Die vorliegende Arbeit versucht, wesentliche Punkte von Goethes Haltung gegenüber Tod und Jenseits herauszustellen. Dazu sollen in einem ersten Teil biographische Hinweise erarbeitet werden, so zum Beispiel, wie sich Goethe beim akuten Sterben von Verwandten und Freunden verhielt und welche anderen literarischen beziehungsweise philosophischen Einflüsse sein Todesbild geprägt haben.
In einem zweiten Schritt soll dann Goethes Todesverständnis mit der Darstellung menschlichen Sterbens in einem seiner späteren Werke, den ‘Wahlverwandtschaften’, verglichen werden. Dieser Roman, bei dem die gesamte Handlung dem Tod Ottilies entgegensteuert, erscheint für eine solche Betrachtung sehr lohnenswert.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
II. Goethe und der Tod
1. Der Tod im Leben Goethes
1.1. Überwindung des Todes durch das Leben
1.2. Der Tod des Großherzogs – Goethes Flucht nach Dornburg
2. Der Genius mit der Fackel
III. Der Tod in den ‘Wahlverwandtschaften’
1. Der Kirchhof – Charlotte
2. Die Kapelle – Der Architekt
3. Der schöne Tod – Ottilie
IV. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themenfelder
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht Goethes ambivalentes Verhältnis zum Tod und dessen ästhetische Gestaltung in seinem Werk, mit besonderem Fokus auf den Roman „Die Wahlverwandtschaften“. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Goethe den Tod nicht als Ende, sondern als mit dem Leben verbundenen, zu gestaltenden Prozess begreift und diese Haltung literarisch umsetzt.
- Biographische Analyse von Goethes Umgang mit Sterbefällen
- Einfluss ästhetischer Theorien (z. B. Lessings Todesgenius) auf Goethes Todesbild
- Die Funktion von Kunst und Ästhetisierung zur Bewältigung der Vergänglichkeit
- Die Bedeutung von Raumgestaltung (Kirchhof, Kapelle) im Roman
- Ottilies Tod als vollendete ästhetische Form der Lebensbewältigung
Auszug aus dem Buch
3. Der schöne Tod – Ottilie
Auch Ottilie beteiligt sich, wie schon gesagt, an der vom Architekten initiierten ästhetisierenden Ausschmückung der Kapelle. Doch anders als die übrigen weiß sie die geschaffenen Zeichen zu deuten. Als sie allein in der fertigen Kapelle sitzt, verfällt sie in einen Zustand der Todesnähe: „es schien ihr [...] als wenn sie wäre und nicht wäre, als wenn sie sich empfände und nicht empfände.“ Ihr erscheint es, als ob dieser Raum, „wenn er zu irgendetwas genutzt werden sollte, nur zu einer gemeinsamen Grabstätte [für sie und Eduard] geeignet schien.“
Auch diese Vorzeichen, die dem Leser vielleicht nur unterbewusst das bevorstehende Ende Ottilies andeuten, können als ästhetisierendes Element verstanden werden. Indem nämlich verschiedentlich schon auf den Tod angespielt wird, sei es undeutlich in zeichenhaften Vorverweisen oder konkret im Tod des Geistlichen und des Kindes, wird dem endlichen Hinscheiden Ottilies der Schauer des Plötzlichen, Tragischen und damit Grauenhaften genommen.
In gleicher Weise geht auch die innere Entwicklung Ottilies zum Tod hin in überzeugendem und stufenweisem Fortschreiten vor sich. Von der schwärmerischen Angebeteten Eduards wird sie spätestens durch den Kindstod zur reuigen Sünderin, die beschließt, zu entsagen. So wie auch die „Entsagenden“ in ‘Wilhelm Meisters Wanderjahren’ entscheidet sie sich dafür, ihr Leben der immerwährenden Tätigkeit zu widmen. Doch als dies misslingt (durch Eduards ungestümes Eingreifen), entsagt sie auch dieser Absicht und verschließt sich, nach außen hin immer noch Tätigkeit vorspiegelnd, ganz vor der Welt. Sie geht ihren Weg und deshalb wäre es falsch, ihren Tod als „mythisches Opfer“ zu bezeichnen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Vorstellung des Themas, das Goethes Haltung zum Tod sowie dessen ästhetische Umsetzung in den "Wahlverwandtschaften" untersucht.
II. Goethe und der Tod: Untersuchung biographischer und philosophischer Einflüsse auf Goethes Todesverständnis, einschließlich der Ablehnung des Skeletts als Todesbild.
III. Der Tod in den ‘Wahlverwandtschaften’: Analyse der Todesdarstellung im Roman anhand der Figuren Charlotte, des Architekten und Ottilie.
IV. Zusammenfassung: Resümee über die diesseitsgerichtete Todesauffassung Goethes, in der der Tod als notwendige Ergänzung des Lebens und Lehrmeister der Entsagung begriffen wird.
Schlüsselwörter
Goethe, Wahlverwandtschaften, Tod, Ästhetisierung, Leben, Vergänglichkeit, Todesgenius, Lessing, Ottilie, Kunst, Entsagung, Jenseits, Polarität, Sterben, Romankritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Goethes komplexes und lebenslanges Verhältnis zum Tod und wie er diesen in seinem Schaffen – insbesondere in den „Wahlverwandtschaften“ – ästhetisch überformt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die biographische Auseinandersetzung Goethes mit dem Sterben, der Einfluss zeitgenössischer Kunsttheorien und die literarische Gestaltung des Todes als "schönes" und "sanftes" Geschehen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass der Tod bei Goethe kein bloßes Ende, sondern ein ästhetisch gestaltbarer Prozess ist, der untrennbar mit dem Leben verbunden bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die biographische Dokumente (Briefe), kunsttheoretische Schriften (Lessing) und eine textnahe Interpretation der "Wahlverwandtschaften" kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Goethes Abkehr von traditionellen Todesbildern, die Rezeption des "Todesgenius" sowie die spezifische Funktion der Figuren Charlotte, des Architekten und Ottilie in Bezug auf die Ästhetisierung des Todes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Goethe, Ästhetisierung des Todes, Wahlverwandtschaften, Vergänglichkeit, Kunst und Entsagung.
Warum spielt die Kapelle im Roman eine so wichtige Rolle für das Thema Tod?
Die Kapelle dient als Raum, in dem der Architekt versucht, durch eine ästhetische Ausgestaltung den Tod in das Leben zu integrieren und das "Grauenhafte" des Sterbens durch schöne, künstlerische Formen zu ersetzen.
Inwiefern unterscheidet sich Ottilies Tod von dem anderer Figuren?
Ottilie wird als eine Figur dargestellt, die sich dem Tod bewusst nähert und ihn nicht nur als passives Ende, sondern als letzte, notwendige Form der Entsagung und Erfüllung annimmt, wodurch ihr Tod eine besondere Ästhetik erhält.
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- Ralf Hartmann (Author), 1997, Die Ästhetisierung des Todes in Johann Wolfgang Goethes ‘Wahlverwandtschaften’, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/315098