Mit den Zeitbildern der Droste wurde ein Untersuchungsgegenstand gewählt, der über das bei der Droste Erwartbare, d.h. beschaulich-biedermeierliche, hinausgeht. Wenn sie betont, sie möchte der als „blasi[e]rt“ charakterisierten Zeit am liebsten den Rücken zukehren, so kann dies als eine Flucht in das Private, eine Abwendung von der Öffentlichkeit verstanden werden. Das Paradoxon, sich aber gleichzeitig sehend mit dem Rücken den Ereignissen zuzuwenden, erfasst zugleich die Ambivalenz, die sich auch aus Drostes Zeitbildern ablesen lässt. Genötigt zu einer Positionsbestimmung in der Gegenwart und doch dem Vergangenen verhaftet – in diesem Spannungsfeld bewegt sich dieser Gedichtzyklus der Annette von Droste-Hülshoff.
Ein besonderes Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit ist hierbei der Untersuchung der verschiedenen Funktionen unterschiedlich hervortretender lyrischer Subjektivität bzw. lyrischer Subjekte gewidmet. Auffällig variantenreich wendet sich die Droste mal an ein „Du“, ein „Wir“, ein „Ihr“ oder bleibt beim „Ich“ stehen. Dieser Auffälligkeit soll mit einer Untersuchung der Verwendungsweisen und Funktionen eben dieser lyrischen Subjekte entsprochen werden.
Es sollen zunächst theoretische Grundlagen gelegt werden: Die Verwendung des Terminus „lyrisches Subjekt“ wird begründet eingeordnet und entwickelt. Außerdem sollen auch implizite Formen des Erscheinens lyrischer Subjektivität vorgestellt werden.
Hierauf folgt eine Einordnung der Droste und der Zeitbilder in den politisch-historischen Kontext. Schließlich werden auf dieser Basis die unterschiedlichen Formen lyrischer Subjektivität untersucht und am Schluss der Arbeit die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst.
Dabei soll das Untersuchen lyrischer Subjektivität einen besonderen Fokus für das Verständnis der politischen Lyrik Drostes herstellen. Adressaten und Funktionsweisen der teilweise auch recht suggestiv wirkenden Lyrik dieses Gedichtzyklus sollen herausgearbeitet werden. Dies kann auch helfen zu klären, wie sehr das lyrische Subjekt der Droste-Zeit der „blasi[e]rte[n] Zeit“ verfallen, durch sie verletzt oder beeinflusst war.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Terminologie: das lyrische Subjekt und lyrische Subjektivität
2.1. Lyrisches Ich oder lyrisches Subjekt?
2.2. Implizite und explizite Subjektivität
3. Zum politisch-historischen Kontext: die Droste in ihrer Zeit
4. Das „lyrische Subjekt“ in den Zeitbildern
4.1. „Lyrisches Wir“
4.2. „Lyrisches Ihr“
4.3. „Lyrisches Du“
4.4. „Lyrisches Ich“
5. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die verschiedenen Erscheinungsformen und Funktionen lyrischer Subjektivität im Gedichtzyklus Zeitbilder von Annette von Droste-Hülshoff, um ein tieferes Verständnis ihrer politischen Lyrik zu gewinnen.
- Terminologische Klärung des lyrischen Subjekts
- Politischer Kontext der Restaurationszeit
- Analyse der Funktionen von „Wir“, „Ihr“, „Du“ und „Ich“
- Wechselspiel zwischen privatem Erleben und öffentlichem Raum
Auszug aus dem Buch
4.1. „Lyrisches Wir“
Die Droste wird als eine konservative Denkerin charakterisiert, deren Merkmal es ist, weniger in Systemen als vielmehr im Einzelfall zu denken. Gleichzeitig entwirft sie auch überindividuell Abgrenzungsnarrative, indem sie ein kollektives „Wir“ in ihren Gedichten anführt. Es soll nun geklärt werden, wer mit diesem „Wir“ angesprochen und ausgeschlossen wird.
