Die Forschungsliteratur vermittelt auf den ersten Blick zahlreich den Eindruck, als sei Peter Rühmkorf ein Dichter, der seine Kunst hauptsächlich funktionalisiere und vordergründig Kunst mit politischen Inhalten und Botschaften mache. Er gilt als „engagierter Aufklärer“, der sich mit seiner Lyrik und seinen Essays in die Gesellschaft einmischen wolle und auch die Funktion und den Nutzen von Kunst darin sehe, Veränderungen hervorzurufen.
Dies legt den Schluss nahe, dass vor allem das gesellschaftskritische Moment in Peter Rühmkorfs Lyrik entscheidend sei. Dabei wird jedoch vergessen, dass Rühmkorf immer auch Künstler ist, der eben Kunst machen will, und zwar um ihrer Ästhetik willen.
Weder die ausschließliche Betrachtung der einen Seite, des Künstlers der Kunst nutzen will um Inhalte zu transportieren, noch die ausschließliche Betrachtung der Seite des Künstlers, der Kunst nur um der Kunst willen macht, l´art pour l´art, würde Peter Rühmkorf gerecht werden. „Seine Lyrik wird gewissermaßen gleichzeitig von zwei Autoren verfasst: dem 'rationalen' Aufklärer und dem 'irrationalen' Poeten. Sie produzieren gemeinsam erkenntnistheoretische Schriften, und sie machen Kunst, fasst es Sabine Brunner zusammen. Und auch Rühmkorf selbst ist diese Zweiheit bewusst, die zur Bedingung seines Schreibens wird.
„Warum denn bitte, bliebe der Unbefangenheit zu fragen, warum denn solle, müsse, dürfe, könne Kunst nicht? Warum sollte dem zeitgenössischen Poeten grundsätzlich vorenthalten bleiben, was Dichtkunst vieler Zeiten, vieler Länder zu gegebener Stunde für sich in Anspruch nahm: das Recht, sich kräftig einzumischen in die alltägliche Belange.“
Die engagierte Kunst, das Einmischen in gesellschaftlich gegenwärtige Diskurse und das Bilden von Diskursen selbst, sieht Rühmkorf als als ein 'Recht' der Kunst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Mohn-Symbolik
2.1 Die Konservierung des Schönen
2.2 Rauschhaftigkeit und Kunstproduktion
3. Die Thematik der Zeit
3.1. Zeit und Geschwindigkeit
3.2 Augenblick und Plötzlichkeit
4. Dichtkunst und Bildende Kunst
4.1. Stilleben und Vanitas-Stilleben
4.2 Bezug zur Bildenden Kunst
5. Kunst als Überlebenskunst
6. Fazit
7. Bibliographie
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht „Stilleben – bei Anruf Mord“ von Peter Rühmkorf im Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen der künstlerischen Darstellung von Schönheit und der unvermeidlichen Vergänglichkeit. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, ob und wie Lyrik das flüchtige Moment der Schönheit konservieren kann, wobei eine vergleichende Perspektive zur Bildenden Kunst eingenommen wird.
- Die Mohnblume als zentrales Symbol für Schönheit und Vergänglichkeit
- Die Thematik der Zeit, Geschwindigkeit und Augenblicklichkeit in der modernen Lyrik
- Intermediale Bezüge zwischen Dichtkunst und dem künstlerischen Stilleben
- Selbstreflexivität des künstlerischen Schaffensprozesses
- Die Rolle der Kunst als „Überlebenskunst“ in einer vergänglichen Welt
Auszug aus dem Buch
3.1. Zeit und Geschwindigkeit
In der Anthologie „Zwischen Freund Hein und freund Heine“ analysiert Dieter Lamping das Gedicht Rühmkorfs „Zum Jahreswechsel“ unter dem Aspekt der Zeit und konstatiert, dass die „Zeit in ihren unterschiedlichen Aspekten ein zentrales Thema moderner“ Lyrik sei. Auch wenn in dieser Arbeit ein anderes Gedicht behandelt werden soll, so lassen sich aus diesem Text doch erhellende und übertragbare Aspekte in Bezug auf die Zeit finden. Begriffe der Zeit und der Zeitlichkeit lassen sich in „Stilleben – bei Anruf Mord“ reichlich finden. Der Anruf an den Mohn er solle verweilen, der Hinweis auf das Jahr, das schneller als sonst vorüber geht, das Enteilende und der Durchzug der Saison, sind allesamt Begriffe, die auf eine hohe Geschwindigkeit verweisen, auf die davon rinnende Zeit. Auch das Gedicht selbst, scheint immer schneller zu werden, der in der ersten Strophe angesprochene Atemzug scheint fast wie ein einmaliges Luftholen, wobei das Gedicht mit nur einem Atemzug herunter gelesen werden soll und am Ende die Luft ausgeht. Das Gedicht selbst macht also nicht nur inhaltlich, sondern auch durch seine Form auf das Problem der Zeit aufmerksam. Zeit hat bei Rühmkorf eine existentielle Bedeutung. Nicht nur die Zeit in der man lebt, sondern auch die Zeit die man zu leben hat, sind immer wiederkehrende Topoi. Interessant dabei ist, dass sich Rühmkorf für die Produktion seiner Lyrik sehr viel Zeit genommen hat. Er vereinigt das Paradox in sich, „der notorisch langsamste und gleichzeitig der flüchtigste, gehetzteste Dichter der Republik zu sein […]“. Als Autor gab er sich und seiner Arbeit viel Zeit und Muse. Er sammelte Partikel, Impressionen, Materialien und Metaphern an, um auf einen riesigen Fundus an Wörtern und Sprache zurückgreifen zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt Peter Rühmkorf als Lyriker vor und thematisiert das Spannungsfeld zwischen seinem gesellschaftspolitischen Engagement und seinem ästhetischen Kunstverständnis.
