“Alle ethnischen Gruppen Chinas in Shanghai” – mit diesem Titel eröffnete das China Internet Information Center (CIIC) am 23.11.2011 einen Artikel zur chinesischen Volkszählung, die 2011 initiiert wurde. Nach Angaben des Statistikamts in Shanghai sind heute alle 56 ethnischen Gruppen des Landes in der Stadt vertreten. Doch obgleich die Ergebnisse der letzten Volkszählung zeigen, dass sich die Bevölkerung Shanghais aus den unterschiedlichsten Kulturen zusammensetzt, so erweckt die linguistische Landschaft Shanghais den Eindruck es lebten dort nur Mandarin sprechende Chinesen und englisch sprechende Geschäftsleute.
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit zielt darauf ab zu untersuchen, inwieweit sich die hier erwähnte Multikulturalität Shanghais in der linguistischen Landschaft der Megalopole wiederspiegelt. Dabei wird Peter Backhaus Studie (2006) Multilingualism in Tokyo: A Look into the Linguistic Landscape als Leitfaden für die methodische Vorgehensweise gewählt.
Im ersten Teil dieser wissenschaftlichen Arbeit wird Hintergrundwissen zur Bevölkerungsstruktur Shanghais gegeben. Anschließend werden die Methodik des Linguistic Landscaping und vergleichbare Studien zum Thema vorgestellt und kommentiert. Im selben Kapitel werden zudem die Unterschiede zwischen offiziellen und nicht-offiziellen Schildern näher beschrieben. Im nächsten Punkt werden Forschungsfragen und Hypothesen entwickelt. Schließlich wird die Methodik der aktuell vorliegenden Studie im Detail beleuchtet. Im nächsten Punkt werden die Ergebnisse vorgestellt und positive sowie negative Einflussfaktoren der Datenerhebung analysiert. Zuletzt wird ein Fazit gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Demographie Shanghais
3. Linguistic Landscaping – Wortklärung und vergangene Studien
4. Forschungsfragen / Hypothesen
5. Methodik
6. Ergebnisse
a. Offizielle vs. nicht-offizielle Zeichen
b. Fremdsprachengebrauch in den einzelnen Untersuchungszonen
c. Branchenverteilung
d. Fremdsprachengebrauch in den unterschiedlichen Branchen
7. Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit sich die Multikulturalität der Megalopole Shanghai in deren linguistischer Landschaft widerspiegelt und ob offizielle sowie nicht-offizielle Zeichen unterschiedliche Muster im Fremdsprachengebrauch aufweisen.
- Analyse des Sprachgebrauchs im öffentlichen Raum von Shanghai.
- Untersuchung der Differenz zwischen offiziellen und nicht-offiziellen Zeichen.
- Erforschung der Korrelation zwischen geographischen Zonen und Mehrsprachigkeit.
- Analyse der Branchenverteilung und deren Einfluss auf die linguistische Landschaft.
- Überprüfung der Sprachakzeptanz und des Einflusses der nationalen Sprachenpolitik.
Auszug aus dem Buch
3. Linguistic Landscaping – Wortklärung und vergangene Studien
Das Linguistic Landscaping ist eine Methode, mit der eine Umgebung auf ihren Fremdsprachenbrauch hin in der Öffentlichkeit analysiert wird. Dies geschieht mittels einer Datenerhebung bei der Schilder, Poster, Aufdrucke aller Art, die Text umfassen (im Folgenden „Untersuchungsobjekte“, „Signs“, „Zeichen“ genannt) fotografiert und katalogisiert werden und der darauf befindliche Text nach unterschiedlichen Kriterien katalogisiert wird.
So unterscheidet Calvet (1990, 1994) laut Backhaus (2006:52f.) in seinen linguistischen Studien zwischen offiziellen und nicht-offiziellen Zeichen, die er für ‘in vitro’ und ‘in vivo’ Komponenten einer linguistischen Landschaft hält. Demnach beinhalten offizielle Zeichen Text, der „in vitrio“, d.h. unter kontrollierten Umständen von der Regierung veröffentlicht werde (z.B. Verkehrshinweise, Straßennamen); nicht-offizielle Zeichen hingehen umfassen Text, der von den Bürgern „in vivo“, d.h. im Alltag unkontrolliert geschrieben werde (Geschäftsnamen, Graffiti, Werbeslogans, etc.). Dies führe zu einer Gebietsmarkierung (Calvet, 1990: 75).
