„Die Melancholie ist ein sehr schöner Zustand. Ich verfalle ihr sehr leicht und sehr gern“. Melancholie beschäftigt Thomas Bernhard (1931-1989), den umstrittenen und berühmten österreichischen Gegenwartsautor, der über seinen Tod hinaus immer noch für Erregung sorgt. Sich wiederholende Motive wie die Natur, das Leiden an einer Krankheit, der Wahnsinn oder der Selbstmord und Tod sind stets Gegenstand seiner erzählenden Werke.
In dieser Arbeit sollen die Aspekte des Wahnsinns als solchem und seine Verbindung zur Melancholie dargestellt werden. Ebenso werden das Leiden und der Selbstmord in Bernhards Werken speziell am Beispiel von "Wittgensteins Neffe" und "Frost" dargestellt. Berücksichtigt werden sollen die philosophischen Aspekte, die Bernhards Leben seit frühester Kindheit prägten. Folglich sollen Bezüge bzw. Parallelen von Bernhards Werken zu ihm als Person gezogen werden. Der Frage, inwieweit er selbst ein Stück weit manisch-depressiv gewesen sein könnte, soll nachgegangen werden. Nach einer kurzen Vorstellung des Autors erfolgt eine Darstellung der Ursprünge des Wahnsinns und der Melancholie, die geschichtlich erläutert werden. Im Anschluss wird die Philosophie in Bezug auf seine Werke sowie die Ausführung der einzelnen wiederkehrenden Motive mit einbezogen.
Inhaltsübersicht
1. Einleitung
2. Thomas Bernhard
3. Begriffsorientierung – Der Wahnsinn
4. Geschichte der Melancholie
5. Der Mensch an seiner Grenze zum Wahnsinn
6. Wahnsinn in Wittgensteins Neffe
7. Bernhards Leben und Werk in Bezug zu Schopenhauer
8. Grenzüberschreitung
9. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die enge Verschränkung von Wahnsinn, Melancholie und existenziellem Leid im literarischen Werk Thomas Bernhards, insbesondere in den Romanen Frost und Wittgensteins Neffe. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern der Wahnsinn als ambivalente Fluchtmöglichkeit vor der endgültigen Selbstzerstörung fungiert und welche Parallelen zwischen den fiktionalen Protagonisten und Bernhards eigener Lebensgeschichte sowie der Philosophie Arthur Schopenhauers bestehen.
- Die begriffliche Abgrenzung von Wahnsinn, Psychose und Melancholie im historischen und medizinischen Kontext.
- Die Analyse der Grenzerfahrungen von Protagonisten an der Schwelle zum Wahnsinn.
- Der Vergleich von künstlerischer Kreativität und psychischer Instabilität anhand der Figur Paul Wittgensteins.
- Die Untersuchung der lebensphilosophischen Einflüsse Arthur Schopenhauers auf Bernhards Verständnis von Leiden und Tod.
- Die Reflexion über den Selbstmord als wiederkehrendes, problematisches Motiv in Bernhards erzählerischem Schaffen.
Auszug aus dem Buch
3. Begriffsorientierung – Der Wahnsinn
„Psychische Störung, die von Wahn (und Halluzinationen) begleitet wird“ sowie „großer Unsinn, sehr unvernünftiges, unsinniges Denken, Verhalten, Handeln und grenzenlose Unvernunft“ sind die heutigen Bedeutungen von 'Wahnsinn'. Synonyme wie „Halluzination, Sinnestäuschung, Wahnvorstellung, zwanghafte Einbildung“ sowie in der Medizin und Psychologie der häufig gebrauchte Begriff der Psychose lassen sich in der Literatur finden. „Dummheit, Fehler, Irrtum, Irrwitz, Leichtsinn, Narrheit, Unsinn, Unüberlegtheit, Unvernunft, Unvernünftigkeit, Wahnwitz, Wahnwitzigkeit sowie (gehoben) Narretei, Torheit und (oft emotionaler) Irrsinn“ sind ebenfalls Bezeichnungen des Begriffs 'Wahnsinn'. Nach Fuest erklärt die Medizin, Psychiatrie und zum Teil auch die Psychologie den Wahnsinn vor rund 200 Jahren zur Geisteskrankheit. Aufgrund der Umgangssprachlichkeit des Begriffes 'Wahnsinn' wird dieser in den spezifizierten Fachausdruck der Psychose umbenannt. So beschreibt die Psychose eine „schwere Persönlichkeitsstörung (früher: Geisteskrankheit) mit den Kennzeichen erhöhter Abnormität des Verhaltens und Erlebens, heftiger und nachhaltiger Desintegration der Persönlichkeit und der Unfähigkeit, Erfahrungen und subjektive Erfahrungs- und Erlebnisverarbeitung in allen Bereichen auseinanderzuhalten“.
