Peter Braun bezeichnet „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso, 1814 veröffentlicht, als „Schwellentext“, da dieser durch die Verflechtung märchenhaft-mythischer Motive mit detailreichen, realistischen Schilderungen weder eindeutig als romantisches Kunstmärchen noch als Erzählung des Realismus einzustufen ist. Viel mehr „stellt sich der Text selbst als ein hybrider Text aus, der eingespielte Ordnungen brüchig gegeneinander führt und übereinander schichtet und damit sein irritierendes, literaturwissenschaftlichen Einordnungen sich entziehendes Konstruktionsprinzip offenlegt.“
Doch nach Titzmann ist das Modell der Initiationsgeschichte nicht rein goethezeitspezifisch, sondern auch epochenübergreifend auf andere Erzähltexte anwendbar, sofern sie Teilmengen der „narrative[n] Regularitäten der Modi des Erzählens [als auch] anthropologische[n] Regularitäten der erzählten Welt“ dieses Modells aufweisen. Ob diese Regularitäten in diesem Text von Adalbert von Chamisso zu finden sind, soll in der vorliegenden Arbeit überprüft werden.
Es gibt nur wenige Werke der Weltliteratur, die eine so produktive Rezeption ausgelöst haben. Neben zahlreichen graphischen Illustrationen, literarischen sowie filmischen Adaptionen, „die den Protagonisten der Erzählung Chamissos oder Motive daraus wiederaufgenommen [haben]“, wurde das Werk von unzähligen Literaturwissenschaftlern auf unterschiedliche Weise zu deuten versucht. So lässt sich E.T.A Hoffmann in „Die Abenteuer der Sylvester-Nacht“ beispielsweise von Chamissos Werk inspirieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Ein Schwellentext der Weltliteratur
2. Inhaltszusammenfassung
3. Organisation der dargestellten Welt
3.1 Erzählsituation
3.2 Zeitstruktur
3.3 Figurenkonstellation
3.3.1 Peter Schlemihl und der graue Mann
3.3.2 Mina und Fanny
3.3.3 Rascal und Bendel
3.4 Narrative Struktur des Initiationsmodells
4. Raumorganisation
4.1 Raumtopographie
4.2 Natur versus Kultur
4.3 Realität versus Fiktion
6. Vielschichtigkeit der Erzählung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert Adelbert von Chamissos Erzählung "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" unter Anwendung des Modells der Initiationsgeschichte. Das Hauptziel ist es, die narrative Organisation, insbesondere die Raum- und Zeitstruktur sowie die Figurenkonstellation, auf ihre Gegensätzlichkeiten und die Einhaltung der Regularitäten eines Initiationsmodells hin zu untersuchen, um zu einer umfassenden Interpretation zu gelangen.
- Analyse der Erzählsituation und der zeitlichen Struktur der Handlung.
- Untersuchung der Figurenkonstellation und der Bedeutung der zentralen Charaktere.
- Semantisierung und Organisation von Räumen (Natur, Kultur, Realität, Fiktion).
- Überprüfung der Erzählung als Variante des Initiationsmodells.
- Interpretation des Entwicklungsprozesses des Protagonisten zum autonomen Individuum.
Auszug aus dem Buch
3.1 Erzählsituation
Bereits der Titel „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ gibt Aufschluss über die Erzählsituation des Textes. Peter Schlemihl erzählt diese „wundersame Geschichte“, dessen Protagonist er selbst ist, dem fiktiven Adressaten Chamisso. Die Erzählsituation lässt sich also in eine Rahmen- und eine Binnenhandlung, in Sprechsituation bzw. besprochene Situation unterteilen, die im Text permanent ineinander verflochten werden.
