Das radikal Neue eröffnet Möglichkeiten und wird mit Befreiung assoziiert. Künstler wie Kasimir Malewitsch, der bedeutende Schritte auf dem Weg zu einer gegenstandslosen und somit „neuen“ Kunst gemacht hat, als auch Jackson Pollock sind in ihrem Spätwerk zu einer Gegenständlichkeit zurückgekehrt. Haben sie damit auch das Neue negiert?
Wenn man den Übergang zur Gegenstandslosigkeit als Folge einer fortschreitenden Ausdifferenzierung und eines Komplexitätszuwachses des Kunstsystems im Sinne Niklas Luhmanns begreift, ist der Schritt „zurück“ zur Gegenständlichkeit dann als Rückkehr zur Tradition oder vielleicht doch als Fortentwicklung zu verstehen?
Auffallend ist, dass Pollock und Malewitsch in der kunstgeschichtlichen und –theoretischen Literatur vor allem im Zusammenhang mit ihrer Entwicklung hin zu einer gegenstandslosen Malerei genannt werden, das gegenständliche Spätwerk findet vergleichsweise wenig Beachtung. Wurde und wird es für unbedeutend, vielleicht reaktionär gehalten? Entstanden die späten figurativen Werke, weil die Künstler in einer Sackgasse angelangt waren? Diesen Fragen sollen anhand der Betrachtung von Texten der Künstler Malewitsch und Pollock als auch von Wertungen der Kunstkritik zu deren Rückkehr zur figurativen Kunst nachgegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffliches und theoretischer Hintergrund
2.1 Zur Kunstkritik
2.2 Das „Neue“ in der Kunst
2.3 Abstraktion nach Gottfried Boehm
3. Die Rückkehr zur Gegenständlichkeit: Stimmen der Künstler und der Kunstkritik
3.1 Kasimir Malewitsch
3.2 Jackson Pollock
4. Das „Neue“ in Kunst und Kunstkritik
5. Schlussfolgernde Überlegungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Rückkehr zur gegenständlichen Malerei im Spätwerk von Kasimir Malewitsch und Jackson Pollock. Ziel ist es zu ergründen, ob diese Rückkehr als bloßer Rückschritt, als Scheitern oder als Weiterentwicklung im Kontext des Kunstsystems und der Kunstkritik zu interpretieren ist, wobei das Verhältnis zum Konzept des „Neuen“ zentral steht.
- Die Funktion und Definition von Kunstkritik als Reflexionsebene des Kunstsystems.
- Die theoretische Einordnung des „Neuen“ in der Kunst nach Niklas Luhmann und Boris Groys.
- Die künstlerische Auseinandersetzung mit Abstraktion und Gegenständlichkeit bei Malewitsch und Pollock.
- Die Divergenz zwischen künstlerischem Anspruch und der Bewertung durch die Kunstkritik.
Auszug aus dem Buch
3.1. Kasimir Malewitsch
In den 1910er Jahren gelangte Kasimir Malewitsch, 1879 geboren, von einer abstrakten zu einer gegenstandslosen Malerei, der er 1915 den Namen Suprematismus gab. Diese Wortneuschöpfung sollte die völlige Neuartigkeit seiner Malerei betonen. In radikaler Weise strebte er eine „reine Kunst“ an.
Mitte der 1920er Jahre bis zu seinem Tod 1935 unternahm Malewitsch keine Anstrengungen mehr, seine Malerei seinen vorherigen Überlegungen entsprechend weiterzuentwickeln. Ende der 1920er Jahre kehrte Malewitsch zu einer figurativen Kunst zurück. In Vorbereitung einer Werkschau in der Tretjakow Galerie im Jahr 1929 malte er eine Vielzahl figurativer Werke, die er auf die 1910er Jahre vordatierte. Daneben entstanden auch gegenständliche Werke, die nicht vordatiert wurden und meist bäuerliche Gestalten zeigten, denen das Gesicht fehlte. Die einzelnen geometrischen Grundformen wurden weiterhin streng im Bild organisiert (vgl. Abbildung 1). 1933 gab er das Malen ganz auf.
