Im Jahr 2010 erschien bei der Bundeszentrale für politische Bildung in hoher Auflage das Buch Konzepte der Politik – ein Kompetenzmodell von einer Autorengruppe um Dr. Georg Weißeno, Professor für Politikwissenschaft und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Das Buch ist mit einer Auflage von 600 Exemplaren beim Wochenschau Verlag und mit einer wesentlich höheren Auflage von 7900 Exemplaren bei der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht worden. Es erweckt dadurch den Eindruck, ein must have für jeden Lehrer der Politischen Bildung zu sein. Der Eindruck verstärkt sich nur, nachdem man beispielsweise die Rezension von Annette Kammertöns, erschienen in der Zeitschrift „Politisches Lernen“ 2010 , gelesen hat oder sieht, an wie viel Universitäten auf der Grundlage dieses Buches angehende Lehrer des Faches ausgebildet werden. In der Einführungsveranstaltung zur Politikdidaktik im Wintersemester 2010/2011 an der Universität Augsburg bei Herrn Dr. Bernhard Ohlmeier ist beispielsweise im Kommentar zur Lehrveranstaltung folgendes zu lesen:
Mit den „Konzepten der Politik“ hat die Politikdidaktik ein Modell geschaffen, das auch den Gegenstand der Demokratie auf demokratietheoretischer und empirischer Basis inhaltlich in Form von Basis und Fachkonzepten zu füllen versucht und ein Fachwissen bestimmt, das im Unterricht vermittelt werden soll.
Ein Jahr später erschien in ähnlich hoher Auflage beim Wochenschau Verlag (800 Exemplare), aber in sehr viel geringerer Auflage bei der Bundeszentrale für politische Bildung (1400 Exemplare) von der Autorengruppe Fachdidaktik das Buch Konzepte der politischen Bildung – eine Streitschrift . Die Streitschrift übt starke Kritik an dem von Georg Weißeno et al. vorgeschlagenen Kompetenzmodell und möchte mit den Beiträgen von insgesamt acht Autoren einen grundlegenden Beitrag zur Diskussion um die zu vermittelnden Inhalte und deren Art und Weise in der Politischen Bildung leisten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Konzepte-Band von Georg Weißeno et al.
2.1 Die politische Bildung in der Schule
2.2 Die Konzepte
2.2.1 Basis- und Fachkonzepte
2.2.2 Präkonzepte
2.3 Die kompetenzorientierte Unterrichtsplanung
3 Die Kritik der Autorengruppe Fachdidaktik
3.1 Kritik am Kompetenzbegriff
3.2 Kritik am inhaltlichen Kernbereich „Politikwissenschaft“
3.3 Kritik an den Konzepten
3.4 Kritik am Umgang mit Medien und an der Unterrichtsplanung
4 Bewertung des Konfliktes
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit zwei zentralen Werken der aktuellen politikdidaktischen Debatte auseinander: dem von Georg Weißeno et al. entwickelten „Konzepte-Band“ und der darauf antwortenden „Streitschrift“ der Autorengruppe Fachdidaktik. Ziel ist es, die unterschiedlichen fachdidaktischen Positionen gegenüberzustellen, um die Bedeutung der Debatte für die Gestaltung politischer Bildung zu analysieren.
- Analyse des Kompetenzmodells von Weißeno et al.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Politikwissenschafts-Verständnis im Fachunterricht
- Diskussion über die Rolle von Konzepten und begrifflichem Lernen
- Bewertung methodischer Ansätze zur kompetenzorientierten Unterrichtsplanung
- Reflexion über Pluralität und Kontroversität in der politischen Bildung
Auszug aus dem Buch
3.1 Kritik am Kompetenzbegriff
Ein erster Kritikpunkt, welcher bei fast allen Autoren angesprochen wird, ist der an dem Kompetenzbegriff von Georg Weißeno et al.
So kritisiert beispielsweise Wolfgang Sander, dass die Ausbildung von Kompetenzen sich nicht auf bestimmte Fächer konzentrieren sollte, sondern, nach Weinert, dazu dienen sollte, inhaltsunspezifische und fächerübergreifende Probleme zu lösen. Georg Weißeno et al. trieben hingegen – sich auf die Definition von fachspezifischen Kompetenzmodellen der Klieme-Expertise berufend – eine „[…] Profilierungs- und [Abgrenzungsakrobatik] zwischen den schulischen Fächern […]“ auf die Spitze. Auch die Klieme-Expertise griff bei der Definition von Kompetenzen auf eine Formulierung Weinerts zurück: „[…] die bei Individuen verfügbaren oder durch die erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösung in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können“.
