Am 4. März 1933 übernahm Franklin Delano Roosevelt das Amt des 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Mit ihm endete die Präsidentschaft Hoovers und begann eine Ära wirtschafts- und sozialpolitischer Veränderungen in den USA. Wenige Wochen vor Roosevelt wurde in Deutschland Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Auch in Deutschland folgten in den kommenden Jahren Veränderungen, wenn auch von ganz anderer Natur.
Dennoch hatten diese Veränderungen einen wechselseitigen Einfluss aufeinander. Ein Aspekt dieses wechselseitigen Einflusses waren die Flüchtlinge aus Deutschland und Europa, die in den USA Zuflucht suchten. „Während die amerikanische Öffentlichkeit den Flüchtlingen weitgehend skeptisch bis ablehnend gegenüberstand, sahen weiterblickende Intellektuelle 1933 die Chancen, die die deutschen refugee intellectuals boten. Dank der traditionellen Wertschätzung des deutschen Bildungssystems […] suchten sie im Unterschied zu anderen Ländern diese geistigen Potentiale gezielt für die USA zu gewinnen.
"Hitler is my best friend. He shakes the tree and I collect the apples" sagte Walter William Spencer Cook an der New York University und einer dieser Äpfel war Thomas Mann. Nach dessen Exil in der Schweiz emigrierte er schließlich 1938 in die USA. Dort beendete er die bereits 1926 begonnene Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“, in der er sich augenscheinlich der Familiengeschichte des biblischen Jakob und dessen Lieblingssohn Joseph auseinandersetzt.
Unter dem Einfluss zwei turbulenter Jahrzehnte der Weltgeschichte, die vier Bände entstanden zwischen 1926 und 1943, verarbeitete Thomas Mann jedoch auch zahlreiche persönliche Eindrücke, Meinungen und Ideen in seinem Werk.
In dieser Arbeit werde ich die im vierten Buch „Joseph, der Ernährer“ eingearbeiteten Anleihen zu Roosevelts „New Deal“ herausarbeiten und Parallelen zwischen der Situation der beiden Länder, Ökonomien und Führer aufzeigen. Die Ähnlichkeiten, die sich ergeben, zeichne ich möglichst eng am Romantext nach und grenze die glückliche Ära unter Joseph/Roosevelt von den Fehlern, die in der Vergangenheit gemacht wurden, und die Thomas Mann dem Leser durch die Brille des Romans vor Augen führt, ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der „New Deal“ Franklin D. Roosevelts
3. Joseph der Ernährer – Wirtschaftspolitik in Ägypten
3.1. Ökonomische Lehrjahre
3.2. Die Ökonomie Ägyptens
3.3. Josephs Aufstieg in den Staatsdienst
3.4. Probleme Ägyptenlands
3.5. Josephs Lösungsweg
3.6. Josephs „New Deal“
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Parallelen zwischen der historischen Wirtschaftspolitik des „New Deal“ von Franklin D. Roosevelt und der fiktiven Wirtschaftslenkung durch die Figur Joseph im vierten Band der Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann. Dabei wird untersucht, wie Mann zeitgenössische politische Eindrücke und ökonomische Reformmodelle in sein literarisches Werk integrierte, um ein funktionierendes, utopisches Gegenbeispiel zu den krisengeschüttelten Systemen der 1930er Jahre zu entwerfen.
