In dieser Arbeit soll detailliert untersucht werden, wie die Figur Lenore in Arnold Zweigs „Junge Frau von 1914“ zwischen Emanzipation und konventionellen weiblichen Rollenvorstellungen oszilliert. Ebenso soll betrachtet werden, wie Zweig dies sprachlich darstellt und wie der Roman bezüglich der Darstellung der Frau auch in seinem Erscheinungsjahr 1931 zu verorten ist.
Leitende Fragestellung soll sein: in welchen Bereichen emanzipiert sich Lenore, und in welchen Bereichen bleibt sie alten Rollenvorstellungen verbunden? Werden diese Positionen als scharfe Gegensätze konstruiert oder so, dass sie kompatibel erscheinen? Thematisch werden dabei die zu Beginn genannten zwei Felder Beziehung und Beruf herangezogen, zusätzlich wird erläutert, wie Lenore von der gesellschaftlich praktizierten Abwertung von Töchtern gegenüber Söhnen betroffen ist. Darüber hinaus wird Bezug auf die Rezeption des Textes genommen, die eher verhalten und vieldeutig erscheint; die Geschichte und die Tendenz dieser Rezeption wird vor der Schlussbetrachtung in einem eigenen Kapitel zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Protagonistin Lenore zwischen Emanzipation und konventioneller weiblicher Rollenvorstellung
2.1 Die Beziehung Lenore Wahls zu Werner Bertin
2.1.1 Die Analyse der Emanzipation und der Geschlechterrollen in der Sekundärliteratur
2.2 Die Abtreibung
2.3 Ausbildung und Beruf Lenores
2.4 Die Geringwertigkeit der Töchter
3. Die Rezeption Zweigs und seines Romans Junge Frau von 1914
4. Schlussbetrachtung
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht detailliert, wie die Protagonistin Lenore Wahl im Roman „Junge Frau von 1914“ von Arnold Zweig zwischen emanzipatorischen Bestrebungen und konventionellen weiblichen Rollenvorstellungen oszilliert. Die Forschungsfrage fokussiert darauf, in welchen Bereichen sich Lenore emanzipiert, wo sie traditionellen Mustern verhaftet bleibt und ob der Autor diese Positionen als unvereinbare Gegensätze oder als kompatible Zustände darstellt.
- Analyse der Beziehung zwischen Lenore Wahl und Werner Bertin als Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Rollenfixierung.
- Untersuchung der gesellschaftlichen und persönlichen Implikationen von Lenores illegaler Abtreibung.
- Bewertung der beruflichen Emanzipation Lenores durch ihre Tätigkeit als Lehrerin während des Ersten Weltkriegs.
- Diskussion der innerhalb der Familie praktizierten Geringwertigkeit von Töchtern im Vergleich zu Söhnen.
- Reflektion über die Rezeptionsgeschichte des Romans und dessen Einordnung in das Werk Arnold Zweigs.
Auszug aus dem Buch
Die Beziehung Lenore Wahls zu Werner Bertin
"Plötzlich, ohne rechten Übergang, hatte sich Bertin ihrer als Frau bemächtigen wollen; unter dem freien Himmel, der überall mit zartgrauem Blau durch die Kronen der Bäumchen blickte, weigerte sich ihre Mädchenhaftigkeit. Sie wies ihn ab. Da, zum erstenmal in ihrem Leben, hatte er sie wütend an den Schultern gepackt, Befehle gezischt, sie vergewaltigt. Lustlos vor Schreck und Scham hatte sie ihn gewähren lassen." (JF 69).
Dass beide jedoch schon länger in einer Beziehung verbunden sind, wurde schon im Vorfeld sichtbar, als Werner über sechs Monate voller Arbeit und "heimlicher Liebe" (JF 13) sinniert, sie "glücklich wie junge Vermählte" (JF 12) zusammen seine Wohnung in Berlin ausgesucht haben. Als Lenore sich nach Werners Einrücken um die Auflösung seiner Wohnung kümmert, denkt sie angesichts eines Koffers von Werner "Wenn du sprechen könntest, Koffer! Du standest ja im Schlafzimmer. Wenig angezogen hast mich gesehen, um nicht zu sagen: nackt wie einen Feldhasen." (JF 19).
