Fast jedes von Theodor Fontanes Werken bezieht sich hauptsächlich auf ein Thema, welches die Frau oder Frauen im Roman besonders hervorheben. In näherer Betrachtung ist festzustellen, dass die weiblichen Hauptprotagonisten in diesen immer einen moralischen Fauxpas begehen. Sei es Effie Briest im gleichnamigen Roman mit ihrer außerehelichen Beziehung, die Flucht Kathinkas in „Vor dem Sturm“ vor der arrangierten Hochzeit oder Lenes unstandesgemäße Liebe in „Irrungen, Wirrungen“.
Trotzdem erscheinen diese Frauen durch Fontanes Schilderungen sympathisch; man ist als Leser, trotz damals herrschenden gesellschaftlichen Vorgaben,nicht gewillt, sie zu verstoßen. Welche Umsetzung der Grundzüge der realistischen Literatur liegt hier vor? An dem Beispiel Lenes in „Irrungen, Wirrungen“ soll untersucht werden, inwiefern Fontanes Schilderungen der Frauengestalt mit den damaligen Verhältnissen übereinstimmen. Ist Fontanes Realismus immer realistisch? Und welche Rolle übernimmt hierbei die Rolle der Frau in seinen Romanen?
Um das herauszustellen, wird in der folgenden Arbeit zuerst dargelegt, inwieweit Fontane in seinen Romanen den Mustern des Realismus in Aspekten der Thematik oder der Verklärung folgt. Dann folgt hauptsächlich eine Abhandlung über die Darstellung der Lene in „Irrungen, Wirrungen“ und wie das vermittelte Bild zu den damaligen Zeiten passt. Schließlich wird bei Fontane direkt für Gründe gesucht, welche die Handlungsfolge in „Irrungen, Wirrungen“ erklären und mit der Meinung des Autors in Verbindung bringen soll. Hierbei spielt wieder das auftauchende Frauenbild im Zusammenhang mit Ehre und Moral eine bedeutende Rolle.
Inhaltsverzeichnis
0) Einführung: Die Frage nach Fontanes: Frauengestalten
1) Realistische Romane und Fontanes Denken darüber
2) Betrachtung des Ehrbegriffs und der Darstellung Lenes im Bezug zu den damaligen Begebenheiten der Gesellschaft
2) 1) Realitätsbezug der Handlung in „Irrungen, Wirrungen“
2) 2) Realitätsbezug in „Irrungen, Wirrungen“ von Bothos Entscheidung
2) 3) Diskrepanz zwischen Realität und Darstellung
3) Ursachensuche bei Fontane
4) Die Realität im Realismus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des Romans „Irrungen, Wirrungen“ von Theodor Fontane, inwieweit die literarische Darstellung der weiblichen Hauptfigur Lene Nimptsch mit den gesellschaftlichen Normen und Ehrvorstellungen des 19. Jahrhunderts korrespondiert oder von diesen abweicht, um Fontanes spezifisches Verständnis des Realismus zu beleuchten.
- Analyse der realistischen Literaturepoche und Fontanes persönlicher Auffassung
- Untersuchung des Ehrbegriffs und der gesellschaftlichen Moral des 19. Jahrhunderts
- Deutung der Liebesbeziehung zwischen Lene und Botho im Kontext von Standesgrenzen
- Erörterung der Diskrepanz zwischen literarischer Darstellung und gesellschaftlicher Realität
- Reflexion über Fontanes Gesellschaftskritik und sein Frauenbild
Auszug aus dem Buch
Realitätsbezug der Beziehung Lenes und Bothos in „Irrungen, Wirrungen“
Lene Nimptsch als weibliche Hauptfigur des Romans „Irrungen, Wirrungen“ und ihre unstandesgemäße außereheliche Beziehung zu Botho Rienäcker sind in ihrer Darstellung durch Theodor Fontane mit dem Bezug zu den damaligen Begebenheiten zu betrachten.
Am Anfang des Romans finden sich Frau Nimptsch, Adoptivmutter der Lene, und Frau Dörr, deren Nachbarin zusammen. Sie unterhalten sich über die junge Frau und ihre Liebe zu Botho. Frau Nimptsch meint dabei: „Ich glaube, sie denkt so was, wenn sie´s auch nich [sic!] wahrhaben will, und bildet sich was ein.“ Daraufhin antwortet die Nachbarin: „Immer wenn das Einbilden anfängt, fängt auch das Schlimme an.“ An diesem Dialog erkennt man die eigentliche Problematik dieses Romans für die bürgerliche Schicht, welcher die beiden Frauen angehören. Lene als Bürgerliche und Botho als Offizier können in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts keine öffentliche Liebe leben.
