Festivals können von der Politik für die Stadtentwicklung instrumentalisiert werden, was stadtsoziologisch als Politik der Festivalisierung bezeichnet wird. Umgekehrt wird unter Festivalisierung der Politik verstanden, dass Politik selbst nur noch als Inszenierung von Bedeutungsvollem funktioniere und seit Beginn der 1990er Jahre einen weit verbreiteten und praktizierten Typus der Stadtpolitik darstelle.
In Stadt und Region finden Feste, Festivals oder Großereignisse en mass statt: Weltausstellungen, Olympische Spiele, Weltmeisterschaften, Kultursommer, Theater-, Musik-, Filmfestspiele, Gartenschauen bedeuten für die Stadt oder Region die Ausrichtung eines Großprojektes der besonderen Art. Politisches Motiv dafür ist seit Beginn der Deindustrialisierung in den 1970er Jahren und in Zeiten kommunaler Finanzkrise, internationaler Städtekonkurrenz sowie postmodernem Lebenswandel der „Lokomotiveffekt“: Die Stadt oder Region würde bekannter; Touristen, einkommensstarke Bevölkerungsschichten und Investoren würden angezogen, die Wirtschaft angekurbelt, die Stadt um- und die Infrastruktur ausgebaut sowie die Politik wieder handlungsfähig, so die Hoffnung.
Großprojekte dieser Art beeinflussen somit die Entwicklung von Stadt und Region auf besondere Weise und sind demzufolge auch Gegenstand räumlicher Planung. So wird spätestens seit den 1990er Jahren „Planung durch Projekte“ en vogue: Planung konzentriert sich auf punktuelle Interventionen, die inhaltlich, räumlich und zeitlich auf ein Projekt begrenzt sind.
Im Buch wird aufgezeigt, welche stadtpolischen und gesellschaftlichen Mechanismen sich hinter diesem Typus von Stadtpolitik verbergen und inwiefern diese Art Stadtpolitik kritisch für die Stadtentwicklung bewertet werden muss, wenn doch zunächst davon ausgegangen wird, dass die Stadt grundsätzlich in Aufbruchstimmung versetzt wird, Kräfte mobilisiert und Ressourcen konzentriert werden können.
Fünf Punkte stehen dabei im Mittelpunkt: Wie charakterisiert sich dieser Typus der Stadtpolitik? Welche positiven und negativen Effekte können für die Stadtentwicklung bestehen? Warum gelten die Olympischen Spiele von Barcelona 1992 stadtentwicklungspolitisch betrachtet als gelungen? Welche Bedeutung hat die „Politik der großen Ereignisse“ für die Stadtentwicklung insgesamt? Und wodurch würde sich innovationsorientierte Planung im Umgang mit großen Ereignissen in Stadt und Region auszeichnen?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I Die ‚Außeralltäglichkeit’: Attraktivität des Festes durch Beschwörung von Charisma
1. ‚Festivalisierung’: ein Charakterisierungsversuch
2. Neue ‚Unsichtbarkeit’ der Städte: Der Rahmen für die Politik der Festivalisierung
3. Was ‚verspricht’ das Großereignis? - politische Erwartungen durch die Festivalisierung der Politik
II Was ‚hält’ das Großereignis? – Effekte durch die Politik der Festivalisierung
1. Reflexion: Kräfte mobilisieren, an Bekanntheit gewinnen
2. Reflexion: Konzentration von Ressourcen
3. Reflexion: Administrative Arbeitsweisen und Strukturen beleben
III Großereignis mit Erfolgscharakter – Olympische Spiele 1992 in Barcelona
1. Stadtverträglichkeit?
2. Zeitgemäßes Stadtentwicklungskonzept?
3. Grundsatzfragen?
4. Barcelonas ‚Geheimnis zum Erfolg’ Anfang der 1990 Jahre
IV Bedeutung von Festivals als ‚neuer Typus’ der Stadtpolitik
1. ‚Großereignisse’ in Konkurrenz zu ‚konventioneller’ Planung
Fazit
1. Status Quo
2. Planerisches Ideal
3. Großprojekte statt Planung?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die als „Festivalisierung der Stadtpolitik“ bezeichnete Praxis, bei der Städte verstärkt auf zeitlich befristete Großprojekte setzen, um Stadtentwicklung zu forcieren und auf ökonomischen Strukturwandel zu reagieren, wobei die Ambivalenz zwischen Mobilisierungseffekten und finanziellen sowie steuerungstechnischen Risiken im Fokus steht.
- Analyse der Strategie der „Politik der großen Ereignisse“ als Projektplanung.
- Untersuchung der Beweggründe und politischen Erwartungen hinter der Festivalisierung.
- Kritische Reflexion der ökonomischen, sozialen und administrativen Effekte auf städtischer Ebene.
- Fallstudienbasierte Bewertung am Beispiel der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona unter Anwendung von Qualitätskriterien.