Der Geschlechtsverkehr, über den sie später nachdenkt, wird dabei als die Lustbefriedigung des Mannes akzeptiert, eine Lust ihrerseits wird nicht assoziert, zumindest nicht, wenn sie nach der schmerzhaften Abtreibung Vor- und Nachteile abwägt: "lohnt das nun, dies bißchen Zusammenstoßen der Geschlechter, auch wenn mehr Lust dabei ist als in jenem Wilkersdorfer Wald? Es lohnt nicht. Aber da die Männer weglaufen, wenn wir es ihnen nicht erlauben, was bleibt uns übrig? Liebe, dachte sie, Liebe ist ja ganz etwas anderes." (JF 127-128).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Geschlechterrollen im Roman ein und stellt die leitende Fragestellung zur Emanzipation der Protagonistin vor.
2. Die Protagonistin Lenore zwischen Emanzipation und konventioneller weiblicher Rollenvorstellung: Dieses Kapitel analysiert das ambivalente Verhalten der Hauptfigur in Bezug auf gesellschaftliche Normen und persönliche Freiheit.
2.1 Die Beziehung Lenore Wahls zu Werner Bertin: Hier wird die komplexe, teils von Gewalt geprägte Paarbeziehung im Kontext der damaligen Rollenbilder beleuchtet.
2.1.1 Die Analyse der Emanzipation und der Geschlechterrollen in der Sekundärliteratur: Dieses Unterkapitel gibt einen Überblick über verschiedene wissenschaftliche Deutungen des Geschlechterverhältnisses im Roman.
2.2 Die Abtreibung: Der Text untersucht Lenores Entschluss zur Abtreibung und die damit verbundenen gesellschaftlichen sowie persönlichen Zwänge.
2.3 Ausbildung und Beruf Lenores: Dieses Kapitel widmet sich Lenores beruflicher Entwicklung als Lehrerin und der damit einhergehenden Infragestellung traditioneller Rollenzuweisungen.
2.4 Die Geringwertigkeit der Töchter: Hier wird die familiäre Geringschätzung der weiblichen Nachkommen thematisiert und in das Verhältnis zu elterlichen Erwartungen gesetzt.
3. Die Rezeption Zweigs und seines Romans Junge Frau von 1914: Dieses Kapitel erläutert die schwierige literarische Aufnahme des Romans und ordnet sie historisch ein.
4. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass der Roman zwar emanzipatorische Ansätze zeigt, jedoch durch eine ambivalente dramaturgische Struktur und eine "laue Botschaft" charakterisiert bleibt.
5. Literaturverzeichnis: Dies ist das vollständige Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Arnold Zweig, Junge Frau von 1914, Lenore Wahl, Emanzipation, Geschlechterrollen, Erster Weltkrieg, Abtreibung, Weibliche Identität, Rollenbild, Sekundärliteratur, Weimarer Republik, Gesellschaftsordnung, Frauenbild, Matriarchat, Literaturrezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Emanzipation und traditionellen Geschlechterrollen anhand der Figur Lenore Wahl in Arnold Zweigs Roman "Junge Frau von 1914".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Bereiche zwischenmenschliche Beziehung, berufliche Betätigung, Abtreibung als gesellschaftliche Grenzerfahrung sowie die Bewertung von Töchtern innerhalb des Elternhauses.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist herauszuarbeiten, in welchen Bereichen sich Lenore emanzipiert und wo sie an alten Rollenvorstellungen festhält, und ob diese Pole bei Zweig als vereinbar dargestellt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung und kritischer Auseinandersetzung mit existierender Sekundärliteratur angewandt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Lenores Beziehung zu Werner Bertin, ihre Entscheidung zur Abtreibung, ihren beruflichen Werdegang sowie die Stellung als Tochter innerhalb der Familie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Emanzipation, Geschlechterrollen, weibliche Identität, Erster Weltkrieg und die kritische Auseinandersetzung mit Arnold Zweigs Roman.
Warum erscheint Lenores berufliche Emanzipation im Text als widersprüchlich?
Da Lenore die Übernahme von Männerberufen primär durch die kriegsbedingte Notwendigkeit erfährt und dies bei Zweig oft mit einer "Vermännlichung" der Frau in Habitus und Auftreten einhergeht.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Vaters für Lenores Emanzipation?
Die Autorin stellt dar, dass Lenore trotz ihrer Fortschritte in einer ökonomischen und sozialen Abhängigkeit vom Vater verbleibt, was ihre Emanzipationsschritte taktisch und opportunistisch erscheinen lässt.
- Arbeit zitieren
- Mariam Ahmadi (Autor:in), 2015, Emanzipation und weibliche Rollenverteilung in Arnold Zweigs “Junge Frau von 1914“, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/308895