Im Verlauf mehrerer Studien wurde bereits festgestellt, dass diese zwei Faktoren der Gebietsmarkierung einen sehr gegensätzlichen Eindruck einer Stadt und dessen Kultur vermitteln können. So erkannte Calvet in einer seiner Studien, dass in den Straßen von Dakar, Senegal nicht-offizielle Zeichen eine Vielzahl an mehrsprachigen Elementen beinhalten, wohingegen auf offiziellen Zeichen kaum Fremdsprachen bzw. Minderheitensprachen zu finden seien, sondern lediglich die offizielle Amtssprache Französisch. Zu einem Ähnlichen Erkenntnis kam Rosenbaum et al. (1977: 189) bei einer Untersuchung der linguistischen Landschaft Jerusalems. (Backhaus 2006:53)
Ursache der Kluft zwischen offiziellen und nicht-offiziellen Zeichen gründen laut Backhaus (2006) auf der dahinterstehenden Grundeinstellung des Verfassers des Textes. So unterstreichen offizielle Zeichen i.d.R. die Dominanz der Amtssprache, wohingegen nicht-offizielle Zeichen häufig einen Hinweis geben auf einen vielfältigen Sprachgebrauch und insbesondere die englische Sprache sehr häufig verwenden. Landry und Bourhis (1997: 27). In seltenen Fällen ist der Gebrauch von Fremdsprachen in beiden Zeichentypen verhältnismäßig gleich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel stellt die demografische Vielfalt Shanghais vor und erläutert die Zielsetzung der Untersuchung der linguistischen Landschaft basierend auf dem Modell von Backhaus.
2. Demographie Shanghais: Hier werden statistische Daten zur Bevölkerungszusammensetzung, ethnischen Gruppen und der Rolle von Ausländern in Shanghai dargelegt.
3. Linguistic Landscaping – Wortklärung und vergangene Studien: Dieses Kapitel definiert die Methode des Linguistic Landscaping und unterscheidet theoretisch zwischen offiziellen ('in vitro') und nicht-offiziellen ('in vivo') Zeichen.
4. Forschungsfragen / Hypothesen: Basierend auf der Theorie werden Forschungsfragen zur Vielfalt der Sprache und Hypothesen zur Sprachakzeptanz und politischen konservativen Haltung Chinas aufgestellt.
5. Methodik: Beschreibung des Forschungsdesigns, das 328 Objekte aus 5 geographischen Zonen umfasst und diese nach spezifischen Parametern katalogisiert.
6. Ergebnisse: Präsentation und Analyse der erhobenen Daten hinsichtlich offizieller vs. nicht-offizieller Zeichen, Zonenunterschiede sowie Branchenverteilung.
7. Diskussion: Kritische Reflexion der Ergebnisse, die zeigt, dass die aufgestellten Hypothesen widerlegt wurden und eine Dominanz von Mandarin und Englisch vorliegt.
Schlüsselwörter
Shanghai, Linguistic Landscape, Multikulturalität, Sprachgebrauch, Mehrsprachigkeit, offizielle Zeichen, nicht-offizielle Zeichen, ethnische Minderheiten, Globalisierung, Fremdsprachen, Sprachakzeptanz, Stadtentwicklung, Linguistic Landscaping, China, Migration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die linguistische Landschaft Shanghais durch eine systematische Analyse von Schildern, Postern und anderen öffentlichen Texten, um den Einfluss von Multikulturalität auf den Sprachgebrauch zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Demografie der Stadt, die theoretische Abgrenzung zwischen offiziellen und nicht-offiziellen Zeichen sowie die Untersuchung, wie verschiedene Sprachen im öffentlichen Raum koexistieren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, inwiefern die tatsächliche demografische Vielfalt Shanghais in der linguistischen Landschaft der Stadt durch die Verwendung von Fremdsprachen widergespiegelt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Studie orientiert sich an der Methodik des "Linguistic Landscaping" nach Peter Backhaus, wobei 328 Untersuchungsobjekte in fünf verschiedenen Zonen fotografiert und nach Parametern wie Branche, Anzahl der Sprachen und Typ des Zeichens katalogisiert wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die demografischen Grundlagen, die methodische Vorgehensweise, die Ergebnisse der Zonen- und Branchenanalysen sowie eine detaillierte Auswertung des Fremdsprachenanteils dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Linguistic Landscape, Multikulturalität, Sprachgebrauch, Mehrsprachigkeit und die spezifischen Gegebenheiten der Stadt Shanghai charakterisiert.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen offiziellen und nicht-offiziellen Zeichen eine so große Rolle?
Die Unterscheidung ist zentral, da offizielle Zeichen (in vitro) stärker die staatliche Sprachpolitik und das Bild der Amtssprache widerspiegeln, während nicht-offizielle Zeichen (in vivo) oft spontaner entstehen und eher auf wirtschaftliche Erfordernisse oder ein informelles, multikulturelles Umfeld hindeuten.
Was ist ein wesentliches Ergebnis der Studie bezüglich der Sprachenvielfalt?
Entgegen der Erwartung einer großen Sprachenvielfalt zeigt die Untersuchung, dass fast ausschließlich Mandarin und Englisch in der linguistischen Landschaft präsent sind, während andere Minderheitensprachen oder Sprachen von Einwanderergruppen kaum in Erscheinung treten.
Welchen Einfluss hat die Geografie auf den Fremdsprachengebrauch?
Es zeigt sich, dass im Finanzzentrum Luijazui mehr fremdsprachliche Zeichen zu finden sind, während in den Wohngebieten außerhalb des Stadtkerns, wie etwa in Baoshan, der Anteil an rein chinesischen Zeichen signifikant zunimmt.
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- Katrin Klug (Author), 2013, Linguistic Mapping Shanghai. Die Wechselwirkung von Sprache und Multikulturalität, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/299528