- Diskussion über das Verhältnis von projektorientierter „Event-Politik“ und konventioneller, langfristiger Stadtentwicklungsplanung.
Auszug aus dem Buch
1. ‚Festivalisierung’: ein Charakterisierungsversuch
„Ein neuer Typus von Politik scheint auf: die Politik der großen Ereignisse. Gelder, Menschen und Medien werden auf ein möglichst klar umrissenes Ziel hin mobilisiert. Die Kampagne ist zeitlich befristet, räumlich begrenzt und publikumswirksam fokussiert.“ (Siebel 1992, 62)
Diesen neuen Politiktypus der Großveranstaltungen seit den 1990er Jahren prägte Walter Siebel in einem Artikel in der Zeit mit dem Terminus ‚Festivalisierung’, der sich heute grundsätzlich folgendermaßen charakterisieren lässt. Großereignisse wie Weltausstellungen, Olympische Spiele, Kulturhauptstädte auf europäischer Ebene und Bundesgartenschauen auf bundesdeutscher Ebene etc. sind neben der räumlichen, zeitlichen und thematischen Konzentration der Stadtpolitik auf einen Punkt – dem Projekt, noch durch weitere typische Merkmale gekennzeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Konzept der Planung durch Projekte und den Begriff der Festivalisierung als Antwort auf ökonomische Stagnation.
I Die ‚Außeralltäglichkeit’: Attraktivität des Festes durch Beschwörung von Charisma: Theoretische Herleitung der Faszination für Feste als Mittel zur Erzeugung von Aufmerksamkeit und Innovation.
II Was ‚hält’ das Großereignis? – Effekte durch die Politik der Festivalisierung: Reflexion über die Mobilisierung von Kräften und die Konzentration von Ressourcen sowie deren Auswirkungen auf die Verwaltung.
III Großereignis mit Erfolgscharakter – Olympische Spiele 1992 in Barcelona: Analyse des Erfolgsmodells Barcelona anhand von Selles Bewertungskriterien für Großprojekte.
IV Bedeutung von Festivals als ‚neuer Typus’ der Stadtpolitik: Einordnung der Festivalisierung in den Kontext veränderter gesellschaftlicher Konfliktlinien und regulativer Politik.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Politik der Großprojekte und Plädoyer für eine bessere Integration in langfristige Planungsstrategien.
Schlüsselwörter
Festivalisierung, Stadtpolitik, Großprojekte, Stadtentwicklung, Großereignisse, Planungstheorie, Strukturwandel, Barcelona, Olympische Spiele 1992, Projektorientierung, Innovationsstrategie, Stadtkonkurrenz, Politik der großen Ereignisse, Standortfaktor, Demokratische Legitimation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der sogenannten Festivalisierung der Stadtpolitik, bei der Städte vermehrt Großereignisse und Großprojekte nutzen, um Stadtentwicklungsprozesse anzustoßen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die politische Steuerung durch befristete Projekte, die Auswirkungen von Großereignissen auf die Stadtstruktur und das Spannungsfeld zwischen ökonomischer Dynamisierung und den Risiken für die öffentliche Hand.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach der Berechtigung und den Mechanismen der Festivalisierungspolitik: Inwiefern ist dieser Ansatz trotz der Mobilisierungschancen kritisch zu hinterfragen und welche Rolle spielt er gegenüber konventioneller Planung?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine theoretische Einordnung des Politiktypus anhand soziologischer und planungstheoretischer Ansätze, ergänzt durch eine fallbezogene Prüfung der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona anhand von Bewertungskriterien für Großprojekte nach Klaus Selle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Reflexion über die „Außeralltäglichkeit“ von Festen, eine Untersuchung der Effekte (Ressourcenkonzentration, administrative Mobilisierung) und die praktische Analyse des Fallbeispiels Barcelona.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Festivalisierung, Stadtpolitik, Großprojekte, Stadtentwicklung, Standortwettbewerb und Innovationsgenerierung sind die prägenden Begriffe.
Was macht den Erfolg der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona aus?
Laut der Arbeit liegt das „Geheimnis“ in der strategischen Nutzung des Ereignisses zur Beschleunigung bereits geplanter städtebaulicher Maßnahmen und der Sicherung eines hegemonialen Konsenses durch den respektvollen Einbezug lokaler und nationaler Identitäten.
Warum wird die Festivalisierung kritisch gesehen?
Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Gefahr einer „Schönwetter-Strategie“, die bei Scheitern in eine politische Sackgasse führt, die Demokratisierungsprozesse aushöhlen kann und bei der das Großereignis zum Selbstzweck statt zum Mittel der Stadtentwicklung wird.
- Arbeit zitieren
- Heike Hoffmann (Autor:in), 2004, Festivalisierung der Planung: Großprojekte statt Planung?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/29603