Mit dieser Definition begründete laut Wolfgang Sander die Expertise ihren fachspezifischen Zugang. Georg Weißeno et al. hingegen nutzten diese Definition, um nicht nur das Fach der Politischen Bildung von anderen Unterrichtsfächern abzugrenzen, sondern auch, um innerhalb des Faches Teilgebiete künstlich voneinander abzugrenzen. Mit dieser Vorgehensweise entfernten sich die Autoren um Georg Weißeno demnach immer mehr von der ursprünglichen Idee Weinerts, dass Kompetenzen die Bewältigung fachunspezifischer Probleme ermöglichen sollten. Weiterhin erwähnt Wolfgang Sander, dass Kompetenzen nicht nur aus fachspezifisch-kognitiven, sondern auch aus methodischen Fähigkeiten bestünden. Georg Weißeno et al. hingehen klammerten alle Kompetenzen, die sich nicht auf das Wissen beschränkten aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Kontroverse um das Werk von Weißeno et al. ein und definiert das Ziel der Arbeit, die kritischen Positionen der Autorengruppe Fachdidaktik zu beleuchten.
2 Das Konzepte-Band von Georg Weißeno et al.: Das Kapitel erläutert den Vorschlag eines konsensualen Kompetenzmodells, das auf politikwissenschaftlichen Basis- und Fachkonzepten basiert.
3 Die Kritik der Autorengruppe Fachdidaktik: Hier werden die zentralen Einwände gegen das Modell dargelegt, insbesondere hinsichtlich der Engführung auf Politikwissenschaft und der Definition von Begriffen.
4 Bewertung des Konfliktes: Das abschließende Kapitel reflektiert den Wert der Debatte für die Weiterentwicklung der politikdidaktischen Theorie und Schulpraxis.
Schlüsselwörter
Politikdidaktik, Kompetenzmodell, Georg Weißeno, Autorengruppe Fachdidaktik, politische Bildung, Basiskonzepte, Fachkonzepte, Kompetenzorientierung, Politikwissenschaft, Civic Literacy, Unterrichtsplanung, fachdidaktische Kritik, Politische Urteilsfähigkeit, Streitschrift, Bildungsstandards.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die fachdidaktische Auseinandersetzung zwischen dem Kompetenzmodell von Georg Weißeno et al. und der kritischen Stellungnahme der Autorengruppe Fachdidaktik.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die Definition von Kompetenzen, die Rolle der Politikwissenschaft als Kernbereich, die Nutzung von Fachkonzepten und die methodische Gestaltung des Unterrichts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Gegenüberstellung beider Positionen, um die Bedeutung der Debatte für die Vermittlung von Inhalten in der politischen Bildung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine deskriptive und analytische Literaturarbeit, um die Argumente des Konzepte-Bandes sowie der Streitschrift systematisch zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das Modell von Weißeno et al. vorgestellt und anschließend die spezifischen Kritikpunkte (Kompetenzbegriff, Wissenschaftsverständnis, Konzepte und Unterrichtsplanung) detailliert erörtert.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kompetenzmodell, fachdidaktische Kritik, Basis- und Fachkonzepte sowie das Spannungsfeld zwischen Politikwissenschaft und politischer Bildung charakterisiert.
Welche konkrete Kritik äußert Wolfgang Sander am Kompetenzmodell?
Sander kritisiert insbesondere die fachspezifische Engführung des Kompetenzbegriffs und fordert, dass Kompetenzen primär der Bewältigung inhaltsunspezifischer Probleme dienen sollten.
Warum wird die Unterrichtsplanung von Weißeno et al. als "geschlossen" bezeichnet?
Die Kritik besagt, dass die Planung vom Ergebnis her gedacht wird und somit die notwendige innere Dynamik sowie die Berücksichtigung individueller Lernwege und Vorwissen der Schüler vernachlässigt.
- Quote paper
- Annegret Jahn (Author), 2011, Aktuelle Tendenzen in der Politikdidaktik. Kritik der Autorengruppe Fachdidaktik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/310402