Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss des islamischen Ostens auf die Architektur des venezianischen fondaco dei turchi – des Handelsposten osmanischer Händler in Venedig. Als Umschlagplatz für Handel mit diversen Luxusgütern und als Ort des Informations- sowie sprachlichen Austauschs, entwickelte sich die Institution fondaco in der westlichen Welt zur Verkörperung des kulturellen Transfers. Ein Bestreben dieser Arbeit ist ferner das Aufzeigen der grundlegenden Schwierigkeiten in Bezug auf die Benennung exakter architektonischer Vorbilder – anhand eines konkreten Beispiels und einer anschließenden Forschungsdiskussion wird dies anschaulich dargestellt.
Um die islamischen Einflüsse in der Architektur untersuchen zu können, ist es zuerst notwendig die Besonderheiten der venezianischen Baukunst zu analysieren, da Bauvorhaben in der Lagunenstadt aufgrund des sandigen Untergrundes einmalige charakteristische Züge entwickelten.
Venedig – über Jahrhunderte hinweg das „Tor zum Osten“ genannt – pflegte, trotz häufiger kriegerischer Auseinandersetzungen um die Vormachtstellung im östlichen Mittelmeerraum, sehr gute Handelsbeziehungen mit dem osmanischen Reich. Gehandelt wurden seit dem 9. Jahrhundert in beide Richtungen Sklaven sowie Konsum- und Luxusgüter.
Die konstante Abwehr der Bedrohung durch die schnelle Expansion des osmanischen Reiches bedingte einen unvermeidbaren wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen sowie künstlerischen Austausch zwischen Venedig und Konstantinopel, nach der Eroberung durch die Türken 1453 Istanbul genannt. Macht und Reichtum der Lagunenstadt erwuchsen aus der jahrhundertlangen Monopolstellung im Orienthandel, der geschickten Politik sowie aus den umfangreichen Handelsprivilegien in der Levante. Der Erfolg der venezianischen Händlern begründete sich in der Akkumulation von Wissen in Venedig: die zahlreichen Diplomaten und Händler aus aller Welt trugen sehr viele Informationen in die Stadt und durch das fortschrittliche Verlagswesen wurden Reiseliteratur und Pilgerfahrtenberichte weit verbreitet. Die Toleranz gegenüber allen religiösen Gruppen und die Offenheit gegenüber Reisenden machten die Stadt für Landfremde sehr attraktiv.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
Zur Quellen- und Forschungslage
II. Der fondaco als Institution
Zur Definition des Begriffes
Der fondaco als Architekturtypus in Venedig
Zu den Vorteilen und Nachteilen der Handelsposten
Vorgeschichte
III. Der fondaco dei turchi
Beschreibung
Nutzungsgeschichte
IV. Zur Stilistik und der Hypothese islamischer Vorbilder
Beispiele der Übernahme islamischer Motive am fondaco dei turchi
V. Kritische Überlegungen
VII. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss des islamischen Ostens auf die Architektur des venezianischen fondaco dei turchi, der als Handelsposten für osmanische Händler fungierte. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit islamische Architekturvorbilder die Gestaltung dieses spezifischen Gebäudetypus in Venedig beeinflusst haben und welche Schwierigkeiten sich bei der eindeutigen Bestimmung dieser architektonischen Transferprozesse ergeben.
- Historische Entwicklung und Funktion des fondaco-Typus
- Architektonische Merkmale des fondaco dei turchi
- Analyse des künstlerischen und kulturellen Austauschs zwischen Venedig und dem Osmanischen Reich
- Diskussion über die Rezeption islamischer Architekturmotive im byzantinisch geprägten Venedig
- Kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Hypothesen zum orientalischen Einfluss
Auszug aus dem Buch
Beispiele der Übernahme islamischer Motive am fondaco dei turchi
Zur Veranschaulichung der in der Literatur aufgestellten Thesen wird im folgenden exemplarisch an der Zinnenbekrönung des fondaco dei turchi gezeigt, wie islamische Architekturformen Eingang in die venezianische Formensprache gefunden haben könnten. Diese Herleitung basiert auf der Annahme, dass der Zinnenkranz schon die ursprünglichen Fassade des Palastes geziert hat.
Die horizontal am Dach verlaufenden Zierzinnen am fondaco dei turchi bestehen aus großen, nach oben dreikantig zulaufenden Platten, die durch Bogensegmente miteinander verbunden und mit einer Kugel an der abgeflachten Spitze versehen sind. In der Annahme, dass dieses Schmuckelement islamischen Vorbildern folgt, darf man davon ausgehen, dass die merkantilen Zentren des osmanischen Reiches gemeint sind – demzufolge Kairo, Aleppo, Damaskus oder Istanbul.
