Artikel 16(a), Abschnitt 1 des deutschen Grundgesetzes regelt die Grundrichtlinie des deutschen Asylrechts mit einem einfachen, kurzen Satz: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ Dieser Satz wurde gewiss auch aus dem Geist der Dankbarkeit gegenüber den zahlreichen Aufnahmeländern formuliert, in denen bis zu Beginn des zweiten Weltkrieges ungefähr 400.000 Deutsche vor der nationalsozialistischen Herrschaft Zuflucht fanden und dadurch überleben konnten.
Ein besonders interessantes Aufnahmeland ist die Türkei. Sie wurde in der europäischen Forschung stark vernachlässigt, obwohl wahrscheinlich in keiner anderen Nation die Aufnahme deutschsprachiger Emigranten stärkere gesellschaftliche Auswirkungen hatte. In der folgenden Arbeit soll gezeigt werden, dass dies einer besonderen historischen Situation, die einen Dualismus zweier parallel verlaufender, entgegengesetzter Entwicklungen darstellt, geschuldet ist. „Das Projekt der deutschsprachigen Emigration in der Türkei“ gewann eine eigene spezifische Dynamik, welche dazu führte, dass das gesamte moderne türkische Hochschulsystem auf deutscher Aufbauhilfe fußt.
Noch heute ist das Wort ,,Haymatloz“, das die deutschsprachige Emigranten zwischen 1933 und 1945 meint, den meisten Türken ein Begriff. In Deutschland hingegen verschwand dieser erfreuliche Abschnitt der deutsch-türkischen Beziehungen aus dem kollektiven Gedächtnis und ihm wird auch bei den aktuellen politischen Diskursen, über die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union einerseits, sowie über die (mangelnde) Integration türkischer Migranten in Deutschland andererseits, keine Bedeutung mehr zugemessen.
Der folgende Aufsatz soll aufzeigen, dass eine migrationswissenschaftliche Betrachtung der deutschsprachigen Emigration in der Türkei, im Besonderen ihrer Ursachen und Bedingungen, dennoch rentabel ist.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 EXIL ALS GEGENSTAND HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG
2.1 SCHWERPUNKTE HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG
2.2 VERHÄLTNIS VON EXILFORSCHUNG UND HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG
2.3 THEORETISCHE AUFFASSUNGEN HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG
2.4 METHODISCHE AUFFASSUNGEN HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG
3 TYPISIERUNG VON MIGRANTEN
3.1 PROBLEMATISIERUNG EINER MIGRANTENTYPOLOGIE
3.2 EMIGRATION
3.3 DIASPORA-MIGRATION
3.4 ARBEITSMIGRATION
4 THEORETISIERUNG DES EXILBEGRIFFS
4.1 EXIL BEI BERTHOLD BRECHT
4.2 EXIL BEI EDWARD SAID
5 DEUTSCHSPRACHIGE EMIGRATION IN DER TÜRKEI (1933 - 1939)
5.1 ENTWICKLUNGEN IM DEUTSCHEN HOCHSCHULWESEN
5.2 ENTWICKLUNGEN IM TÜRKISCHEN HOCHSCHULWESEN
5.3 BEDINGUNGEN DER EMIGRATION
5.4 INTEGRATION IN DER TÜRKEI
6 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
7 LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die deutschsprachige Emigration in die Türkei zwischen 1933 und 1939 mit dem Ziel, die Migrationserfahrung der Betroffenen jenseits unpräziser Sammelbegriffe migrationswissenschaftlich zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich die Emigranten als unterschiedliche Migrantentypen (wie Exilanten, Arbeitsmigranten oder Diaspora-Migranten) klassifizieren lassen und welche spezifischen Bedingungen und Ursachen die Emigration in die Türkei prägten.
- Methodische Verankerung der Exilforschung innerhalb der historischen Migrationsforschung.
- Kritische Analyse und Differenzierung der Begriffe Exil, Emigration, Diaspora und Arbeitsmigration.
- Untersuchung der Entwicklungen im deutschen und türkischen Hochschulwesen als Rahmenbedingungen.
- Analyse der Integrationsprozesse und Lebensbedingungen deutschsprachiger Emigranten in der Türkei.
- Diskussion des Exil-Konzepts nach Berthold Brecht und Edward Said in Bezug auf das Fallbeispiel Türkei.
Auszug aus dem Buch
4.1 Exil bei Berthold Brecht
Steinbach und Tuchel definieren Exilanten als „allein die Gruppe politischer und weltanschaulicher Gegner eines Staates, die sich im Ausland für den Sturz des feindlichen Regimes und ihre Rückkehr einsetzen“ (Steinbach/Tuchel 1994: 49).
Sie weisen allerdings darauf hin, dass die Begriffe „Emigration“ und „Exil“ von den emigrierten Gegnern des NS-Regimes teilweise synonym verwendet wurden. (Steinbach/Tuchel 1994: 49).
