Diese Seminararbeit basiert auf den beiden aus völlig unterschiedlicher Motivation heraus verfassten Texten „Intelligent Ambience between Heaven and Hell: A Salvation?“ von Cecile K. M. Crutzen und „I, Cyborg“ von Kevin Warwick, die im Rahmen dieser Arbeit miteinander in Verbindung gesetzt werden.
Während Crutzen zu einer kritischen Hinterfragung von Ambient Intelligence Technologien aus feministischem Blickwinkel aufruft, entwirft Warwick ein wenig kritisches aber umso bedenklicheres Zukunftsszenario einer Welt der in Ambient Intelligence eingebetteten Cyborgs des Jahres 2050.
Als Bindeglied zwischen den Werken von Crutzen und Warwick agiert Donna Haraways Cyborg-Manifest.
Inhaltsverzeichnis
1) Ambient Intelligence
1.1. Unkritische Szenarien, idealisierte Werbekampagnen
1.2. Geschlechterkritische Hinterfragung der technologischen Modellierung unseres Alltagsverhaltens
1.3. Das Diktat wessen?
1.4. Dekonstruktion von Machtwidersprüchen
1.4.1. Anpassungsfähigkeit vs. geschlossenes System
1.4.2. Mentale vs. physische Wahrnehmbarkeit (Sichtbarkeit)
1.4.3. Subjekt vs. Objekt
1.5. Crutzens Schlussfolgerungen
2. Cyborgs
2.1. Cyborg Warwick
2.2. Warwicks Cyborgs
3. Crutzens Fragen und Warwicks Antworten
4. Conclusions
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, eine kritische Verbindung zwischen Cecile K. M. Crutzens feministischer Analyse von Ambient Intelligence und Kevin Warwicks visionärem, technisch orientiertem Cyborg-Szenario herzustellen. Dabei wird untersucht, inwiefern technologische Entwicklungen Machtstrukturen festigen und die Autonomie des Einzelnen beeinflussen.
- Kritische Hinterfragung von Ambient Intelligence Technologien
- Feministische Perspektive auf technologische Modellierungen von Alltag und Gender
- Analyse von Machtwidersprüchen bei der Mensch-Maschine-Interaktion
- Untersuchung von Warwicks Cyborg-Visionen als Resultat von Selbstdomestizierung
Auszug aus dem Buch
1.1. Unkritische Szenarien, idealisierte Werbekampagnen
Typische AmI-Werbekampagnen versprechen ein schöneres, sorgenfreieres, sichereres und ganz einfach besseres Leben - und dies, aufgrund der Anpassung von AmI auf den User, ganz ohne den User zu stören oder Lernprozesse auf Seiten des Users notwendig zu machen. Das sog. „Internet der Dinge“ soll den Menschen in all seinen privaten und beruflichen Alltäglichkeiten unaufdringlich unterstützen. Dies klingt, wie Crutzen in ihrem Beitrag mit einem Zitat von Larry Rudolph kritisch anmerkt, „wonderful, until one cannot turn on the television because one has not finished eating one’s vegetables.“
AmI-Szenarien setzen in ihrer Bewerbung meist auf Ängste von Individuen und Gesellschaft auf, im Wesentlichen sind ihre Argumente Sicherheit und/oder Fürsorge. Im Mittelpunkt der Entwicklungen stehen heute der Schutz der körperlichen Integrität, Eigentumsschutz sowie die Abwehr von Straftaten und Terrorismus; die notwendige aber unerschwingliche Pflege älterer, kranker oder behinderter Personen; die Schwierigkeiten des Einzelnen bei der Bewältigung der Informations- und Kommunikationsflut und bei der Erfüllung gesellschaftlicher Anforderungen (z.B. Beruf/Familie) und die starke Abhängigkeit von Transportsystemen (Güter, Personen) sowie letztendlich die Überforderung des Users durch diverse technische Devices (Videorecorder, PC, Mobile etc.).
Bei genauerer Analyse der idealisierten Szenarien zeigt sich aber auch deren Zwiespältigkeit. AmI kann z.B. für Personen mit Behinderung die einzige Interaktionsmöglichkeit mit ihrer Umgebung sein, wenn etwa eine bewegungsunfähige Person über einen implantierten RFID-Chip einen Cursor steuern und derart einfache Textnachrichten verfassen, die Heizung kühler stellen oder das Licht dimmen kann. Auf der anderen Seite kann durch technische Überwachung von Patienten die persönliche Betreuung auf ein Minimum reduziert werden, ältere Personen oder Kinder können mittels gleicher Technologie kontrolliert und überwacht werden – viele Projekte zielen auf letztere Varianten ab. Ähnlich die Unterstützung bei Bewältigung der Informations- und Kommunikationsflut, diese kann sehr hilfreich sein, aber auch zu Zensur und Kommunikationsüberwachung führen.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Ambient Intelligence: Dieses Kapitel definiert Ambient Intelligence als rechnergestützte Umgebung und beleuchtet die Ambivalenz zwischen technologischem Komfort und der damit einhergehenden Überwachung.
1.1. Unkritische Szenarien, idealisierte Werbekampagnen: Es wird analysiert, wie Werbekampagnen durch das Versprechen von Sicherheit und Hilfe Ängste instrumentalisieren, um AmI-Technologien zu etablieren.