- Wirtschafts- und Sozialpolitik im „New Deal“ der USA
- Literarische Verarbeitung ökonomischer Themen bei Thomas Mann
- Zentralisierung und staatliche Lenkung in „Joseph, der Ernährer“
- Vergleich von historischen Krisenbewältigungsstrategien mit Roman-Strukturen
- Analyse von Machtstrukturen, Steuerreformen und Agrarpolitik
Auszug aus dem Buch
3.6. Josephs „New Deal“
Josephs Maßnahmen erinnern stark an das ökonomische Modell John Maynard Keynes. Dieser forderte, stark vereinfacht, dass ein Staat immer dann in die Wirtschaft lenkend eingreifen müsse, sobald die Wirtschaft in eine Schieflage käme oder in eine Rezession zu rutschen drohte. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise forderte er, entgegen vieler seiner Zeitgenossen, mehr staatliche Eingriffe in die Planung und Lenkung der Wirtschaft um die Depression abzumildern und abzuwenden. Finanziert werden müssten diese Eingriffe nach Keynes Meinung, durch Rücklagen die der Staat in Zeiten einer florierenden Wirtschaft um diese Rücklagen dann in schlechten Zeiten aufzubrauchen. Genau dies tut Joseph. In den „sieben fetten Jahren“ legt er Vorräte an, organisiert das Staatswesen neu und bereitet Ägypten auf die kommenden „mageren Jahre“ vor. Er vermeidet Fehler, die Thomas Mann beim Übergang von Kaiserreich zur Weimarer Republik beobachtet hat. Er durchbricht die vorhandenen Strukturen und ordnet die Machtverhältnisse seinen Bedürfnissen entsprechend neu.
Sein Ziel ist keine Republik wie diese in der Weimarer Verfassung verwirklicht war, sondern ein „zentralistischer Staat, in dem alle Fäden in einer Verwaltung zusammenlaufen“. Die innerstaatlichen Querelen und machtpolitischen Ränke scheinen Thomas Mann davon überzeugt zu haben, dass der Zentralismus eine bessere Lösung bereithalte. Andere Anleihen seiner Politik übernimmt Joseph aus den USA. Seine Einwanderungspolitik „erinnert […] an die Verhältnisse der dreißiger und vierziger Jahre in den USA“ und auch der Zwang zur Modernisierung, der der Erkenntnis entsprungen war, dass „das Gemeinwohl nicht dem Engagement des einzelnen Bürgers überlassen werden dürfe“ erinnert an Roosevelt. Die staatlichen Eingriffe Josephs in die Landwirtschaft finden ihre Entsprechung in den Eingriffen Roosevelts in die Landwirtschaft der USA. Allerdings ist das Ziel ein anderes. Joseph ist bemüht eine Zentralisierung und einen möglichst großen Produktionsüberschuss zu erzielen. Roosevelt greift in die Landwirtschaft ein, um die Produktion zu drosseln und stabile Preise zu erzielen. In beiden Fällen werden entstehende Überschüsse jedoch eingelagert und tatsächlich in den kommenden „mageren“ Jahren verkauft. Im Falle der USA nach Europa, in Josephs Fall an die Nachbarn Ägyptens.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das historische Umfeld von Roosevelts Amtsantritt und Thomas Manns Emigration ein und legt das Ziel der Arbeit fest, Parallelen zwischen dem „New Deal“ und dem Roman „Joseph, der Ernährer“ aufzuzeigen.
2. Der „New Deal“ Franklin D. Roosevelts: Das Kapitel skizziert die wirtschaftliche Ausgangslage der USA nach dem Ersten Weltkrieg, den Börsencrash 1929 und die daraus resultierenden Maßnahmen Roosevelts in den Bereichen Finanzen, Industrie und Landwirtschaft.
3. Joseph der Ernährer – Wirtschaftspolitik in Ägypten: Der Hauptteil untersucht, wie ökonomische Konzepte, die bereits in den vorangegangenen Bänden angelegt wurden, im Kontext von Josephs Wirken in Ägypten zu einem umfassenden staatlichen Reformprogramm ausgebaut werden.
3.1. Ökonomische Lehrjahre: Hier werden die frühen ökonomischen Erfahrungen Jaakobs und deren Weitergabe an Joseph als Grundlage für dessen späteres Handeln in Ägypten dargestellt.
3.2. Die Ökonomie Ägyptens: Dieses Unterkapitel analysiert die Bedeutung des Nils als zentrales Fundament der ägyptischen Wirtschaft und die drei Säulen Landwirtschaft, Städte/Industrie und Handel.
