Auch nach über 25 Jahren der Wiedervereinigung werden noch immer erkennbare Unterschiede zwischen den neuen und den alten Bundesländern angeführt. Lohnunterschiede, Arbeitslosigkeit und auch im Wahlverhalten sind Unterschiede nicht abzustreiten.
Doch woher kommen diese Unterschiede? Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe, anhand von Befragungsdaten der Bundestagswahl 2013 diesem Unterschied zwischen „Ost“ und „West“ nachzugehen und grundlegende Differenzen im politischen Denken zu identifizieren und zu erklären. Die Hoffnung dabei ist, durch den Nachweis nachhaltiger Auswirkungen der unterschiedlichen Sozialisation für die weder sichtbaren noch intendierten und auch nicht aktuellen Beeinflussungen der politischen Wahrnehmungs- und Bewertungsfähigkeit von Individuen zu sensibilisieren, um diese als weitere mögliche Variable in Ost/West-Untersuchungen der aktuellen Forschung miteinzubeziehen.
In der Wahl- und Einstellungsforschung gibt es schon seit langem Bestrebungen, diese Frage zu klären. Dabei werden unter anderem soziostrukturelle oder auch sozialpsychologische Erklärungsansätze verfolgt, um Gründe für die Unterschiede zu elaborieren. Diese beziehen sich aber vor allem auf den aktuellen Kontext, in welche die Individuen eingebettet sind. Wodurch wurden die unterschiedlichen Gegebenheiten aber bedingt? Die Teilung Deutschlands in zwei sich gegenüberstehende Staaten mit unterschiedlichen Vorstellungen, Ideologien und politischen Rahmenbedingungen kann kaum folgenlos sein für die politische Wahrnehmung der Individuen heutzutage, zumindest jedenfalls solcher, welche in einem der beiden Systeme aufgewachsen sind. Und ist es nicht denkbar, dass neben dem Wahlverhalten noch wesentlich grundlegende Unterschiede der heutigen Individuen durch die unterschiedlichen Sozialisationsrahmen induziert sind?
Theoretisch wird hierbei auf die Arbeit von Philip E. Converse zur „nature of belief systems in mass publics“ aufgebaut. Converse befasst sich dort mit ebenjenen grundlegenden Strukturen des politischen Bewusstseins und entwickelt ein Konzept von political sophistication. Dieses theoretische Konzept wird in messbare Indikatoren umgesetzt, um Unterschiede zwischen "Ost" und "West" nachweisen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen und Hypothesen
2.1 Political Sophistication und die Entstehung von Belief Systems
2.2 Sozialisationsprozesse
2.3 Black and White-Modell
2.4 Orientierung im politischen Raum: Links/Rechts-Schema
3. Hypothesen
4. Methodisches Vorgehen: Operationalisierung und Durchführung
5. Ergebnisse
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht anhand von Befragungsdaten der Bundestagswahl 2013, ob es zwischen in der DDR und in der BRD aufgewachsenen Individuen signifikante Unterschiede in ihrer politischen Versiertheit (political sophistication) gibt. Das primäre Ziel ist es, nachhaltige Auswirkungen unterschiedlicher politischer Sozialisation auf das heutige politische Denken, konkret auf das Abstraktions- und Orientierungsvermögen im politischen Raum, zu identifizieren und zu erklären.
- Unterschiede in der political sophistication zwischen Ost- und Westdeutschland
- Einfluss von Sozialisationsprozessen auf die politische Identität
- Anwendung des Konzepts der "belief systems" nach Philip E. Converse
- Überprüfung des Links/Rechts-Schemas als Orientierungsdimension
- Analyse der politischen Kognition und Abstraktionsfähigkeit
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
In der Nacht vom neunten auf den zehnten November 1989 wurde mit dem Fall der Berliner Mauer die Wiedervereinigung der DDR mit der BRD eingeläutet (Weber 2010, 130). Aber auch nach nunmehr 25 Jahren der Wiedervereinigung werden noch immer erkennbare Unterschiede zwischen den neuen und den alten Bundesländern angeführt. Lohnunterschiede, Arbeitslosigkeit und auch im Wahlverhalten sind Unterschiede nicht abzustreiten. Doch woher kommen diese Unterschiede? In der Wahl- und Einstellungsforschung gibt es schon seit langem Bestrebungen, diese Frage zu klären. Dabei werden unter anderem soziostrukturelle (vgl. Lazarsfeld 1944) oder auch sozialpsychologische (vgl. Campbell 1980) Erklärungsansätze verfolgt um Gründe für die Unterschiede zu elaborieren. Diese beziehen sich aber vor allem auf den aktuellen Kontext, in welche die Individuen eingebettet sind. Wodurch wurden die unterschiedlichen Gegebenheiten aber erst bedingt? Die Teilung Deutschlands in zwei sich gegenüberstehende Staaten, mit unterschiedlichen Vorstellungen, Ideologien und politischen Rahmenbedingungen (vgl. Waterkamp 1989, 124) kann kaum folgenlos sein für die politische Wahrnehmung der Individuen heutzutage, zumindest jedenfalls solcher, welche in einem der beiden Systeme aufgewachsen sind. Und ist es nicht denkbar, dass neben dem Wahlverhalten noch wesentlich grundlegende Unterschiede der heutigen Individuen durch die unterschiedlichen Sozialisationsrahmen induziert sind?
Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe, anhand von Befragungsdaten der Bundestagswahl 2013 diesem Unterschied zwischen „Ost“ und „West“ nachzugehen und grundlegende Differenzen im politischen Denken zu identifizieren und zu erklären. Die Hoffnung dabei ist, durch den Nachweis nachhaltiger Auswirkungen der unterschiedlichen Sozialisation für die weder sichtbaren noch intendierten und auch nicht aktuellen Beeinflussungen der politischen Wahrnehmungs- und Bewertungsfähigkeit von Individuen zu sensibilisieren, um diese als weitere mögliche Erklärung in Ost/West-Untersuchungen der aktuellen Forschung miteinzubeziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob 25 Jahre nach der Wiedervereinigung noch sozialisationsbedingte Unterschiede im politischen Denken zwischen Ost- und Westdeutschen bestehen.
2. Theoretischer Rahmen und Hypothesen: Dieses Kapitel erläutert die Konzepte der "political sophistication", der "belief systems", Sozialisationsmodelle sowie das Links/Rechts-Schema als theoretische Basis.
3. Hypothesen: Hier werden die aus der Theorie abgeleiteten Hypothesen explizit formuliert, die einen Zusammenhang zwischen dem Herkunftssystem (DDR/BRD) und der Ausprägung der "political sophistication" annehmen.
4. Methodisches Vorgehen: Operationalisierung und Durchführung: Das Kapitel beschreibt die Nutzung der GLES-Daten der Bundestagswahl 2013 und die Operationalisierung der abhängigen Variablen mittels Parteieneinordnung auf der Links/Rechts-Achse.
5. Ergebnisse: Die empirischen Ergebnisse werden präsentiert und diskutiert, wobei die Hypothese einer geringeren "political sophistication" bei in der DDR aufgewachsenen Befragten geprüft wird.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, reflektiert die Validität der gewählten Indikatoren und diskutiert die Aussagekraft der Studie sowie Ansätze für weitere Forschung.
Schlüsselwörter
Political Sophistication, Belief Systems, Politische Sozialisation, Ost/West-Vergleich, Bundestagswahl 2013, GLES, Links/Rechts-Schema, Politische Kognition, Abstraktionsvermögen, Politische Identität, DDR, BRD, Politische Orientierung, Sozialisationsmodelle, Politisches Wissen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob es auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung systematische Unterschiede in der politischen Versiertheit ("political sophistication") zwischen Menschen gibt, die in der DDR aufgewachsen sind, und solchen, die in der BRD sozialisiert wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf den Konzepten der "political sophistication" und "belief systems" von Philip E. Converse, Modellen politischer Sozialisation sowie der empirischen Analyse des politischen Abstraktionsvermögens im Rahmen der Bundestagswahl 2013.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass unterschiedliche Sozialisationsbedingungen in der DDR und BRD zu messbaren Differenzen im politischen Denken, konkret im Abstraktions- und Orientierungsvermögen, geführt haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quantitativen Sekundäranalyse von Daten der German Longitudinal Election Study (GLES) zur Bundestagswahl 2013, wobei das Abstraktionsniveau anhand der korrekten Parteieneinordnung auf einer Links/Rechts-Skala gemessen wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über die Entstehung politischer Überzeugungssysteme und Sozialisationsprozesse sowie die anschließende empirische Operationalisierung und Auswertung der Daten zur Überprüfung der Hypothesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Political Sophistication, Belief Systems, Politische Sozialisation, Ost/West-Vergleich sowie die GLES-Daten der Bundestagswahl 2013.
Wie wurde die politische Versiertheit konkret gemessen?
Die "political sophistication" wurde durch die Fähigkeit der Befragten operationalisiert, die gängigen Parteien der Bundesrepublik Deutschland korrekt auf einer Links/Rechts-Achse anzuordnen.
Welches Ergebnis lieferte der Vergleich zwischen Ost und West?
Die Studie bestätigt die Hypothese, dass Befragte, die in der DDR aufgewachsen sind, eine geringere politische Versiertheit aufweisen als jene, die in der BRD aufgewachsen sind, wobei der Anteil der Befragten mit "richtiger" Parteieneinordnung in der West-Gruppe signifikant höher ausfiel.
- Arbeit zitieren
- Marco Gierke (Autor:in), 2015, Abstraktions- und Orientierungsfähigkeit im Politischen Raum. Ein Ost/West-Vergleich von 'Political Sophistication', München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/315492