Heinrich von Nördlingen – Margarethas guter Freund und Beichtvater – betitelt Margaretha Ebner in einem seiner Briefe an sie als maria lactans, die der gesamten Christenheit Gnaden bringen kann, indem sie diese an ihrer Brust stillt. Heinrich bezeichnet Margaretha als selige nachvolgerin Marias und wünscht sich von ihr: "[…] das du uns usz deinen mutterlichen vollen megdlichen brusten weiszlich und freintlich gesögen kanst." Es bleibt jedoch zu fragen, ob sich Margaretha in ihren Texten auch selbst zur Gottesmutter stilisiert, die Jesus Christus als ihr eigenes Kind annimmt und zu einer maria lactans wird?
Um diese Frage hinreichend zu beantworten, soll zunächst der Bildtypus der maria lactans untersucht werden, um in einem zweiten Schritt einen Vergleich zwischen den Ausführungen Margarethas und Heinrichs von Nördlingen anstellen zu können. Primär werden Margarethas Offenbarungen als Quellengrundlage dienen.
Der Fokus dieser Arbeit wird auf die inhaltliche Betrachtung Margarethas Mutterschafts und vor allem Stillvisionen gelegt. Die an Margaretha gerichteten Briefe Heinrichs von Nördlingen wurden gemeinsam mit den Offenbarungen 1882 von Philipp Strauch editiert und können ebenso hilfreich sein, um Erkenntnisse über Margaretha zu gewinnen. Als Sekundärliteratur zu Margaretha Ebner und zu mittelalterlicher Frauenmystik im Allgemeinen dienen insbesondere die Forschungsergebnisse von Peter Dinzelbacher, Caroline Walker Bynum, Uta Sörmer – Caysa, Bruno Quast, Urban Federer und Johannes Janota.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Maria lactans – die nährende Maria
3. Margaretha Ebner
3.1 Die Offenbarungen der Margaretha Ebner
3. 2. Margaretha lactans – Margaretha Ebners Stillvisionen
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das mystische Phänomen der „Margaretha lactans“ bei der Dominikanerin Margaretha Ebner, um zu klären, inwiefern sie sich in ihren Visionen bewusst als Gottesmutter Maria stilisierte, um eine unio mystica zu erreichen.
- Analyse des Bildtypus der „maria lactans“ in der christlichen Tradition
- Untersuchung der Mutterschafts- und Stillvisionen Margaretha Ebners
- Vergleich der Aufzeichnungen Margarethas mit den Briefen Heinrichs von Nördlingen
- Deutung der leiblich-mystischen Erotisierung der Gottesbeziehung
- Einfluss der Nachahmung (Imitatio) auf die spirituelle Entwicklung der Mystikerin
Auszug aus dem Buch
3. 2. Margaretha lactans – Margaretha Ebners Stillvisionen
Als Margaretha im Dezember 1344 mit dem Schreiben der Offenbarungen beginnt, kommt zu ihrer ausgeprägten Passionsmystik die Verehrung der Geburt und Kindheit Jesu Christi hinzu. Im Nachtrag des ersten Teiles der Offenbarungen, die Margaretha an Heinrich sendet, kommt sie das erste Mal auf ihre Verehrung des Christuskindes zu sprechen, als sie sagt: do ich daz büechelin enmitten scraib, do viel mir der aller gröst lust in in die kinthait unsers herren mit der aller süezzesten genade (O 86, 15-17). „Wenn Margaretha Ebner ihre Erfahrungen schriftlich niederlegt, fühlt sie sich von der besonderen Gnade Gottes getragen.“36 Das Aufschreiben ihrer Vita löst vor allem ein Verlangen nach dem Christuskind aus, was zu sehr sinnlichen Visionen mit diesem führt. Anfängliche Zweifel Margarethas, die Christuskindvisionen aufzuschreiben, nimmt ihr letztendlich ihre Mitschwester und Freundin Elsbeth Schepach, die von Margaretha träumt, was sie wie folgt beschreibt:
„ich bot dir hint in dieser naht in einem traum din kint, und daz was ain lebentz kint, und daz nem du von mir mit grosser begirde und letost ez an din herze und woltost ez saugen, und des wundert mich, als bliuge du bist, daz du dich nit schemtest“ (O 90, 12-16).