Dieser Abschnitt bezweckt jedoch eine Unterscheidung von Exil und Emigration und will sich dafür dem Begriff „Exil“ von zwei Seiten annähern. Da der Begriff „Exil“ meist von Literaturwissenschaftlern diskutiert wurde und in der historischen Migrationswissenschaft (vgl. oben) kaum Beachtung fand, soll auch die Klärung des Exil-Begriffs mit Hilfe des Dramatikers Berthold Brecht und des Literaturkritikers Edward Said erfolgen.
Dass Exil und Emigration nicht gleichzusetzen sind, verdeutlicht wohl am eindrücklichsten Brecht in seinem Gedicht „Über die Bezeichnung Emigranten“:
„Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten.
Das heißt doch Auswanderer. Aber wir
Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluß
Wählend ein anderes Land. Wanderten wir doch auch nicht
Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer.
Sondern wir flohen. Vertriebene, sind wir, Verbannte.
Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm.
Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe an den Grenzen
Wartend des Tages der Rückkehr, [...]
Aber keiner von uns
Wird hier bleiben. Das letzte Wort
Ist noch nicht gesprochen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Problemstellung und Zielsetzung, die Emigration in die Türkei im Kontext der historischen Migrationsforschung zu verorten.
2 EXIL ALS GEGENSTAND HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG: Theoretische und methodische Charakterisierung der historischen Migrationsforschung sowie deren Verhältnis zur Exilforschung.
3 TYPISIERUNG VON MIGRANTEN: Systematisierung und Differenzierung der Begriffe Emigration, Diaspora-Migration und Arbeitsmigration als analytische Kategorien.
4 THEORETISIERUNG DES EXILBEGRIFFS: Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Exilbegriff anhand der Perspektiven von Berthold Brecht und Edward Said.
5 DEUTSCHSPRACHIGE EMIGRATION IN DER TÜRKEI (1933 - 1939): Analyse der historischen Rahmenbedingungen, der Hochschulreformen und der Integrationserfahrungen der Emigranten in der Türkei.
6 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Fazit der Untersuchung mit der Erkenntnis, dass keine homogene Migrantenmasse vorlag, und Vorschläge für weiterführende Studien.
7 LITERATURVERZEICHNIS: Aufstellung der für die Arbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Historische Migrationsforschung, Exilforschung, deutschsprachige Emigration, Türkei, Emigranten, Fluchtmigration, Arbeitsmigration, Diaspora, Hochschulreformen, Identität, Marginalität, Integration, Wissenschaftsemigration, Nationalsozialismus, Edward Said.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die deutschsprachige Emigration in die Türkei zwischen 1933 und 1939 und analysiert diese kritisch vor dem Hintergrund migrationswissenschaftlicher Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die Abgrenzung von Migrationsbegriffen (Exil, Diaspora, Arbeitsmigration), die Analyse der politischen Rahmenbedingungen in Deutschland und der Türkei sowie die Untersuchung der spezifischen Situation der Wissenschaftsemigranten.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, das „Projekt der deutschsprachigen Emigration in der Türkei“ theoretisch präziser zu fassen und die Einordnung der betroffenen Personen in verschiedene Migrantentypen zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit orientiert sich methodisch an einem qualitativen, historisch-hermeneutischen Ansatz, um die spezifischen Erfahrungen und Lebensbedingungen der Emigranten besser erfassen zu können.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Theoretisierung des Exilbegriffs durch Brecht und Said sowie mit der konkreten historischen Untersuchung der deutschsprachigen Emigration in die Türkei, inklusive der Entwicklungen im dortigen Hochschulwesen und der Integrationserfahrungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem historische Migrationsforschung, Exil, Emigration, Türkei, Hochschulreformen, Arbeitsmigration und Marginalität.
Warum ist die Unterscheidung zwischen „Exil“ und „Arbeitsmigration“ in dieser Arbeit so wichtig?
Weil die Emigration in die Türkei oft fälschlicherweise als rein freiwillige Arbeitsmigration bezeichnet wurde; der Autor zeigt jedoch auf, dass der Zwang zur Flucht aus Deutschland die Motivation maßgeblich bestimmte.
Wie bewertet der Autor die Rolle von Edward Said für diese Arbeit?
Said dient als theoretisches Fundament, insbesondere durch sein Konzept der „doppelten Perspektive“ der Exilanten, welches hilft, die besondere Rolle der Wissenschaftler im türkischen Hochschulsystem zu erklären.
Welche Rolle spielten die Hochschulreformen für die Integration der Emigranten?
Die Reformbedürftigkeit des türkischen Hochschulwesens unter Atatürk bot den deutschen Wissenschaftlern ein konkretes Arbeitsfeld, was für viele eine relativ stabile berufliche Existenz ermöglichte.
- Arbeit zitieren
- Nelson Müller (Autor:in), 2012, Deutsche Emigration in die Türkei von 1933 bis 1939. Exil, Arbeitsmigration, Diaspora?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/312275