„Wir sind ein Volk“ – diese vier Worte avancierten im Herbst 1989 zum Schlachtruf einer geteilten Nation und brachten mit ihrer Symbolkraft buchstäblich Mauern zum Einstürzen. Die 1949 in Folge der machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen den Westlichen Alliierten und der Sowjetunion gegründeten zwei deutschen Staaten BRD und DDR unterlagen in den darauf folgenden 40 Jahren nicht allein einer geografischen sondern vielmehr einer ideologischen Trennung. Individualistisch geprägter Kapitalismus und kollektivistisch geprägter Sozialismus standen sich unvereinbar gegenüber. Auf dieser Basis wurde nach anhaltenden Protesten und dem Zusammenbruch des politischen Systems in der DDR am 3. Oktober 1989 die deutsche Wiedervereinigung feierlich vollzogen.
Handelte es sich hierbei jedoch wirklich um die Zusammenführung von Menschen einer Kultur oder hatte die Teilung zu tiefe Spuren in den Köpfen hinterlassen? Die Antwort auf diese Frage und die daraus resultierenden Konsequenzen für die deutsche Bevölkerung sollen im Rahmen der vorliegenden Arbeit geklärt werden. Hierbei werden aus wissenschaftspragmatischen Gründen die 1990er als Untersuchungszeitraum festgelegt.
Zur Klärung des kulturellen Aufeinandertreffens zweier Gruppen soll das Konzept der Akkulturation vorgestellt und auf den vorliegenden historischen Sachverhalt angewendet werden. Im nachfolgenden Kapitel werden zunächst die theoretischen Grundlagen geklärt. Dabei soll einleitend die dieser Untersuchung zugrunde liegende Arbeitsdefinition des Kulturbegriffes vorgestellt werden. Nach einer allgemeinen Definition des Akkulturationsprozesses, folgt die Vorstellung des Akkulturations-konzeptes nach Berry. Im Rahmen des dritten Kapitels soll, basierend auf diesem theoretischen Konzept, geklärt werden, inwiefern die deutsche Wiedervereinigung als Akkulturationsprozess klassifiziert werden kann und wie dieser gestaltet ist. Das vierte und letzte Kapitel fasst die gewonnenen Erkenntnisse dieser Arbeit überblickshaft zusammen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Kulturbegriff
2.2 Akkulturation
2.2.1 Allgemeine Definition
2.2.2 Der Akkulturationsprozess nach Berry
3. Akkulturation am Beispiel Deutschlands
3.1 Akkulturationsprozess ja – nein?
3.2 Akkulturationsstrategien im vereinten Deutschland
4. Diskussion und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit der Prozess der deutschen Wiedervereinigung ab 1990 als deutsch-deutscher Akkulturationsprozess klassifiziert werden kann und welche Akkulturationsstrategien nach dem Modell von John W. Berry dabei zum Tragen kamen.
- Analyse des Kulturbegriffs und dessen Bedeutung für gesellschaftliche Transformationsprozesse.
- Einführung in das wissenschaftliche Konzept der Akkulturation nach John W. Berry.
- Untersuchung der strukturellen und sozialen Gegebenheiten der Wiedervereinigung als Aufeinandertreffen zweier Kulturen.
- Kritische Bewertung der vorherrschenden Strategien (Integration, Assimilation, Separation, Marginalisierung) im vereinten Deutschland.
