Schulischer Unterricht unterliegt einer spezifischen Ordnung, die von der Ordnung der Alltagskommunikation abweicht und die sich in verschiedenen Unterrichtsformen manifestiert. Kritisiert wird vor allem die lehrerzentrierte Ordnung, wie sie im Lehrervortrag und dem Lehrergespräch als fragend-entwickelnder Unterricht realisiert werden.
Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese Kritik generell zutreffend für alle Altersstufen ist und ob nicht auch eine Form des fragend-entwickelnden Unterrichts durchaus produktiv für die Entwicklung von Sprachkompetenzen im Fachunterricht sein kann. Dies könnte besonders im Bezug auf den Anfangsunterricht gelten, da die SuS zu dieser Zeit noch über begrenzte Kommunikationsfähigkeiten verfügen und ihre mündlich-sprachlichen sowie kognitiven Kompetenzen noch stark entwickeln müssen.
Zwei sich daraus ergebende Fragestellungen, die auf der Sichtung und Untersuchung des Transkripts einer authentischen Unterrichtseinheit beruhen, geht diese Forschungsarbeit nach und verwendet zu diesem Zweck die linguistische Gesprächsanalyse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Ableitung der Forschungsfrage
2.1 Mündliche Kommunikation und ihre Rolle im Unterricht
2.1 Ordnung im Unterricht
2.2.1 Thematische Ordnung
2.2.2 Kommunikative Ordnung
2.2.3 Unterrichtsformen und Kritik
2.2.4 Forschungsfragen
3. Methodischer Zugang
4. Analyse
4.1 Untersuchung der Unterrichtsform
4.1.1 Analyse der thematischen Ordnung
4.1.2 Analyse der kommunikativen Ordnung
4.2 Merkmale der Förderung mündlicher Sprachkompetenz
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht mittels einer linguistischen Gesprächsanalyse eine authentische Unterrichtssequenz im Fach Mathematik der ersten Grundschulklasse, um zu klären, welche Unterrichtsform vorliegt und inwiefern diese zur Entwicklung mündlicher Sprachkompetenz bei Kindern im Anfangsunterricht beiträgt.
- Analyse der thematischen und kommunikativen Unterrichtsordnung
- Untersuchung von förderlichen und hemmenden Merkmalen der Sprachkompetenzentwicklung
- Evaluation des fragend-entwickelnden Unterrichts als mathematische Lehrform
- Rolle der Lehrerin bei der Steuerung von Partizipation und Wissensvermittlung
- Vergleich theoretischer Kritik an lehrerzentrierten Formen mit der empirischen Realität im Anfangsunterricht
Auszug aus dem Buch
4.1.2 Analyse der kommunikativen Ordnung
Wie bereits aufgeführt, beginnt Lehrerin die Unterrichtseinheit mit einer Aufforderung, die sie an die gesamte Klasse stellt. Nach Redder (1984) handelt es sich hierbei um ein Lehrer-Schüler-initiiertes Verfahren. Die Lehrerin wartet einen kurzen Augenblick und wählt dann durch Aufrufen des Namens einen Schüler aus (009). Durch seine Meldung, die der programmierten Selbstwahl zugeordnet werden kann, zeigt Lukas die Bereitschaft den turn zu übernehmen; entsprechend folgt sein Beitrag ohne Zögern. Die Lehrerin erteilt ihm durch explizite Fremdwahl, erkennbar am Aufruf des Namens, das Rederecht. Zu dieser Art von Sprecherwahl kommt es im Verlauf des Unterrichts am häufigsten, insgesamt 15 Mal. An einer Stelle im Transkript kommt es durch die Lehrerin zur Fremdwahl eines Schülers, der nicht aufgezeigt hat. Diesen aufgezwungenen turn korrigiert die Lehrerin jedoch sofort (097 ff.) indem sie die Frage ins Plenum gibt.
