Die Pluralisierung von Lebenswelten ist ein zentrales Charakteristikum der modernen und komplexen Gesellschaften. Die einzelnen Individuen haben die Geborgenheit in ihrer Kultur verloren. Die aktuelle Diskussion über den Verlust von Identität und die ständige Zunahme kultureller Differenzen ist eine Folge der modernen und komplexen Gesellschaften. Dies ist wiederum eine Ursache für gesellschaftliche Integrationsprobleme. Auch die deutsche Gesellschaft hat sich durch Migrationsprozesse und deren Folgen stark verändert. Die gesellschaftlichen Veränderungen sind unübersehbar.
Das Thema Migration und besonderes die sehr oft problematisierte Integration von Migrantinnen und Migranten aus fremden Kulturen, sind ein in der Öffentlichkeit sehr intensiv diskutiertes Thema. Obwohl Themen, die sich besonders auf die Integration von Migrantinnen und Migranten aus fremden Kulturen beziehen, oft und intensiv diskutiert werden, gibt es scheinbar immer noch bestimmte Themenbereiche die allgemein tabuisiert sind. Ein solcher Bereich ist das Thema Sexualität (im Kontext der kulturspezifischen Mann-Frau-Ambivalenz und der religiöser Orientierung).
Die vorliegende Arbeit untersucht einen konkreten und wichtigen Lebensbereich der in Deutschland geborenen Bürgerinnen und Bürgern mit türkischem Migrationshintergrund. Diese Menschen, die ihren Sozialisationsprozess in Deutschland erfahren haben, leben im alltäglichen Spannungsverhältnis zwischen zwei Kulturen, welche sich nach Geschlechterverhalten und religiösen Orientierungen noch immer wesentlich unterscheiden.
Viele junge Männer und Frauen die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, stehen zwischen zwei Kulturen, zwei Welten. Auf der einen Seite gehen sie in Deutschland zur Schule und dadurch erlernen sie westliche, eher liberale Werte, aber abends, wenn sie nach Hause kommen, leben sie in einer Welt, in der meist ausgeprägt familiäre, traditionelle und religiöse Werte vermittelt werden. Es ist in der Folge für diese jungen Menschen schwierig, mit dem Thema Sexualität umzugehen, da die beiden Kulturen überwiegend unterschiedliche sexuelle Einstellungen und Verhaltensmuster besitzen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Relevanz des Themas
1.2 Forschungsfragen
1.3 Aufbau der Arbeit
2. Theoretische Einbettung
2.1 Sexualität bei Migrantinnen und Migranten aus der Türkei als Thema für die Soziologie?
2.2 Begriffserklärungen
2.2 1 Sexualität und Sexualität als Sozialität
2.2.2 Migration und Migrationshintergrund
2.2.3 Geschlecht als soziale Wirklichkeit
2.3 Sexualität und Islam in der türkischen Kultur
2.3.1 Sunniten und Sexualität
2.3.2 Aleviten und Sexualität
2.4 Stand der Forschung
3. Theorienansätze
3.1 Marginal Man Konzept
3.2 Das Coping-Konzept
4. Methodik
4.1 Methodenwahl
4.1.1 Qualitative Sozialforschung
4.1.2 Gütekriterien
4.1.3 Das qualitative Interview
4.2 Fallauswahl
4.2.1 Leitfadengespräch
4.3 Feldzugang
4.3.1 Leitfaden
4.3.2 Kontaktpersonen
4.3.3 Feldphase
4.4 Auswertungsstrategien
4.4.1 Software für die qualitative Datenanalyse
4.4.2 Transkriptionsregeln
4.4.3 Codesystem und Codes
4.4.4 Codierregeln
5. Überleitung von der Theorie zur Empirie
5.1 Thesen/Vermutungen
5.1.1 These von der geschlechtsbezogen marginalisierten Persönlichkeit
5.1.2 These vom kulturell und sexuell motivierten, asymmetrisch geschlechtsspezifischen Coping
5.1.3 These von der religiösen Asymmetrie der Konfessionen
6. Ergebnisdarstellung und Diskussion
6.1 Zusammenfassung der Interviews
6.2 Typenbildung
6.2.1 Bewusst stillschweigender Typ
6.2.2 Stillschweigender Akzeptanz Typ
6.2.3 Extremer Typ
6.2.4 Marginalisierter Typ
6.2.5 Nicht marginalisierter Typ
6.3 Die Ergebnisse im Licht der Thesen
6.3.1 Ergebnisse zur These von der geschlechtsbezogen marginalisierten Persönlichkeit
6.3.2 Ergebnisse zur These vom kulturell und sexuell motivierten, asymmetrisch geschlechtsspezifischen Coping
6.3.3 Ergebnisse zur These von der religiösen Asymmetrie der Konfessionen
7. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen traditionellen religiösen Normen und westlichen liberalen Werten bei in Deutschland geborenen jungen Erwachsenen mit türkischem Migrationshintergrund, mit besonderem Fokus auf deren sexuelle Einstellungen und Verhaltensweisen.