2. Die Mohn-Symbolik: Dieses Kapitel analysiert die Mohnblume als zentrales Symbol, das Schönheit, Vergänglichkeit und rauschhafte Inspiration in sich vereint.
3. Die Thematik der Zeit: Hier wird untersucht, wie Zeit, Geschwindigkeit und flüchtige Augenblicke das Gedicht strukturell und inhaltlich prägen.
4. Dichtkunst und Bildende Kunst: Der Vergleich zwischen dem Genre des Stillebens in der Malerei und Rühmkorfs poetischer Herangehensweise bildet den Schwerpunkt dieses Kapitels.
5. Kunst als Überlebenskunst: Dieses Kapitel betrachtet das Gedicht als ernüchternde Reflexion über die Möglichkeiten der Kunst, angesichts der eigenen Vergänglichkeit bestehen zu können.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Rühmkorfs Gedicht die begrenzte Kraft der Sprache gegenüber der Naturgesetze reflektiert und dennoch dem Ästhetischen einen flüchtigen Mehrwert zuschreibt.
7. Bibliographie: Auflistung aller verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Peter Rühmkorf, Stilleben – bei Anruf Mord, Lyrik, Mohn-Symbolik, Vergänglichkeit, Zeitlichkeit, Ästhetik, Bildende Kunst, Vanitas-Motiv, Selbstreflexivität, Kunstproduktion, Sprachkritik, Moderne Lyrik, Literaturwissenschaft, Kunstideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert das Gedicht „Stilleben – bei Anruf Mord“ von Peter Rühmkorf, um die zentralen Motive der Schönheit und ihrer Vergänglichkeit sowie die Möglichkeiten lyrischen Schaffens zu untersuchen.
Welches ist das zentrale Thema der Analyse?
Das zentrale Thema ist der Versuch des lyrischen Ichs, einen flüchtigen, ästhetischen Moment – die volle Blüte einer Mohnblume – durch Sprache festzuhalten, und die damit verbundene Auseinandersetzung mit der Zeitlichkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu ergründen, ob Lyrik im Vergleich zur Bildenden Kunst die Schönheit eines vergänglichen Gegenstandes dauerhaft konservieren kann oder ob dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine werkimmanente Interpretation des Gedichts, ergänzt durch literaturwissenschaftliche Sekundärliteratur zu Peter Rühmkorfs Lyrik, seiner Kunstideologie sowie kulturhistorische Bezüge zum Vanitas-Motiv.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Untersuchungen zur Mohn-Symbolik, zum Zeitbegriff und zur Geschwindigkeit, einem intermedialen Vergleich zwischen Dichtkunst und bildender Kunst (Stilleben) sowie einer Reflexion der Kunst als „Überlebenskunst“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Peter Rühmkorf, Mohn-Symbolik, Vergänglichkeit, Zeitlichkeit, Stilleben und die Selbstreflexivität von Lyrik.
Welche Bedeutung hat der Titel „Stilleben – bei Anruf Mord“ laut der Arbeit?
Der Titel wird als Anspielung auf die bildende Kunst (Stilleben) verstanden, während der „Anruf“ eine poetische Apostrophe und das Wort „Mord“ das unvermeidliche Verwelken des Mohns am Ende des Gedichtes markiert.
Wie bewertet der Autor Rühmkorfs Umgang mit dem Thema „Zeit“?
Der Autor stellt fest, dass Rühmkorf die Zeit nicht nur inhaltlich thematisiert, sondern die zunehmende Geschwindigkeit und den Verfallsprozess auch formal im Gedicht durch steigende Intensität und sprachliche Strukturen widerspiegelt.
- Quote paper
- Fabian Fitz (Author), 2013, Schönheit und ihre Vergänglichkeit in Peter Rühmkorfs "Stilleben – bei Anruf Mord", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/301156