13 Mal kommt es in dieser Unterrichtssequenz auch zur nicht-programmierten Selbstwahl einer oder mehrerer SuS. Besonders oft geschieht dies in der ersten Sequenz des ersten thematischen Sets der Instruktionsphase (009-079), in der eine Diskussion darüber entsteht, ob der Junge im Bild etwas geklaut hat oder nicht. Hier stellt die Lehrerin an zwei Stellen eine Frage ins Plenum bei der die SuS ohne vorherige explizite Fremdwahl durch die Lehrkraft ihre Meinung kundtun (019 ff.; 031-038). In den darauffolgenden Sequenzen nimmt die Anzahl der Selbstwahlen deutlich ab. Hier sagen einzelne SuS teilweise laut ihre Antworten (277 f.; 293; 299) oder Kommentare (223 f.; 324) vor, reden leise vor sich hin (152 ff.) oder komplettieren die Sätze ihrer Mitschüler (168).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung von Sprache als Medium für Wissens- und Kompetenzentwicklung dar und formuliert die Hypothese, dass fragend-entwickelnder Anfangsunterricht trotz Kritik produktiv sein könnte.
2. Theoretische Ableitung der Forschungsfrage: In diesem Kapitel werden theoretische Grundlagen zu mündlicher Kommunikation, Unterrichtsordnungen und Formen des Unterrichts dargelegt, woraus die zentralen Forschungsfragen abgeleitet werden.
3. Methodischer Zugang: Dieser Abschnitt beschreibt die Gesprächsanalyse als Methode sowie die Erhebung des Datenmaterials, bestehend aus einer transkribierten Unterrichtssequenz einer ersten Klasse.
4. Analyse: Die Analyse untersucht sequentiell die Unterrichtsform sowie Merkmale der Förderung mündlicher Sprachkompetenz basierend auf dem Transkript.
5. Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen, widerlegt die initiale Hypothese zur produktiven Förderung durch fragend-entwickelnden Unterricht und zeigt weiteren Forschungsbedarf auf.
Schlüsselwörter
Gesprächsanalyse, Unterrichtskommunikation, fragend-entwickelnder Unterricht, Anfangsunterricht, Mathematikunterricht, mündliche Sprachkompetenz, kommunikative Ordnung, thematische Ordnung, Lehrer-Schüler-Interaktion, Partizipation, GAT 2, Grundschule, Sprachförderung, Diskurs, Unterrichtsstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Unterrichtskommunikation in einer mathematischen Anfangsunterrichtsstunde strukturiert ist und inwieweit diese Struktur mündliche Sprachkompetenzen bei Grundschulkindern fördert oder hemmt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die theoretischen Konzepte von Unterrichtsordnungen (thematisch und kommunikativ) sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Unterrichtsform des fragend-entwickelnden Lehrergesprächs.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu bestimmen, welche Unterrichtsformen im transkribierten Datenmaterial vorherrschen und welche Merkmale dieser Formen die sprachliche Entwicklung der Schüler beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die linguistische Gesprächsanalyse als empirische Untersuchungsmethode, basierend auf der Transkription einer Audioaufnahme nach dem GAT 2-System.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Forschungsfragen, eine methodische Beschreibung des Vorgehens und eine detaillierte Analyse der Unterrichtssequenz hinsichtlich thematischer und kommunikativer Ordnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gesprächsanalyse, fragend-entwickelnder Unterricht, mündliche Sprachkompetenz und Partizipation im institutionellen Kontext Schule.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Lehrerin bei der Begriffsklärung?
Die Lehrerin gibt bei Begriffen wie "Schokoküsse" zwar Vorgaben, unterlässt jedoch Erklärungen zur Verständnissicherung, was im Kontext der Arbeit als potenziell hinderlich für die Sprachkompetenzentwicklung gewertet wird.
Warum wird der fragend-entwickelnde Unterricht in dieser Arbeit kritisch gesehen?
Obwohl er eine strukturierte Gesprächsführung ermöglicht, führt er laut der Analyse zu einer kommunikativen Fragmentierung, bei der die Schüler kaum Raum erhalten, ihre Meinungen frei zu äußern oder ihr fachliches Verständnis selbstständig zu reflektieren.
- Arbeit zitieren
- Luisa Jahnke (Autor:in), 2014, Linguistische Gesprächsanalyse einer Unterrichtskommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/299501