- Diskussion der psychosozialen Folgen und Identitätsentwicklungen in Ost- und Westdeutschland.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Allgemeine Definition
Kultureller Kontakt vollzieht sich seit Menschengedenken. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Wurzeln der diesbezüglichen Forschung bereits bis in die Antike zurück reichen. In den darauffolgenden Jahrhunderten beschäftigten sich insbesondere Soziologen und Anthropologen mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die aus dem Aufeinandertreffen von Kulturen resultierten. Erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts rückte der Prozess auch in das Blickfeld der Psychologen. Eine vielzitierte und von Berry als „klassische Definition“ (2006: 11) deklarierte Formulierung aus dem Jahr 1936 stammt von dem Psychologen Redfield und Kollegen:
„Acculturation comprehends those phenomena which result when groups of individuals having different cultures come into continuous first-hand contact, with subsequent changes in the original cultural patterns of either or both groups.“ (1936: 149)
Hans (vgl. 2010: 44) spezifiziert dies indem er postuliert, dass „eine Reaktion auf diese neue Situation, also eine Anpassung notwendig“ ist. In der englischsprachigen Literatur ist häufig eine synonyme oder sich überschneidende Verwendung des Begriffes Akkulturation mit jenem der Assimilation zu finden. Dies ist Gordon zufolge auf die sich unterscheidenden Präferenzen der einzelnen Disziplinen zurück zu führen (vgl. Gordon 1964: 61). Berry hingegen vertritt die Ansicht, dass die Begrifflichkeiten voneinander zu trennen seien und somit die synonyme Verwendung inkorrekt sei (vgl. 2006: 11). Vielmehr betrachtet der Psychologe Assimilation als eine von vier möglichen Strategien, welcher sich Individuen im Prozess der Akkulturation bedienen können. Jenes viergliedrige Konzept Berrys soll auf Grund seiner Stringenz im weiteren Verlauf dieser Arbeit die theoretische Basis bilden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung zur deutschen Wiedervereinigung als möglichen Akkulturationsprozess dar und erläutert den Untersuchungszeitraum sowie den methodischen Aufbau der Arbeit.
2. Theoretische Grundlagen: Das Kapitel definiert den Kulturbegriff und führt das wissenschaftliche Akkulturationskonzept von Berry als theoretisches Modell ein.
3. Akkulturation am Beispiel Deutschlands: Auf Basis der theoretischen Vorüberlegungen wird analysiert, ob die Wiedervereinigung die Kriterien eines Akkulturationsprozesses erfüllt und welche spezifischen Strategien dabei identifiziert werden können.
4. Diskussion und Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass trotz des Auftretens aller Strategien eine starke Tendenz zur Assimilation erkennbar war.
Schlüsselwörter
Akkulturation, deutsche Wiedervereinigung, Assimilation, Integration, Separation, Marginalisierung, Identität, DDR, BRD, Kultur, Akkulturationsstress, Werteveränderung, Transformationsprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die deutsche Wiedervereinigung nicht nur als politisches oder ökonomisches Ereignis, sondern als einen komplexen kulturellen Aufeinandertreffen-Prozess zwischen zwei ehemals getrennten Gesellschaften.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen der Kulturbegriff, die psychologischen Theorien zur Akkulturation nach Berry, die Transformation der Wirtschafts- und Sozialstrukturen sowie die Identitätsbildung der Bevölkerung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob die deutsche Wiedervereinigung als Akkulturationsprozess klassifiziert werden kann und welche konkreten Akkulturationsstrategien dabei von den beteiligten Gruppen angewandt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die auf einem psychologischen Rahmenmodell (Berry) basiert und dieses auf den historischen Kontext der deutschen Einheit von 1990 anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte theoretische Herleitung der Akkulturation und eine anschließende empirische sowie historische Anwendung auf das vereinte Deutschland, wobei soziale und wirtschaftliche Veränderungen betrachtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Akkulturation, Assimilation, Transformationsprozess, Identitätsbildung und deutsch-deutsche Geschichte geprägt.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Assimilationsstrategie?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass besonders in den 1990er Jahren eine starke Tendenz zur Assimilation sichtbar war, bei der sich die Bürger der ehemaligen DDR an die westdeutschen Normen und Werte anzupassen versuchten.
Welche Bedeutung kommt dem Begriff der „Ostalgie“ in dieser Arbeit zu?
Die Autorin diskutiert die „Ostalgie“ kritisch als mögliches Indiz für eine Separationsstrategie, da sie eine Rückbesinnung auf die eigene kulturelle Identität der DDR darstellt.
Welche Auswirkungen hatte der Akkulturationsprozess auf die Bevölkerung?
Die Arbeit führt statistische Belege für Akkulturationsstress an, wie etwa signifikante Veränderungen bei Geburts- und Scheidungsraten in den neuen Bundesländern infolge der Umwälzungen.
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- Juliane Dietrich (Author), 2011, "Wir sind ein Volk". Die Wiedervereinigung als deutsch-deutscher Akkulturationsprozess?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/308938