Zusammenfassung der Kapitel
0) Einführung: Die Frage nach Fontanes: Frauengestalten: Die Einleitung führt in die Bedeutung Fontanes als Realisten ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Übereinstimmung seiner Frauengestalten mit den gesellschaftlichen Verhältnissen am Beispiel von Lene.
1) Realistische Romane und Fontanes Denken darüber: Dieses Kapitel erläutert den Begriff des Realismus und kontrastiert Fontanes literarische Auffassung von der negativen Kritik seiner Zeitgenossen.
2) Betrachtung des Ehrbegriffs und der Darstellung Lenes im Bezug zu den damaligen Begebenheiten der Gesellschaft: Es wird die moralische Problematik der unstandesgemäßen Beziehung zwischen Lene und Botho im Kontext der damaligen Moralvorstellungen analysiert.
2) 1) Realitätsbezug der Handlung in „Irrungen, Wirrungen“: Hier wird der Fokus auf die konkreten gesellschaftlichen Einschränkungen gelegt, die eine öffentliche Beziehung zwischen den Protagonisten unmöglich machen.
2) 2) Realitätsbezug in „Irrungen, Wirrungen“ von Bothos Entscheidung: Das Kapitel beleuchtet den familiären und sozialen Druck, der Botho zu seiner schließlichen Entscheidung gegen Lene zwingt.
2) 3) Diskrepanz zwischen Realität und Darstellung: Es wird untersucht, warum die Darstellung der Lene als sympathische und moralisch integre Figur trotz ihres Regelverstoßes im Widerspruch zur zeitgenössischen Wahrnehmung steht.
3) Ursachensuche bei Fontane: Die Analyse hinterfragt Fontanes Beweggründe für die sympathische Zeichnung Lenes und seine damit verbundene, eher unterschwellige Gesellschaftskritik.
4) Die Realität im Realismus: Das Fazit resümiert, dass Fontane zwar den Realismus bedient, aber durch die Art der Figurengestaltung eine Modernität erreicht, die ihn aus der Enge des 19. Jahrhunderts heraushebt.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, Realismus, Irrungen Wirrungen, Frauenbild, Lene Nimptsch, Standesgesellschaft, Ehrbegriff, Moral, Literaturanalyse, Gesellschaftskritik, 19. Jahrhundert, Liebesbeziehung, gesellschaftliche Normen, Botho Rienäcker, Literaturrezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literarischen Darstellung von Frauengestalten in Theodor Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“ und deren Verhältnis zur gesellschaftlichen Realität des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der Ehrbegriff, moralische Normen der Standesgesellschaft, die Konfiktlinie zwischen individuellem Liebesbedürfnis und sozialem Zwang sowie Fontanes Interpretation des literarischen Realismus.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist zu untersuchen, inwiefern Fontane die Grundsätze des Realismus umsetzt und warum seine Schilderung einer „gefallenen“ Frau dennoch sympathisch und modern wirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext unter Einbeziehung von Fachliteratur und historischen Kontexten (wie Ehrbegriffen und Rechtslage) untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Fontanes Realismusverständnis, die Analyse der Beziehung zwischen Lene und Botho unter dem Druck der Gesellschaft und die Reflexion über Fontanes Intention hinter diesem Frauenbild.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Realismus, Standesgesellschaft, Ehrbegriff, Moral, Fontane und die spezifische Konstellation der Hauptfiguren in „Irrungen, Wirrungen“.
Wie bewertet der Autor Fontanes Gesellschaftskritik?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Fontanes Gesellschaftskritik nicht direkt ausgesprochen, sondern subtil durch die liebevolle und menschliche Zeichnung der Protagonistin Lene vermittelt wird.
Warum wird Lene als moderne Figur wahrgenommen?
Lene wird als modern wahrgenommen, weil sie trotz gesellschaftlicher Sanktionen ihr Leben nach eigenen Entschlüssen führt und Fontane sie nicht als rein moralisch Verfehlte darstellt.
- Arbeit zitieren
- Anne-Marie Holze (Autor:in), 2010, Die Frauenrollen Fontanes. Eine Untersuchung von Lene im Werk "Irrungen, Wirrungen" und dem Grad der Diskrepanz zwischen Realität und Darstellung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/311639