Malewitsch stellt in seiner Schrift „Suprematismus – Die gegenstandslose Welt“ von 1924 die Normen, die aus dem gesellschaftlichen Geschmackskonsens entwickelt werden, infrage und trittt für eine ständige Fortentwicklung der Malerei ein:
„Es wird also eine bestimmte Normalität obligatorisch; alles, was außerhalb dieser Normalität liegt, wird als zerstörendes (die Norm zerstörendes) „Element des Lebens“ ausgeschaltet. Dieses ausgeschaltete Element ist nun dasjenige, was ich das additionale Element nenne; dasselbe entwickelt sich und schafft neue Formen, indem es die bestehende Form evolviert oder umstößt.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, warum Künstler wie Malewitsch und Pollock im Spätwerk zur Gegenständlichkeit zurückkehrten und welche Bedeutung dies für den Begriff des „Neuen“ hat.
2. Begriffliches und theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die Funktion der Kunstkritik und theoretische Konzepte zum „Neuen“ sowie zur Abstraktion, um einen Rahmen für die Analyse zu bieten.
3. Die Rückkehr zur Gegenständlichkeit: Stimmen der Künstler und der Kunstkritik: Hier werden die biographischen und künstlerischen Entwicklungen von Malewitsch und Pollock sowie deren spezifische Rezeption durch die zeitgenössische Kritik untersucht.
4. Das „Neue“ in Kunst und Kunstkritik: Dieses Kapitel synthetisiert die Ergebnisse zur Polarisierung der Kunstkritik und zum Umgang mit künstlerischer Innovation und Tradition.
5. Schlussfolgernde Überlegungen: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass die Rückkehr zur Gegenständlichkeit bei beiden Künstlern weniger als Rückschritt, sondern als konsequente Weiterentwicklung unter veränderten Bedingungen zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Kunstkritik, Gegenständlichkeit, Abstraktion, Kasimir Malewitsch, Jackson Pollock, Suprematismus, Abstrakt-Expressionismus, Kunstsystem, Niklas Luhmann, Boris Groys, Innovation, Avantgarde, Moderne, Kunsttheorie, Realitätsbezug.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die späte Rückkehr zur gegenständlichen Malerei bei den Künstlern Kasimir Malewitsch und Jackson Pollock und beleuchtet deren Rezeption durch die Kunstkritik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verbindet kunsttheoretische Reflexionen über das „Neue“ und die „Abstraktion“ mit der konkreten Analyse der Werkphasen beider Künstler.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, wie die Rückkehr zur figurativen Kunst bewertet werden kann: als Scheitern, als bloße Rückkehr zur Tradition oder als konsequente künstlerische Fortentwicklung.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kunsttheoretische Analyse, basierend auf den Schriften von Luhmann, Groys und Boehm, kombiniert mit einer Untersuchung zeitgenössischer kunstkritischer Texte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Begriffen wie Kunstkritik und Abstraktion sowie eine detaillierte Betrachtung der Künstler Malewitsch und Pollock.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch die Begriffe Kunstsystem, Moderne, Gegenständlichkeit, Avantgarde und die spezifische Auseinandersetzung mit Malewitsch und Pollock.
Wie wurde Malewitschs Rückkehr zur Figuration in der zeitgenössischen Kritik aufgenommen?
Die Aufnahme war zwiegespalten; oft wurde sie als unverständlich oder reaktionär betrachtet, da sie im Widerspruch zum radikalen Suprematismus seiner früheren Jahre stand.
Warum wird Pollocks spätes Werk in der Kritik oft als „schwach“ bezeichnet?
Kritiker wie Greenberg und Rosenberg, die das „Neue“ und den Schaffensakt des Abstrakten Expressionismus betonten, sahen in der Hinwendung zu figurativen Elementen einen Mangel an Innovation.
Welche Rolle spielt der Begriff des „additionalen Elements“ bei Malewitsch?
Malewitsch beschreibt damit ein Element, das ein bestehendes System stört und durch eine Evolution zu neuen Formen führt, was seine ständige Suche nach Neuem legitimiert.
Wie unterscheidet sich die Auffassung vom „Neuen“ zwischen Luhmann und Groys?
Während für Luhmann das „Neue“ ein historisch konstruiertes Beobachtungsschema innerhalb des Kunstsystems ist, beschreibt Groys es als eine anthropologisch konstante Gesetzlichkeit durch die Umwertung von Werten.
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- Anonym (Author), 2009, Das „Neue“ in der Kunst und die Rückkehr zur Gegenständlichkeit. Analyse des Spätwerks von Kasimir Malewitsch und Jackson Pollock, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/306991