Die Sprechsituation, „der konkrete Äußerungsakt“ findet zu einem späteren Zeitpunkt t2, „all das, worüber geredet wird, was erzählt [...] wird, der Inhalt der Äußerung“ zu einem früheren Zeitpunkt t1 statt. Verdeutlicht wird die zeitliche Divergenz der beiden Erzählebenen einerseits durch das zunehmende Alter des Protagonisten, denn die „Kraft [des einst jungen Herrn] geht dahin“ (PS 81), andererseits durch konkrete Äußerungen der Sprechsituation, die sich auf die besprochene Situation beziehen: „„wie ich damals weinte, [...] so wein ich jetzt“ (PS). Da Peter Schlemihl Erzähler und Protagonist zugleich ist, spricht man von einer homodiegetischen bzw. autodiegetischen Erzählinstanz. Sowohl Peter als auch Chamisso sind beide Elemente der Sprechsituation sowie der besprochenen Situation, wobei Chamisso lediglich in Peter Schlemihls Ohnmacht und seinen Träumen auftaucht. Diese Vermischung der zwei Ebenen wird auch Metalepse genannt; „das berichtende Ich wird in den Text hineingezogen, der Sprechakt und der Inhalt der Geschichte erhalten dadurch den gleichen Realitätsstatus.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ein Schwellentext der Weltliteratur: Das Kapitel führt in Chamissos Werk ein und definiert es als hybriden "Schwellentext", der sowohl realistische als auch märchenhaft-mythische Elemente vereint.
2. Inhaltszusammenfassung: Es folgt eine kurzgefasste Darstellung der zentralen Handlung, vom schicksalhaften Schattenverkauf an den grauen Mann bis hin zu Schlemihls Leben als einsamer Naturforscher.
3. Organisation der dargestellten Welt: Dieses Kapitel analysiert die erzählerischen Mittel, die Zeitstruktur, die Rollenverteilung der Figuren sowie die narrative Struktur im Rahmen eines Initiationsmodells.
4. Raumorganisation: Hier werden die semantischen Räume des Textes, wie Natur, Kultur, Realität und Fiktion, sowie deren oppositionelle Gegensätzlichkeit untersucht.
6. Vielschichtigkeit der Erzählung: Das Kapitel schließt mit einer Reflexion über die Interpretationsvielfalt des Werks und ordnet es in den Kontext des goethezeitlichen Bildungsromans ein.
Schlüsselwörter
Peter Schlemihl, Adelbert von Chamisso, Initiationsgeschichte, Erzählsituation, Schattenlosigkeit, Figurenkonstellation, Raumorganisation, Natur, Kultur, Realität, Fiktion, Identität, Autonomie, Bildungsroman, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Adalbert von Chamissos Erzählung "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" im Hinblick auf deren literarische Struktur und Einordnung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die narrative Organisation, die Figurenkonstellation, die Zeitgestaltung sowie die semantische Aufladung von Räumen innerhalb der Erzählung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Analyse?
Das Ziel ist es, durch die Analyse der genannten Aspekte zu überprüfen, ob sich das Werk als Modell einer Initiationsgeschichte interpretieren lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Textanalyse, um narrative Regularitäten und oppositionelle Raumstrukturen im Werk herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Erzählsituation, der Zeitstruktur, der Figuren (wie dem grauen Mann, Mina und Bendel) sowie der Raumorganisation, inklusive der Gegensätze von Natur und Kultur sowie Realität und Fiktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Initiationsgeschichte, Identität, Schattenlosigkeit, Autonomie und Raumorganisation.
Welche Rolle spielt das Motiv der "Schattenlosigkeit" für den Protagonisten?
Die Schattenlosigkeit dient als zentrales Element, das den Protagonisten von der gesellschaftlichen Teilhabe ausschließt und ihn in die Isolation sowie zu einer neuen Selbstbestimmung in der Natur treibt.
Wie bewertet der Autor den Ausgang der Erzählung?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Erzählung trotz des sozialen Scheiterns Schlemihls als positive Variante des Initiationsmodells zu verstehen ist, da er letztlich seine eigene Bestimmung und Autonomie findet.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2014, Die von Gegensätzlichkeit geprägte Weltordnung in "Peter Schlemihls wundersame Geschichte". Eine negative Variante des Initiationsschemas der Goethezeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/309737