Das von Pathos erfüllte Gedicht Ungastlich oder nicht? wirkt unbedingt in „der Agitation des Guten“. Es grenzt sich damit von anderen Gedichten des Zeitbilder-Zyklus ab. Ein lyrisches „Wir“ tritt besonders häufig in Erscheinung. Hierbei behandelt das Gedicht den Vorwurf, Westfalen als ein Ort, der in einer Apostrophe angesprochen wird, sei nicht gastfreundlich. Diesem wird bedingt widersprochen: Unter bestimmten Voraussetzungen sei Westfalen ein gastlicher Ort, denn es gilt:
„Wer unseres Landes Sitte ehrt, / Und auch dem seinen hält die Treue – / Hier ist der Sitz an unserem Herd“ (V. 27-30).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Untersuchungsgegenstands Zeitbilder und des Erkenntnisinteresses bezüglich der Funktionen lyrischer Subjektivität.
2. Zur Terminologie: das lyrische Subjekt und lyrische Subjektivität: Theoretische Herleitung und Begründung der Verwendung des Begriffs „lyrisches Subjekt“ sowie Differenzierung von impliziter und expliziter Subjektivität.
3. Zum politisch-historischen Kontext: die Droste in ihrer Zeit: Einordnung der Dichterin in die Restaurationszeit und Erläuterung der politischen Spannungsfelder des Vormärz.
4. Das „lyrische Subjekt“ in den Zeitbildern: Hauptteil, der anhand der Erscheinungsformen „Wir“, „Ihr“, „Du“ und „Ich“ die Funktionen und Wirkungsweisen in Drostes Lyrik analysiert.
5. Zusammenfassung und Fazit: Rückblick auf die theoretischen Grundlagen und abschließende Synthese der Analyseergebnisse zu den Funktionen der lyrischen Subjekte.
Schlüsselwörter
Annette von Droste-Hülshoff, Zeitbilder, lyrisches Subjekt, lyrisches Ich, politische Lyrik, Restaurationszeit, Vormärz, Subjektivität, Diskurs, Literaturanalyse, Gattungstheorie, Identität, Zeitkritik, Literaturgeschichte, Traditionsbewusstsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie das lyrische Subjekt in Annette von Droste-Hülshoffs Gedichtzyklus Zeitbilder erscheint und welche Funktionen es im Kontext ihrer politischen Dichtung erfüllt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Definition des lyrischen Subjekts, die politische Verortung der Droste im 19. Jahrhundert sowie die textnahe Analyse verschiedener Anredeformen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Funktionen unterschiedlich hervortretender lyrischer Subjektivität zu untersuchen, um die politische Tendenzlyrik der Autorin besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Kategorien der Lyriktheorie, um textinterne Deiktika und die Sprecherinstanzen (Ich, Du, Wir, Ihr) systematisch zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die vier Erscheinungsformen des lyrischen Subjekts (Wir, Ihr, Du, Ich) in ausgewählten Gedichten detailliert analysiert und deren jeweilige Funktion herausgearbeitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Zeitbilder, lyrisches Subjekt, politische Lyrik und Restaurationszeit sowie durch die Analyse der verschiedenen Personalpronomina charakterisieren.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen „Wir“ und „Ihr“?
Das „Wir“ dient meist der gemeinschaftsstiftenden Inklusion und kollektiven Identitätsbildung, während das „Ihr“ häufig eine fremde, ermahnungsbedürftige Instanz markiert, von der sich das lyrische Subjekt abgrenzt.
Welche Bedeutung hat das „lyrische Ich“ am Ende der Untersuchung?
Das „lyrische Ich“ fungiert als Kristallisationspunkt des individuellen Erlebens, das auch im öffentlichen Raum eine Rückzugsmöglichkeit ins Private bietet und Verletzlichkeit sowie Zweifeln Ausdruck verleiht.
- Arbeit zitieren
- Philipp Hülemeier (Autor:in), 2015, Funktionen lyrischer Subjektivität in den Zeitbildern der Droste, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/305926