Obwohl es viele offensichtliche Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier gibt, wird der Mensch in der philosophischen Tradition zumeist als etwas Anderes, als etwas Besonderes bestimmt. Er allein besitze den Logos, also den Verstand und die Sprache. Allerdings kann man sich die Frage stellen, ob der Mensch tatsächlich etwas ganz Anderes als ein Tier ist. Oder ist vielleicht das Tier der ganze Andere? Vielleicht besteht eine Fremdheit zwischen Tier und Mensch, die nicht überwunden werden kann? Die vielleicht gar nicht überwunden werden muss?
Die Tierphilosophie will Antwort auf solche und noch weitere Fragen geben, und hierbei bewegt sie sich zumeist zwischen zwei extremen Positionen. Entweder sie spricht den Tieren menschliche Eigenschaften zu, z.B. Denkvermögen und Sprachfähigkeit, oder aber sie macht die Unterschiede, die neben den vielen Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier bestehen, besonders stark.
Letztere Position wird auch von Martin Heidegger in seiner Vorlesung 1929/30 "Die Grundbegriffe der Metaphysik" eingenommen. Diese Vorlesung soll zunächst hinsichtlich der Frage nach dem Tier in einem ersten umfangreicheren Kapitel in dieser Arbeit zur Sprache kommen. In einem zweiten Kapitel soll Jacques Derridas Auseinandersetzung mit Heideggers Weltarmut des Tieres in seinem Text "Das Tier, das ich also bin" thematisiert werden. Hierdurch soll deutlich werden, dass Derrida weder der einen tierphilosophischen Position noch der anderen zuzuordnen ist. Vielmehr wird deutlich werden, dass Derrida das Tier jenseits dieser beiden Positionen verorten möchte, indem er die anthropologische Differenz selbst hinterfragt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Derridas tierethische Auseinandersetzung mit Heidegger
2. Hauptteil:
2.1. Heideggers „Welt“: Zur Weltarmut des Tieres
2.2. Derridas Auseinandersetzung mit Heidegger in Das Tier, das ich also bin
3. Schluss: Das Tier als der Andere
4. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das philosophische Spannungsfeld zwischen Martin Heidegger und Jacques Derrida in Bezug auf die tierethische Fragestellung. Das primäre Ziel ist es, Heideggers Bestimmung des Tieres als „weltarmes“ Wesen kritisch nachzuzeichnen und dieser Position Derridas dekonstruktive Auseinandersetzung gegenüberzustellen, um die Konstruktion der anthropologischen Differenz sowie die Andersheit des Tieres neu zu bewerten.
- Heideggers Konzept der Weltarmut des Tieres in der Vorlesung 1929/30
- Derridas Dekonstruktion der Als-Struktur und des identifizierenden Denkens
- Die kritische Analyse der binären hierarchischen Opposition von Mensch und Tier
- Die ethische Dimension des Tieres als „der Andere par excellence“
Auszug aus dem Buch
2.2. Derridas Auseinandersetzung mit Heidegger in Das Tier, das ich also bin
Derrida gehört zu jenen Philosophen, die die Tradition von innen her aufsprengen wollten. Um dies zu erreichen, entwickelte er eine neue philosophische Zugriffsweise – die Methode der Dekonstruktion. Diese, also die Dekonstruktion, möchte Texte in ihrem argumentativen Entstehungszusammenhang wiederverwickeln. D.h. unbewusste Voraussetzungen für den Text sollen durch eine intensive Lektüre sichtbar gemacht werden, sozusagen der blinde Fleck des Autors soll aufgespürt werden, also jener Punkt, von welchem der Autor aus denkt, ohne ihn selbst zu sehen. Aus diesem Grund sind scheinbare Textschwächen, also Vieldeutigkeiten, Undeutlichkeiten, Leerstellen, Textlücken, Sprünge, Metaphern etc., für die Dekonstruktion besonders interessant. Ziel der Dekonstruktion soll dabei stets eine Überwindung des identifizierenden Denkens sein, das die Differenz im Grunde nicht zu fassen vermag, weil es zu sehr vom Einen, zu sehr von der Identität kommend denkt.
Auch in seinem Text Das Tier, das ich also bin, an dessen Ende eine kurze Auseinandersetzung mit Heideggers Vorlesung 1929/30 steht, wendet Derrida diese Methode an, d.h. er verschiebt und wechselt dort in seinem Denken permanent die Perspektive, von welcher er denkt. Hierbei verfährt Derrida sprunghaft und schillernd und selten eindeutig bestimmbar. In diesem Kapitel soll also versucht werden, diese Denkbewegung mitzugehen, ohne eine gedankliche Linearität herzustellen, wo sie nicht vorhanden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Derridas tierethische Auseinandersetzung mit Heidegger: Einführung in die Problematik der anthropologischen Differenz und die Gegenüberstellung der zwei extremen Positionen in der Tierphilosophie.
2. Hauptteil: Darstellung der philosophischen Untersuchung von Weltbegriffen und Differenzbestimmungen bei Heidegger und Derrida.
2.1. Heideggers „Welt“: Zur Weltarmut des Tieres: Analyse von Heideggers Thesen zur Weltlosigkeit des Steins, Weltarmut des Tieres und Weltbildung des Menschen.
2.2. Derridas Auseinandersetzung mit Heidegger in Das Tier, das ich also bin: Anwendung der Dekonstruktion auf Heideggers Konzept der Als-Struktur und Kritik an der Reduktion des Tieres auf einen Singular.
3. Schluss: Das Tier als der Andere: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Betonung des Tieres als radikal Anderes.
4. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Tierphilosophie, Martin Heidegger, Jacques Derrida, Weltarmut, Weltbildung, Als-Struktur, Dekonstruktion, anthropologische Differenz, Identität, Andersheit, Alterität, Tierethik, Meta-Physik, Subjektivität, Mensch-Tier-Verhältnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische Debatte um den Status des Tieres, insbesondere wie Heidegger das Tier als weltarm bestimmt und wie Derrida diese Bestimmung dekonstruiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Themenfelder umfassen die metaphysische Unterscheidung zwischen Mensch und Tier, die Begriffe der Weltbildung und Weltarmut sowie die Anwendung dekonstruktiver Methoden auf philosophische Texte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die binäre Hierarchie zwischen Mensch und Tier zu hinterfragen und zu zeigen, wie das Tier jenseits traditioneller Kategorien als das radikal Andere begriffen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der Dekonstruktion, um unbewusste Voraussetzungen und strukturelle Widersprüche in den untersuchten philosophischen Texten aufzudecken.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Heideggers Vorlesung von 1929/30 und seine drei Thesen zur Welt thematisiert, gefolgt von Derridas kritischer Auseinandersetzung mit dem Begriff der Als-Struktur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Weltarmut, Als-Struktur, Dekonstruktion, Anthropologische Differenz und die Andersheit des Tieres.
Wie unterscheidet Heidegger zwischen Stein, Tier und Mensch?
Heidegger differenziert durch die Stufen der Weltzugänglichkeit: Der Stein ist weltlos, das Tier weltarm und der Mensch weltbildend.
Warum kritisiert Derrida die Verwendung des Begriffs „Tier“?
Derrida kritisiert die Reduktion der enormen Mannigfaltigkeit tierischen Lebens auf einen einzigen, abstrakten Singular als eine Form der sprachlichen Gewalt.
- Arbeit zitieren
- Alexander Meyer (Autor:in), 2014, Das Tier als der Andere. Derridas tierethische Auseinandersetzung mit Heidegger in "Das Tier, das ich also bin", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/309751