- Sozialisationsprozesse junger Menschen zwischen zwei Kulturen
- Einfluss von Religion (Sunniten vs. Aleviten) auf sexuelle Wertvorstellungen
- Bewältigungsstrategien (Coping) bei identitätsstiftenden Konflikten
- Qualitative Analyse sexueller Biografien und Verhaltensmuster
- Auswirkungen der Familienehre auf die individuelle Lebensgestaltung
Auszug aus dem Buch
Der soziologische Blick
Der soziologische Blick löst das Sexuelle aus all den Einkleidungen, Überhöhungen und Verstecken heraus, um es nüchtern als ein zwischenmenschliches Geschehens zu betrachten, als einer unter mehreren Feldern unseres Zusammenlebens (Lautmann 2002:9).
Mit der Sexualität beschäftigen sich viele Wissenschaften, vor allem Medizin und Biologie. Das Fach Soziologie hat das Thema Sexualität lange Zeit nicht hinreichend ernst genommen, aber die neueren Geschlechterbewegungen haben diese beengte Sicht zusehends verändert. Wenn über die Soziologie der Sexualität geredet wird, stellt sich die Frage, was an der Sexualität sozial sein soll. Sexualität ist nicht eine ausschließlich subjektiv mentale Erscheinung, sie ist vielmehr auch ein kulturelles Phänomen. Die Kultur beeinflusst alle Lebensbereiche. Das „Sexuelle“ wird auch seine Gestalt durch die Kultur finden. (vgl. Lautmann 2002:9ff.) Es gibt sehr unterschiedliche Kulturen und Wertvorstellungen. Dadurch wird auch Sexualität in verschiedenen Kulturen unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Problemstellung der Migration und die Tabuisierung von Sexualität bei jungen Erwachsenen mit türkischem Migrationshintergrund.
2. Theoretische Einbettung: Theoretische Grundlagen zu Begriffen wie Sexualität, Migration und Geschlecht sowie Analyse der Rolle des Islams (Sunniten und Aleviten).
3. Theorienansätze: Darstellung der Konzepte "Marginal Man" und "Coping", die als theoretischer Rahmen der Untersuchung dienen.
4. Methodik: Detaillierte Erläuterung der qualitativen Forschungsweise, der Leitfadeninterviews und der angewandten Auswertungsstrategien.
5. Überleitung von der Theorie zur Empirie: Formulierung der forschungsleitenden Thesen zur marginalisierten Persönlichkeit, zu Coping-Strategien und religiösen Asymmetrien.
6. Ergebnisdarstellung und Diskussion: Vorstellung der Interviewergebnisse, Typenbildung (z.B. bewusst stillschweigender Typ) und Diskussion der Ergebnisse im Kontext der Thesen.
7. Fazit und Ausblick: Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse über die Verheimlichungsstrategien und den Einfluss kultureller Prägung auf das Sexualverhalten.
Schlüsselwörter
Migration, Sexualität, türkischer Migrationshintergrund, Soziologie, Islam, Alevitentum, Sunnitentum, Coping-Strategien, Marginal Man, Identitätsbildung, qualitative Sozialforschung, Familienehre, Geschlechterrollen, Sozialisation, Vorurteile
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sexuellen Einstellungen und das reale Verhalten junger, in Deutschland verheirateter Erwachsener mit türkischem Migrationshintergrund.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind der Einfluss von Religion und kultureller Prägung auf die Sexualität, der Umgang mit Familienehre und der soziologische Begriff der Identität bei Migranten der zweiten Generation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Unterschiede zwischen verschiedenen religiösen Orientierungen (Aleviten/Sunniten) und Geschlechtern aufzuzeigen sowie die Bewältigungsstrategien der Befragten im Umgang mit tabuisierten Themen zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde gewählt?
Es handelt sich um eine explorativ-qualitative Untersuchung. Als Instrument dienten 13 leitfadengestützte Interviews, die inhaltsanalytisch ausgewertet wurden.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil widmet sich der theoretischen Einbettung durch das "Marginal Man"- und "Coping"-Konzept sowie der empirischen Auswertung durch eine Typenbildung.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Publikation am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Migration, Sexualität, Coping-Strategien, Identität, Alevitentum und Sunnitentum.
Wie unterscheiden sich Sunniten und Aleviten in der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob es bei der Auslebung von Sexualität signifikante Unterschiede zwischen den konfessionellen Gruppen gibt, und kommt zu dem Schluss, dass die religiöse Praxis oft in den Hintergrund gegenüber soziokulturellen Anpassungen tritt.
Was ist das zentrale Ergebnis bezüglich der Verheimlichung?
Die Verheimlichung vorehelicher sexueller Erfahrungen fungiert bei den Befragten als eine zentrale Stressbewältigungsstrategie (Coping), um den Druck der Familienehre und externer Sanktionen zu minimieren.
- Quote paper
- Nurcan Dikme (Author), 2012, Vergleich sexueller Einstellungen und Verhaltensweisen bei verheirateten jungen Erwachsenen mit türkischem Migrationshintergrund, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/288416