der procureur du roi: Hier wird die Praxis der administrativen Inhaftierung im absolutistischen Frankreich untersucht, die weniger der Rechtsjustiz als der polizeilichen Kontrolle entsprang.
IV. Die Sequestrierungsinstitutionen: Das Kapitel diskutiert die Entstehung des modernen Strafsystems und wie Institutionen zur Besserung und Normalisierung des Einzelnen das soziale Gefüge formen.
V. Kurze Kritik an Foucaults Terminologie: Die Autorin hinterfragt Foucaults unscharfe Definition des Machtbegriffs sowie die Pauschalität seiner historischen Einordnung von Institutionen.
Schlüsselwörter
Foucault, Macht, Wissen, Untersuchung, Enquete, Rechtspraxis, Oidipous, Sequestrierungsinstitutionen, Disziplinargesellschaft, Lettres de cachet, Strafrecht, Wahrheitssuche, Macht-Isomorphie, Sozialkontrolle, Gerichtswesen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert kritisch die von Michel Foucault in "Die Wahrheit und die juristischen Formen" skizzierten historischen Wandlungsprozesse von Justiz- und Machtsystemen.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Entwicklung rechtlicher Beweisführungen, die Entstehung der Untersuchung als Machtinstrument sowie die Rolle von Institutionen zur sozialen Disziplinierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Rekonstruktion und Hinterfragung der Foucaultschen Thesen zur Verknüpfung von politischer Macht und der Produktion von Wahrheit innerhalb juristischer Formen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse und wissenschaftliche Kritik, die auf der hermeneutischen Auseinandersetzung mit Primärtexten von Michel Foucault basiert.
Was steht im Mittelpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der griechischen Gerichtspraxis, die Entstehung der Enquete, das feudalistische System der lettres de cachet sowie die Etablierung moderner Sequestrierungsinstitutionen.
Durch welche Schlüsselwörter wird die Arbeit charakterisiert?
Die zentralen Begriffe sind Macht, Wissen, Untersuchung, Sequestrierungsinstitutionen und die kritische Analyse des Foucaultschen Machtbegriffs.
Inwiefern unterscheidet sich Foucaults Sicht auf Ödipus von klassischen Interpretationen?
Foucault interpretiert Ödipus nicht als psychoanalytisches Subjekt, sondern als Machtfigur, deren Handeln ein Beispiel für die Verschiebung von der göttlichen Prophetie zum empirischen Zeugnis darstellt.
Welche Kritik übt die Autorin an Foucaults Begriff der "Sequestrierung"?
Sie kritisiert, dass Foucault sehr unterschiedliche Institutionen unter diesem Begriff pauschal zusammenfasst, was als polemisch wahrgenommen wird und der Komplexität der Einzelfälle nicht gerecht wird.
- Quote paper
- Sahra Gabriele Foetschl (Author), 2008, Souveränität und Rechtsstaatlichkeit. Eine kurze Kritik an Foucaults Terminologie in "Die Wahrheit und die juristischen Formen", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/315523