1.2. Geschlechterkritische Hinterfragung der technologischen Modellierung unseres Alltagsverhaltens: Hier wird der Diskurs um AmI durch eine Genderperspektive dekonstruiert, um Machtbeziehungen in der technologischen Gestaltung aufzudecken.
1.3. Das Diktat wessen?: Dieses Kapitel hinterfragt, wer die Deutungshoheit über ein „besseres Leben“ besitzt und welche politischen sowie wirtschaftlichen Interessen dahinterstehen.
1.4. Dekonstruktion von Machtwidersprüchen: Es wird aufgezeigt, wie AmI unter dem Deckmantel der Nutzerzentriertheit den User in seinen Optionen einschränkt und zum überwachten Objekt degradiert.
1.4.1. Anpassungsfähigkeit vs. geschlossenes System: Dieses Kapitel thematisiert den Übergang von expliziter zu impliziter Kommunikation, die den User in vorgegebenen Systemstrukturen gefangen hält.
1.4.2. Mentale vs. physische Wahrnehmbarkeit (Sichtbarkeit): Es wird erläutert, warum die Unsichtbarkeit von Technologie kritisch zu sehen ist, da sie die bewusste Auseinandersetzung mit Routinen verhindert.
1.4.3. Subjekt vs. Objekt: Hier wird die Gefahr beschrieben, dass der Mensch im Designprozess zum passiven Objekt wird, das sich der unfehlbaren Technologie anpassen muss.
1.5. Crutzens Schlussfolgerungen: Dieses Kapitel fasst die Notwendigkeit kritischer Distanz und die Suche nach alternativen Denkmodellen gegenüber unvermeidbaren AmI-Entwicklungen zusammen.
2. Cyborgs: Dieser Abschnitt führt Kevin Warwicks visionären Cyborg-Begriff als Kontrast zu Haraways theoretischen Überlegungen ein.
2.1. Cyborg Warwick: Es werden die Selbstversuche von Kevin Warwick dokumentiert, die seine Verknüpfung von technischer Modifikation mit medialer Inszenierung verdeutlichen.
2.2. Warwicks Cyborgs: Dieses Kapitel skizziert die Vision einer von Cyborgs bevölkerten Welt, in der menschliche Defizite durch technologische Upgrades überwunden werden sollen.
3. Crutzens Fragen und Warwicks Antworten: Es erfolgt eine kritische Gegenüberstellung von Warwicks deterministischem Szenario mit den von Crutzen aufgeworfenen machtkritischen Fragestellungen.
4. Conclusions: Das Fazit unterstreicht die Dringlichkeit, die Visionen von Technologen wie Warwick mit kritischen Instrumenten zu hinterfragen, bevor sie gesellschaftliche Realität werden.
Schlüsselwörter
Ambient Intelligence, Cyborg, Kevin Warwick, Cecile K. M. Crutzen, Donna Haraway, Gender, Machtstrukturen, Nutzerzentriertheit, Technologiekritik, Ubiquitous Computing, Informatik der Herrschaft, Selbstdomestizierung, Mensch-Maschine-Symbiose, Digitale Überwachung, Künstliche Intelligenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der technologischen Zukunftsvision der Ambient Intelligence und des Cyborg-Daseins auseinander, wobei sie theoretische Analysen und praktische Zukunftsszenarien vergleicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle von Technologie und Gesellschaft, der Konstruktion von Geschlechterrollen in der Technikentwicklung sowie den ethischen Konsequenzen einer zunehmenden Technologisierung des Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, ein kritisches Bewusstsein für die Machtmechanismen zu schaffen, die hinter den idealisierten Versprechungen von AmI-Technologien und den Cyborg-Visionen von Kevin Warwick stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine dekonstruktive, kritische Diskursanalyse angewandt, die unterschiedliche Quellen (wie Crutzen, Warwick und Haraway) miteinander in Beziehung setzt und deren implizite Machtstrukturen freilegt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von AmI-Szenarien und die detaillierte Untersuchung der Cyborg-Projekte von Kevin Warwick, wobei jeweils die Ambivalenzen zwischen Nutzen und Kontrolle hervorgehoben werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Ambient Intelligence, Cyborg-Identität, Machtkritik, Gender, technologische Überwachung und die Dekonstruktion technischer Heilsversprechen.
In welchem Maße wird Warwicks Cyborg-Vision kritisiert?
Warwicks Vision wird als Resultat einer „technologiegetriebenen Selbstdomestizierung“ betrachtet, die den Menschen in ein standardisiertes, überwachtes System zwingt und somit kreative Freiheit untergräbt.
Warum ist laut der Arbeit eine kritische Hinterfragung derzeit so dringend?
Die Autorin argumentiert, dass die zunehmende technische Verflechtung (etwa durch Infrastrukturprojekte wie Galileo) kaum rechtliche Barrieren lässt und ein blindes Vertrauen in das System droht, die Autonomie des Individuums zu vernichten.
- Quote paper
- Dorothee Baum (Author), 2014, Cyborgs in Ambient Intelligence. Zukunft mit Umgebungsintelligenz, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/308120