Elsbeths Traum scheint Margaretha darin zu bestärken, zu ihren Visionen, in denen sie das Jesuskind liebkost und stillt zu stehen und diese aufzuschreiben. Schließlich schreibt sie daraufhin, wie sie zu einer Christkindwiege samt hölzerner Jesuskindpuppe kam und welche Vision sie in der darauffolgenden Nacht hat.37 Am 26. Dezember 1344 erwähnt sie:
An sant Stephans tag gab mir min herre ain minneklich gaube minen begirden, daz mir wart gesendet von Wiene aiu minneklichez bilde, daz was ain Jhesus in ainer wiegen […] (O 90, 22-24).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Begrifflichkeit der christlichen Mystik ein und erläutert die Bedeutung der unio mystica sowie das Forschungsinteresse an Margaretha Ebner als „maria lactans“.
2. Maria lactans – die nährende Maria: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen und theologischen Hintergrund des Bildtypus der stillenden Maria und dessen Bedeutung als Zeichen der menschlichen Seite Christi und mütterlicher Fürsorge.
3. Margaretha Ebner: Der Abschnitt bietet eine biographische Skizze der Dominikanerin Margaretha Ebner und ordnet ihre spirituelle Praxis sowie ihre Kontakte, insbesondere zu Heinrich von Nördlingen, historisch ein.
3.1 Die Offenbarungen der Margaretha Ebner: Hier werden die Entstehung, Charakteristik und der Status der Offenbarungen als literarisches und mystisches Zeugnis der Vita Margaretha Ebners diskutiert.
3. 2. Margaretha lactans – Margaretha Ebners Stillvisionen: In diesem zentralen Kapitel werden die spezifischen Visionen Margarethas analysiert, in denen sie das Jesuskind stillt und somit die Rolle der Gottesmutter im Rahmen der Nachahmung einnimmt.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Margaretha Ebner durch die leiblich-mystische Identifikation mit Maria eine tiefe spirituelle Vereinigung erreichte und sich selbst als „Margaretha lactans“ in die Heilsgeschichte einschrieb.
Schlüsselwörter
Margaretha Ebner, Mystik, Maria lactans, unio mystica, Christuskind, Stillvisionen, Offenbarungen, Imitatio Christi, Frauenmystik, Brautmystik, Passionsmystik, Heinrich von Nördlingen, Körperlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das mystische Leben der Dominikanerin Margaretha Ebner mit einem spezifischen Fokus auf ihre Visionen der Gottesmutterschaft und ihre Identifikation als „maria lactans“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind spätmittelalterliche Frauenmystik, die ikonographische Tradition der stillenden Maria (maria lactans) sowie die Verbindung von leiblicher Erfahrung und spiritueller Askese.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob sich Margaretha Ebner in ihren Visionen aktiv in die Rolle der Gottesmutter begab, um die unio mystica zu intensivieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und historische Analyse der „Offenbarungen“ Margaretha Ebners in Verbindung mit zeitgenössischer Sekundärliteratur zur Mystik vorgenommen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Bildtypus der Maria, die Biographie Margaretha Ebners sowie ihre spezifischen Still- und Mutterschaftsvisionen und deren Einordnung in den mystischen Kontext.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Margaretha Ebner, maria lactans, unio mystica, Imitatio Christi, Offenbarungen und mittelalterliche Körpermystik.
Welche Rolle spielt Heinrich von Nördlingen für Margaretha Ebner?
Er war ihr Beichtvater und Freund, der sie maßgeblich dazu ermutigte, ihre Visionen schriftlich festzuhalten, und der sie in seinen Briefen als „selige nachvolgerin Marias“ stilisierte.
Wie deutet die Autorin Margarethas Bedürfnis nach „Ersatzmutterschaft“?
Es wird aufgezeigt, dass Margaretha Ebner durch die intensive Nachahmung der mütterlichen Rolle Marias nach einer psychologischen und spirituellen Kompensation für ihre eigene versagte Mutterschaft suchte.
Warum sind Margarethas Visionen als „leiblich“ zu bezeichnen?
Die Visionen äußerten sich durch intensive körperliche Empfindungen wie Schmerzen oder die haptische Interaktion mit heiligen Objekten wie Kruzifixen und Holzfiguren des Jesuskindes.
- Arbeit zitieren
- Katharina Müller (Autor:in), 2015, Margaretha lactans. Selbststilisierung zu einer Nachfolgerin Marias?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/302535