Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem aktuell zu beobachtenden Beratungsboom in Deutschland. Ich möchte versuchen, anhand eines Rundumschlages zu erklären, wie die Institutionelle Beratung entstanden ist und in welcher Beziehung sie zur Politik steht. Anhand einer Arbeitsmarktanalyse möchte ich aufzeigen, wie gesellschaftlicher Wandel und Beratung zusammenhängen. Mit dem Versuch, einen theoretischen Umriss der Beratung zu zeichnen, möchte ich Anlässe und Ziele der Beratung sichtbar machen, sowie zu seinem Definitionskern vorstoßen. Ich möchte wissen, wie päd. Beratung arbeitet, was ist ihr Selbstverständnis?
In dem darauf folgenden Kapitel möchte ich Beratung systemkritisch sezieren und ein aktuelles Verständnis von Beratung offenlegen, welches Beratung als moderne Menschenführung entlarvt und zudem als menschliche Tuningmethode zur Arbeitskraftsteigerung der EU angesehen werden kann. Eine anschließende Bestandsaufnahme am Beispiel Deutschland dient lediglich der Unterfütterung zur Behauptung, es läge ein Beratungsboom generell vor, insoweit sollen hier weitere Konturen gezeichnet werden, die vor allem die Bundesagentur für Arbeit in den Blick nehmen, Einzelprogramme darstellen und auf eine notwendige Vernetzung Hinweis geben.
In einem vorletzten Schritt möchte ich die Bedeutung von Qualitätskriterien für professionelle Beratung herausstellen. Jede Menge Zahlenwerk lädt hier zum freien Interpretieren ein. Auf die neuen Herausforderungen wie Migration, Onlineberatung und Vernetzungen gehe ich nur am Rande ein. Insgesamt gesehen geht es mir hierbei um eine Art Berechtigungsanalyse im Dasein institutionalisierter Beratung nach unserem heutigen Verständnis zu zeichnen. Welche Rolle spielt dabei Beratung als Anlaufstelle für Probleme des Lebens und was bringen letztlich Professionalisierungsanstrengungen? Mit einem Schlussplädoyer möchte ich diese Arbeit abschließen. Hier möchte ich den Freiraum für eine kritische Schlussoffensive nutzen, die vor allem die Problematik der Menschenführung und der Mündigkeit des Menschen vor dem päd. Gericht beleuchten soll.
Was bleibt zum Schluss? Vom ganzen Zahlenwerk mal abgesehen – und ich meine hier kann sich jeder selbst die Zahlen aneignen und interpretieren – so ist es für mich von größerer Bedeutung, ob Beratung an sich überhaupt eine Daseinsberechtigung hat. Meine Stimmung dies zu beurteilen, ist geradezu ambivalent. Ich möchte versuchen im Schlussteil einige relevante rote Linien herauszugreifen und...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung in die Thematik