3.3. Josephs Aufstieg in den Staatsdienst: Es wird beschrieben, wie Josephs Ausbildung durch den Vater und spätere Erfahrungen im Ausland sein „kulturelles Kapital“ erweitern und ihm den Aufstieg in den ägyptischen Verwaltungsapparat ermöglichen.
3.4. Probleme Ägyptenlands: Joseph identifiziert bei seiner Inspektion des Landes strukturelle Missstände wie unklare Besitzverhältnisse, Korruption bei den Gaubaronen und eine ineffiziente Verwaltung als größte Herausforderungen.
3.5. Josephs Lösungsweg: Dieses Kapitel erläutert die administrative Zentralisierung und die Steuerreformen, durch die Joseph als Vermittler zwischen Pharao und Volk agiert und die Macht des Staates festigt.
3.6. Josephs „New Deal“: Es werden die inhaltlichen Überschneidungen und Unterschiede zwischen Josephs Reformen und dem Keynesianismus sowie Roosevelts „New Deal“ aufgezeigt und als literarische Utopie interpretiert.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Mann mit dem ägyptischen Modell eine funktionierende gesellschaftliche Ordnung zeichnet, die als bewusste Gegenentwurfs-Utopie zu den gescheiterten Systemen seiner Zeit zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, New Deal, Franklin D. Roosevelt, Wirtschaftspolitik, Keynesianismus, Zentralismus, Roman-Tetralogie, Weltwirtschaftskrise, Ägypten, Reformpolitik, Sozialismus, Machtpolitik, Literaturwissenschaft, Staatslenkung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die literarische Auseinandersetzung Thomas Manns mit zeitgenössischen ökonomischen Modellen, konkret den Parallelen zwischen Roosevelts „New Deal“ und der Wirtschaftspolitik des biblischen Joseph in seinem Roman.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historische Wirtschaftslage der USA in den 1930er Jahren, die literarische Darstellung von Macht und Verwaltung im Roman sowie die ökonomischen Konzepte der staatlichen Lenkung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie Thomas Mann reale historische Vorbilder und wirtschaftspolitische Ideen in die fiktive Welt des Romans integriert, um ein politisches Resümee zu ziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textnahe literaturwissenschaftliche Analyse, die den Romantext vor dem Hintergrund historischer Quellen und ökonomischer Theoriebildungen interpretiert.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Im Hauptteil wird der Weg Josephs vom Sklaven zum „Ernährer“ Ägyptens nachgezeichnet, wobei insbesondere die Analyse der Verwaltungsreformen und der Agrarpolitik im Fokus steht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe wie Thomas Mann, New Deal, Zentralismus, Wirtschaftslenkung und Staatsreform verdeutlichen den interdisziplinären Fokus zwischen Literatur und Ökonomie.
Warum zieht der Autor Parallelen zu John Maynard Keynes?
Josephs antizyklische Politik – Vorräte in fetten Jahren anzulegen, um für Krisenzeiten gerüstet zu sein – weist eine deutliche strukturelle Ähnlichkeit zum keynesianischen Wirtschaftsmodell auf.
Worin unterscheidet sich Thomas Manns literarischer „New Deal“ von der historischen Realität?
Während Roosevelt innerhalb demokratischer Grenzen agierte, lässt Mann seine Romanfigur Joseph radikaler handeln, was in der Konsequenz zu einer Verstaatlichung von Boden und Arbeitskraft führt, die eine deutliche Tendenz zum Sozialismus zeigt.
Welche Rolle spielen die „Gaubarone“ im ägyptischen Modell des Romans?
Die Gaubarone repräsentieren die alte, korrupte Machtelite, deren entmachteter Status durch Josephs Reformen notwendig war, um eine effiziente und zentrale Verwaltung zugunsten des Pharaos zu etablieren.
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- Anonym (Autor:in), 2015, "New Deal" in "Joseph und seine Brüder" von Thomas Mann, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/304243