Die erste Annahme lautet, dass die Zierzinnen am venezianischen fondaco ein wörtliches Zitat islamischer Architekturformen darstellen. Beim Betrachten verschiedener Moscheen aus den genannten Metropolen fällt auf, dass viele einen Zinnenkranz aufweisen: in Damaskus findet man beispielsweise die Große umayyad Moschee, welche von einer Basilika (zwischen 708 und 715) in eine muslimischen Moschee umgewandelt wurde. In Aleppo findet man weiterhin die ar-Rahman Moschee, deren Kuppel und Minarette mit Zierzinnen versehen sind. Die meisten mit Zinnen bekrönten Elemente sind jedoch die Moscheen in Kairo, unter anderem die al-Hakim Moschee, die Moschee des ʿAmr ibn al-ʿĀs oder die Sultan al-Nasir Muhammad ibn Qala'un Moschee. Wenn man die engen venezianisch-mamelukischen Kontakte bedenkt, stammt das islamische Dekorationselement eines Zinnenkranzes am wahrscheinlichsten aus Kairo. Ein Zinnenkranz exakten Aussehens ist zwar weder im syrischen noch im ägyptischen Gebiet zu finden, jedoch könnte allein das Vorhandensein des Elements die Phantasie der venezianischen Architekten angeregt haben.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die langjährigen wirtschaftlichen und kulturellen Handelsbeziehungen zwischen Venedig und dem Osmanischen Reich als Basis für den architektonischen Austausch.
II. Der fondaco als Institution: Dieses Kapitel definiert den Begriff fondaco als Handelsposten und erläutert dessen funktionale sowie architektonische Bedeutung im mittelalterlichen Venedig.
III. Der fondaco dei turchi: Hier wird der historische Palazzo da Pesaro detailliert beschrieben und seine Nutzungsgeschichte von der Errichtung bis zur Umwidmung als Museum nachgezeichnet.
IV. Zur Stilistik und der Hypothese islamischer Vorbilder: Das Kapitel analysiert die Integration byzantinischer und islamischer Architekturelemente in die venezianische Fassadengestaltung am Beispiel der Zinnenbekrönung.
V. Kritische Überlegungen: Die Autorin hinterfragt etablierte Forschungshypothesen und argumentiert, dass viele Ähnlichkeiten eher der funktionalen Notwendigkeit als einer direkten architektonischen Kopie entspringen.
VII. Schlussbemerkung: Die Arbeit fasst zusammen, dass eine klare Trennung der Einflüsse schwierig ist und betont die Grenzen der Forschung aufgrund fehlender osmanischer Primärquellen.
Schlüsselwörter
Venedig, fondaco dei turchi, Handelsbeziehungen, Osmanisches Reich, Architekturtransfer, Kulturtransfer, Orientalismus, byzantinischer Stil, Baugeschichte, Palastarchitektur, Levantehandel, muslimische Händler, kunsthistorische Analyse, Zierzinnen, Architekturrezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht den Einfluss des islamischen Orients auf die Architektur des venezianischen fondaco dei turchi und die damit verbundenen Kulturtransferprozesse.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Geschichte des Handels zwischen Venedig und dem Osmanischen Reich, der Bautypologie des fondaco und der architektonischen Stilanalyse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Hypothese islamischer Vorbilder für venezianische Architekturdetails kritisch zu prüfen und die Schwierigkeiten bei der Bestimmung exakter architektonischer Referenzen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche sowie der vergleichenden Analyse historischer Baubeschreibungen und Fassadenelemente im Kontext der venezianischen Palastbauweise.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die institutionelle Definition des fondaco, die Baugeschichte des spezifischen fondaco dei turchi sowie eine detaillierte stilistische Untersuchung unter Einbeziehung byzantinischer Einflüsse.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wesentliche Begriffe sind Venedig, fondaco dei turchi, Architekturtransfer, Levantehandel und die Interaktion zwischen christlicher und islamischer Kultur im Mittelalter.
Inwiefern beeinflussten Sicherheitsüberlegungen die Gestaltung des Gebäudes?
Die venezianische Regierung legte Wert auf eine abgeschirmte Architektur, um muslimische Händler zu überwachen und gleichzeitig die christliche Bevölkerung zu schützen, was zu spezifischen Merkmalen wie abgeschirmten Fenstern führte.
Warum ist es laut Autorin schwierig, exakte islamische Vorbilder zu identifizieren?
Die Autorin argumentiert, dass es an primären osmanischen Quellen mangelt und viele architektonische Ähnlichkeiten eher aus einer vergleichbaren funktionalen Nutzung resultieren als aus einer direkten Nachahmung.
- Arbeit zitieren
- Irina Antoniu (Autor:in), 2015, Il Fondaco dei Turchi. Das Handelshaus der osmanischen Händler in Venedig, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/311114