2.1 Die Einbettung der päd. Beratung in Gesellschaft und Politik
2.2 Pädagogisch besonders bedeutsame sozialkulturelle Strukturwandlungen
2.2.1 Zunehmende Interdependenz
2.2.2 Gesellschaftliche Arbeitsteilung
2.2.3 Demokratisierung und Pluralität
2.2.4 Zunehmende Bürokratisierung
2.2.5 Rationalisierung und Verwissenschaftlichung
2.2.6 Spezialisierung und Leistungsorientierung
2.2.7 Zunahme der Technisierung und Automatisierung
2.2.8 Umstrukturierung im Berufsgefüge
3. Theoretischer Umriss der Päd. Beratung
3.1 Wissenschaftssystematische Einordnung
3.2 Gesellschaftliche Veränderungen, neue Aktualität von Beratung
3.3 Was ist pädagogische Beratung?
3.4 Anlässe und Ziele von Beratung
4. Kritik an postmoderner Beratung
4.1 Mediale Verbreitung am Bsp. „Super Nanny“
4.2 Lifelong Guidance
4.3 Beratung dient der Menschenführung!?
5. Bestandsaufnahme am Beispiel Deutschland
5.1 Gesamtstrategie Lebensbegleitender Beratung
5.2 Kohärente Teilsysteme von Beratung
5.3 Einzelprogramme und Initiativen
5.4 Beratung durch die Bundesagentur für Arbeit
5.5 Erste Ansätze zu einer Vernetzung
5.6 Wie geht es weiter?
6. Neue Wege – Aktuelle Entwicklungslinien von Beratung
6.1 Beispiel Jugendhilfe Spandau
6.2 Prävention – Standpunktpapier LAG Erziehungsberatung Bayern
6.3 Neue Herausforderungen
6.3.1 Migrationshintergrund
6.3.2 Onlineberatung
6.3.3 Vernetzungen
6.3.4 Kosten pro Fall
6.3.5 Qualitätsentwicklung und Professionalität
6.4 Beratung als zwischen- und mitmenschliches Grundbedürfnis
6.5 Professionalisierungsanstrengungen von Beratung
7. Schlussplädoyer
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert den Beratungsboom in Deutschland und hinterfragt die Rolle der institutionalisierten pädagogischen Beratung im Kontext von gesellschaftlichem Wandel, Ökonomisierung und Menschenführung.
- Entstehung und gesellschaftspolitische Einbettung von Beratung
- Kritische Analyse von Beratung als Instrument moderner Menschenführung
- Bestandsaufnahme der deutschen Beratungslandschaft (insb. Bundesagentur für Arbeit)
- Herausforderungen wie Onlineberatung, Migration und Qualitätsentwicklung
- Diskussion über Beratung als (vermeintliches) Grundbedürfnis und Professionalisierungsanstrengungen
Auszug aus dem Buch
4.3 Beratung dient der Menschenführung!?
Früher noch waren es die Lehrer und Priester, die einem zu verstehen gaben, man müsse seinen Verstand benutzen, heute jedoch kommt diese Aufgabe den BeraterInnen zu, „das süße Gift unters Volk zu bringen.“ Wer Beratung erhält, gilt als hip. Besonders Reiche können sich einen Lifecoach leisten. Er fungiert als PartnerInersatz, der mit seinem Klienten Probleme bespricht. In den 90ern wurde dieser Lebensstil entwickelt, damit Klienten mehr Lebensqualität entwickeln können. Die Soziologie sah sich in den 90ern mit dem Begriff der „neuen Unübersichtlichkeit“ konfrontiert, also einem Wandel in der Werte- und Normenstruktur. Die neuen Lebensstile (Teilzeit, Patchwork, flüchtige Partner usw.) bedingen veränderte Ansprüche, und ziehen eine Adaption neuer und alter Sozialisation nach sich. Als Pendant zum Beratungsboom hat man die Risikogesellschaft erklärt.
Soziologisch ist eine gesunde Normalpersönlichkeit in der Tat in Relation zu den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen begründbar. Als normal ist anzusehen, was mit den aktuellen Machtstrukturen kompatibel ist. Kommt es in der Folge zu mehr Beratungsanlässen, ist es nicht nur auf zunehmende gesellschaftliche Komplexität, sondern auch auf Machtstrukturen zurückzuführen. Das Aufsuchen der Beratungsstellen mag ihren Ursprung wohl darin haben, dass immer mehr Menschen mit dem Paradoxon zu kämpfen haben, eine flexible Persönlichkeit (neu)auszubilden, da statische Jobs und private Rollen erodieren, infolgedessen also Beratung zur Neufindung beisteuert, jedoch macht eine solche blanke Logik den Blick nicht dafür frei, welche Machtverhältnisse die instabilen Lebenslagen ausbilden. Diesbezüglich kann hinsichtlich als Auslöser des Beratungsbooms angeführt werden, dass Gesellschaftsveränderungen nicht die einzige Ursache sind. Beratung steht in Verdacht, als Instrument für moderne Menschenführung zu wirken. Aktuell wandelt sich der Kapitalismus von einer Disziplinargesellschaft hin zur Kontrollgesellschaft – man kann sagen, es etabliert sich hinter unserem Rücken eine neue Form der Gouvernementalität.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas Beratungsboom und Zielsetzung der Arbeit, kritische Aspekte der Beratung zu beleuchten.
2. Einführung in die Thematik: Untersuchung der soziokulturellen Strukturwandlungen und der Entstehung von Beratungsinstanzen in der Gesellschaft.
