In diesem Essay werden die Motive der Selbstmordattentäter des Islamischen Staates besprochen und anhand des Machtkonzeptes von Heinrich Popitz ("Phänomene der Macht", "Autoritative Macht") erklärt.
Inhaltsverzeichnis
1. Blinder Gehorsam der Selbstmordattentäter des Islamischen Staates (IS) – Ein Erklärungsversuch nach Popitz
2. Phänomene der Macht
3. Vier Formen der Macht
4. Autoritätsbindung als Schlüssel zum Verständnis
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des "blinden Gehorsams" bei Einzeltätern, die im Namen des Islamischen Staates (IS) agieren, ohne in direktem Kontakt mit der Führungsorganisation zu stehen. Das Ziel ist es, durch die soziologische Theorie von Heinrich Popitz, insbesondere dessen Machtbegriff, eine wissenschaftliche Erklärung für diese Form der Radikalisierung und Tatbereitschaft zu finden.
- Analyse der Machttheorie von Heinrich Popitz
- Differenzierung zwischen Aktionsmacht, instrumenteller Macht, autoritativer Macht und datensetzender Macht
- Untersuchung der psychologischen und soziologischen Mechanismen der Autoritätsbindung
- Einordnung des Attentats von Sousse in das Popitz'sche Machtmodell
Auszug aus dem Buch
Autoritätsbindung als Schlüssel zum Verständnis
Von den vier beschriebenen Machtformen ist die autoritative Macht wohl die am schwersten zu begreifende Form. Das liegt vor allem daran, dass sie, wie Popitz sagt, auch „im Dunklen wirkt“ und daher nicht so leicht zu beobachten ist, wie Aktionsmacht oder instrumentelle bzw. datensetzende Macht. Um die Wirkung von Autorität, etwa auf entschlossene Einzeltäter, deutlicher zu machen, lohnt es sich, Autoritätsbindung im Popitz'schen Sinne genauer zu untersuchen.
Für Popitz ist Autorität ein Alltagsphänomen, das weder gut, noch böse ist und nicht durch die Moderne wegrationalisiert werden kann und damit immer gegenwärtig bleibt (Popitz 1992: 104). Popitz kritisiert in seinen Schriften philosophische Sichtweisen auf Autorität, wie die ihre Beschreibung als „bejahte Abhängigkeit“ oder „Fügung aus freier Neigung“ als zu kurz gegriffen. Für ihn ist das Verhältnis zu einer Autorität stets ambivalent und kann zwischen „blindem Gehorsam“ und „liebend-hellsichtiger Unterordnung“, zwischen „fanatischer Selbstaufgabe“ und „selbstbewusster Geborgenheit“ alles darstellen. Gemeinsam haben diese Autoritätsphänomene lediglich die Gebundenheit des Autoritätsabhängigen an die Autorität (Popitz 1992: 105). Die Motive verschiedener Attentäter, die im Namen des IS agieren, können also höchst unterschiedlich sein, auch wenn sich alle gleichermaßen der Autorität der Fundamentalisten fügen.
Zusammenfassung der Kapitel
Blinder Gehorsam der Selbstmordattentäter des Islamischen Staates (IS) – Ein Erklärungsversuch nach Popitz: Die Einleitung skizziert die aktuelle Problematik terroristischer Einzeltäter, die im Namen des IS handeln, und führt den soziologischen Erklärungsansatz von Heinrich Popitz ein.
Phänomene der Macht: Dieses Kapitel erläutert das Grundverständnis von Heinrich Popitz zur Macht als soziales Konstrukt, das omnipräsent ist und einer ständigen Rechtfertigung bedarf.
Vier Formen der Macht: Der Autor stellt die vier Idealtypen nach Popitz vor – Aktionsmacht, instrumentelle Macht, autoritative Macht und die Macht des Datensetzens – und setzt diese in Bezug zur Praxis des IS.
Autoritätsbindung als Schlüssel zum Verständnis: Dieses Kapitel vertieft das Konzept der autoritativen Macht und zeigt auf, wie durch die innere Bindung an eine Autorität selbst ohne direkten Zwang konformes Handeln erzeugt wird.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Handlungen der Attentäter durch autoritative Macht erklärt werden können, da der Wille zur Tat aus einer tiefen inneren Bindung an die Autorität resultiert.
Schlüsselwörter
Heinrich Popitz, Machtsoziologie, Islamischer Staat, Blinder Gehorsam, Autoritative Macht, Aktionsmacht, Instrumentelle Macht, Macht des Datensetzens, Autoritätsbindung, Terrorismus, Radikalisierung, Soziale Normen, Sousse, Einzeltäter, Soziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum Personen, die keinen direkten Kontakt zur Führung des Islamischen Staates haben, dennoch im Namen der Organisation terroristische Anschläge verüben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Machtsoziologie, die Theorie von Heinrich Popitz, die psychologische Autoritätsbindung und die Radikalisierungsmechanismen extremistischer Organisationen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Phänomen des "blinden Gehorsams" bei Attentätern soziologisch zu begründen, statt sich auf rein mediale Spekulationen über Rekrutierungsmethoden zu verlassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen essayistischen Erklärungsversuch, der die soziologische Theorie von Heinrich Popitz auf ein aktuelles politisches Phänomen anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die vier von Popitz definierten Machtformen und fokussiert besonders auf die "autoritative Macht" und die "Autoritätsbindung" als Erklärungsmodell für das Verhalten von Einzeltätern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Machtsoziologie, Autoritätsbindung, Islamischer Staat und Blinder Gehorsam.
Warum ist das Popitz'sche Modell zur Erklärung des Falls Sousse so geeignet?
Weil es erklärt, wie Befehle oder Ideale verinnerlicht werden können, sodass sie auch ohne physischen Zwang oder Kontrolle über große Distanzen wirksam werden.
Inwieweit spielt der Wunsch nach Anerkennung bei der Autoritätsbindung eine Rolle?
Der Wunsch nach Anerkennung durch eine Autorität ist entscheidend für das Selbstwertgefühl des Individuums, was eine Loslösung von der Autorität erschwert, da dies einer Verleugnung des eigenen Selbst gleichkäme.
Handelt es sich bei den genannten Machtformen um absolute Kategorien?
Nein, es handelt sich laut Popitz um Idealtypen, die in der Realität kombiniert auftreten können und sich gegenseitig verstärken.
Ist Macht nach Popitz per se als negativ zu betrachten?
Nein, Popitz betont, dass Macht eine Freiheitsbegrenzung darstellt, die jedoch notwendig sein kann, beispielsweise zur Erziehung oder um Sicherheit zu gewährleisten.
- Arbeit zitieren
- Fabian Speitkamp (Autor:in), 2015, Blinder Gehorsam der Selbstmordattentäter des Islamischen Staates (IS). Ein Erklärungsversuch nach Popitz, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/308478