Dem englischen Satiriker Jonathan Swift nach, vollzieht sich der 'Wahnsinn' als Vater all jener gewaltigen Umwälzungen, die in der Politik, Philosophie und Religion im 17. Jahrhundert stattgefunden haben. Er beschreibt in seinen Schriften den Wechsel „von einer primär religiös geprägten Weltsicht hin zu empiristischen und rationalistischen Philosophien“. Für ihn entsteht der Wahnsinn zum einen aus dem Zusammenwirken körperlicher und geistiger Kräfte und zum anderen aus Verlegenheit und Unzulänglichkeit. 'Wahnsinn' entstehe, „wenn der 'normale' Verstand sich angesichts eines zu ungewöhnlichen Geistesprodukts überfordert und wenigstens irritiert sieht“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das zentrale Thema des Wahnsinns bei Thomas Bernhard und die Verknüpfung mit Motiven wie Melancholie, Krankheit und Tod.
2. Thomas Bernhard: Darstellung der biografischen Prägungen des Autors und der engen Verschränkung von fiktionaler Realität und persönlichem Erleben.
3. Begriffsorientierung – Der Wahnsinn: Definition und historische Einordnung des Wahnsinnsbegriffs unter Berücksichtigung medizinischer und philosophischer Perspektiven.
4. Geschichte der Melancholie: Untersuchung der historischen Wandlung des Melancholiebegriffs von antiken Körpersäftelehren bis hin zur modernen psychologischen Deutung.
5. Der Mensch an seiner Grenze zum Wahnsinn: Analyse der Grenzüberschreitung als psychologisches Phänomen in Bernhards Werken, das den Leidenden vor dem endgültigen Suizid bewahren kann.
6. Wahnsinn in Wittgensteins Neffe: Untersuchung der parallelen psychischen Krisen des Ich-Erzählers und seines Freundes Paul Wittgenstein im Vergleich zur Psychiatrie.
7. Bernhards Leben und Werk in Bezug zu Schopenhauer: Diskussion der philosophischen Beeinflussung durch Schopenhauer, insbesondere hinsichtlich des Leidens und des Genies.
8. Grenzüberschreitung: Auseinandersetzung mit der Suizidproblematik in Bernhards Texten und der Abgrenzung zu Schopenhauers moralischer Ablehnung der Selbsttötung.
9. Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der existentiellen Balance und der Bedeutung des Schreibens als Mittel zur Wirklichkeitsbewältigung.
Schlüsselwörter
Thomas Bernhard, Wahnsinn, Melancholie, Frost, Wittgensteins Neffe, Arthur Schopenhauer, Psychose, Grenzerfahrung, Suizid, Geisteszustand, Philosophie, Literaturanalyse, Existenzialismus, Krankheit, Genie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die thematische Behandlung von Wahnsinn, Melancholie und psychischem Leiden im literarischen Werk von Thomas Bernhard.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die Verbindung von Kunst und Krankheit, der Einfluss philosophischer Ansätze auf literarische Figuren sowie die Grenzerfahrung zwischen Vernunft und Wahnsinn.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie Bernhards Protagonisten den Wahnsinn als „Überlebensstrategie“ einsetzen, um mit existenziellem Schmerz umzugehen und wie sich dies in seinen Werken widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primäre Prosatexte Bernhards mit philosophischen Schriften, insbesondere von Schopenhauer, in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsdefinition des Wahnsinns, die Analyse der Melancholie, die Untersuchung von Romanfiguren (insb. Maler Strauch und Paul Wittgenstein) und den Vergleich mit Schopenhauers Leidensphilosophie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Wahnsinn, Melancholie, Suizid, Grenzüberschreitung, Existenzialismus und die philosophische Beeinflussung durch Schopenhauer.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Paul Wittgenstein in der Arbeit von der des Autors?
Die Arbeit zeigt auf, dass der Erzähler in „Wittgensteins Neffe“ die psychische Verfassung des Freundes Paul als Reflex auf eine unerträgliche Welt interpretiert, während Bernhard selbst seine eigene „Verrücktheit“ durch das Schreiben diszipliniert und kontrolliert hat.
Welche Rolle spielt Schopenhauer für das Verständnis von Bernhards Werk?
Schopenhauers Philosophie des Leidens und des Genies dient Bernhard als theoretisches Fundament, um die Qualität des Leidens und die damit einhergehende gesteigerte Wahrnehmung seiner Protagonisten zu begründen.
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- Erla Schweitzer (Author), 2015, Wahnsinn und Melancholie in Thomas Bernhards Werken "Frost" und "Wittgensteins Neffe", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/300460