3. Theoretischer Umriss der Päd. Beratung: Wissenschaftssystematische Einordnung und Klärung der pädagogischen Beratung im gesellschaftlichen Kontext.
4. Kritik an postmoderner Beratung: Kritische Analyse medialer Beratungspraktiken und der Funktion von Beratung als Instrument der Menschenführung.
5. Bestandsaufnahme am Beispiel Deutschland: Analyse der deutschen Beratungsstruktur, insbesondere im Hinblick auf Arbeitsmarktpolitik und Vernetzung.
6. Neue Wege – Aktuelle Entwicklungslinien von Beratung: Diskussion aktueller Herausforderungen wie Migration, Onlineberatung und der Qualitätsentwicklung in der pädagogischen Beratung.
7. Schlussplädoyer: Reflexive Zusammenfassung und kritische Schlussoffensive zum Daseinsgrund und der Problematik der Beratung.
Schlüsselwörter
Beratungsboom, Pädagogische Beratung, Menschenführung, Kontrollgesellschaft, Gouvernementalität, Professionalisierung, Erziehungsberatung, Marktrationalität, Lebensbegleitendes Lernen, Sozialisation, Beratungspolitik, Selbstreflexion, Empowerment, Risikogesellschaft, Qualitätsstandards.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit dem beobachtbaren Beratungsboom in Deutschland auseinander und hinterfragt, ob Beratung tatsächlich primär dem Individuum hilft oder als Instrument zur Steuerung von Menschen für ökonomische Zwecke dient.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der gesellschaftliche Wandel, die Rolle der Erziehungsberatung, die Kritik an postmoderner Beratung, die staatliche Steuerung der Bevölkerung (Gouvernementalität) sowie Qualitäts- und Professionalisierungsanstrengungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, eine Berechtigungsanalyse der institutionalisierten pädagogischen Beratung durchzuführen und zu prüfen, inwieweit Beratung als moderne Form der Menschenführung fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systemkritische und hermeneutische Analyse, stützt sich auf soziologische Theorien (z.B. Foucault, Berger/Luckmann) und wertet aktuelle Statistiken und Stellungnahmen aus der pädagogischen Praxis aus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Kritik an postmoderner Beratung, eine Bestandsaufnahme der deutschen Praxis (z. B. durch die Bundesagentur für Arbeit) sowie die Untersuchung neuer Entwicklungslinien wie Onlineberatung und Qualitätsstandards.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Beratungsboom, Pädagogische Beratung, Menschenführung, Kontrollgesellschaft, Gouvernementalität, Professionalisierung, Erziehungsberatung, Marktrationalität, Lebensbegleitendes Lernen, Sozialisation.
Wie bewertet der Autor die mediale Beratung durch Formate wie die „Super Nanny“?
Der Autor sieht darin eine unprofessionelle Kommerzialisierung, die Eltern entmündigt, ihre Intuition unterdrückt und strukturelle Probleme einseitig zu individuellen Versäumnissen der Erziehungspersonen erklärt.
Warum sieht der Autor Beratung als „Mogelpackung“?
Der Autor argumentiert, dass Beratung oft Fremdzwänge in Selbstzwänge transformiert und unter dem Deckmantel der Autonomie und des Empowerments eigentlich der Marktkonformität und Leistungssteigerung der Individuen dient.
Welche Rolle spielt die „Kontrollgesellschaft“ in dieser Analyse?
Die Kontrollgesellschaft beschreibt den Wandel, in dem Individuen durch ständige Beratung und Selbstoptimierung nahtlos in ökonomische Logiken eingepasst werden, anstatt durch Erziehung zu mündigen Bürgern heranzuwachsen.
Was schlägt der Autor als Alternative zum aktuellen Beratungssystem vor?
Der Autor plädiert für Transparenz im Beratungsprozess, eine stärkere Besinnung auf informelles und selbstgesteuertes Lernen und warnt davor, die eigene Urteilsfähigkeit durch eine unreflektierte Inanspruchnahme von „Experten“ abzugeben.
- Arbeit zitieren
- Manuel Berg (Autor:in), 2014, Beratungsboom in Deutschland. Aktuelle Entwicklungslinien in der Erziehungswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/302856