Wie im Titel des Buches schon zu erkennen ist, beschäftigt Foucault sich mit der Entwicklung der Strafsysteme im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts. Er zeigt Prozesse in der Geschichte auf, in denen aus der einfachen Kausalkette „Vergehen - Verantwortlicher - Strafe“ ein kompliziertes und komplexes Konstrukt wurde und wird. Der französische Philosoph legt dar, wo die Grenzen zwischen „Gerechtigkeit“ und „Macht“ verschwimmen. Marter, Züchtigung und Strafe sind einerseits Spiegelung und somit Vergeltung des Verbrechens und andererseits Mechanismen und Instrument für Macht: Die Stärke bzw. Grausamkeit der Strafe gilt ebenso als Übermächtigung, Durchbruch der Macht und festlichen Triumph des Souveräns. Die lange und komplexe Geschichte der Strafe reicht von Folter und Sklaverei über Martern als „Fest“ in der Öffentlichkeit, über „Vermenschlichung der Strafe“ und über eine regulierte Gewaltwirkung bis hin zum „modernen“ Strafrecht und dem Gefängnis.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklung der Strafsysteme nach Foucault
2.1 Vom „Fest“ der Martern zum modernen Strafrecht
2.2 Die Disziplinierung durch den Raum
3. Migration als Delinquenz? Eine Analyse der heutigen Praxis
3.1 Ausschließungsrituale und das Lager als Instrument
3.2 Die „allgegenwärtige Überwachung“ im illegalisierten Leben
4. Kritik der universellen Strafvollzugsmaximen im Kontext der Migration
4.1 Prinzip der Besserung
4.2 Prinzip der Flexibilität der Strafe
4.3 Prinzip der Anschlussinstitutionen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Der vorliegende Textkommentar setzt Michel Foucaults Analyse der Strafgeschichte aus „Überwachen und Strafen“ in Bezug zur gegenwärtigen europäischen Migrationspolitik und hinterfragt, inwiefern der Status des „illegalen Migranten“ als Delinquenz verstanden werden kann.
- Verbindung von Foucaults Strafsystem-Theorie mit aktueller Migrationsforschung
- Analyse von Ausschließungsmechanismen an den europäischen Außengrenzen
- Diskussion der Überwachungsstrukturen und deren Einfluss auf den „Illegalitäts-Habitus“
- Kritische Prüfung der Strafvollzugsmaximen (Besserung, Flexibilität, Anschluss) im Kontext der Abschiebungspraxis
Auszug aus dem Buch
Die allgegenwärtige Überwachung
„Der Dienst der Polizeibeamten und –offiziere gehört zu den wichtigsten; seine Aufgabenbereiche sind gewissermaßen unbegrenzt und können nur in hinreichend detaillierter Prüfung wahrgenommen werden: das unendlich Kleine der politischen Gewalt. Zu ihrer Durchsetzung muss sich diese Macht mit einer […] allgegenwärtigen Überwachung ausstatten, die imstande ist, alles sichtbar zu machen, sich selber aber unsichtbar. Ein gesichtsloser Blick, der den Gesellschaftskörper zu seinem Wahrnehmungsfeld macht: Tausende von Augen, die überall postiert sind; bewegliche und ständig wachsame Aufmerksamkeiten; ein […] hierarchisiertes Netz, das […] Kommissare, […] Inspektoren, dann die regelmäßig bezahlten „Beobachter“, die […] Spitzel, […] Denunzianten und schließlich die Prostituierten umfasst.“
Diese „allgegenwärtige Überwachung“, diese „Tausende[n] von Augen“ sind Alltag im illegalisierten Leben. Das Bewusstsein der eigenen Abschiebbarkeit und der Möglichkeit des „erwischt Werdens“ wird so tief verinnerlicht, dass es sogar die Körperhaltung, die Bewegung und auch die Art zu sprechen formt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Der Autor führt in die historische Entwicklung der Strafsysteme ein und verknüpft diese mit dem heutigen Umgang mit Migranten.
2. Die Entwicklung der Strafsysteme nach Foucault: Dieses Kapitel erläutert den Wandel von öffentlichen Martern hin zu disziplinierenden Haftstrafen im 18. und 19. Jahrhundert.
3. Migration als Delinquenz? Eine Analyse der heutigen Praxis: Hier wird untersucht, wie Ausschließungsrituale und Überwachungspraktiken eine Parallele zu Foucaults Gefängnisstrukturen bilden.
4. Kritik der universellen Strafvollzugsmaximen im Kontext der Migration: Anhand von drei Prinzipien wird aufgezeigt, wie der „angemessene Strafvollzug“ bei illegalisierten Personen in der Praxis scheitert oder ad absurdum geführt wird.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass das moderne Strafsystem bei der Migration nur bedingt greift und diese als komplexe, langjährige Geschichte betrachtet werden muss.
Schlüsselwörter
Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Migrationspolitik, Illegalität, Delinquenz, Überwachung, Lagerpolitik, Strafvollzug, Macht, Ausschluss, Resozialisierung, Grenzkontrolle, Disziplin, Menschenrechte, Inhaftierung
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema des Textkommentars?
Der Text untersucht die Parallelen zwischen Foucaults historischer Analyse der Strafgeschichte und der heutigen Behandlung von Migranten in Europa.
Welches Ziel verfolgt die Autorin mit diesem Kommentar?
Ziel ist es zu hinterfragen, ob „illegale Migration“ als Delinquenz im Sinne Foucaults eingeordnet werden kann und wie sich staatliche Machtinstrumente auf Migranten auswirken.
Welche wissenschaftliche Perspektive wird eingenommen?
Es wird eine historisch-kritische Perspektive gewählt, die soziologische Studien über Migration mit Foucaults machttheoretischen Ansätzen verbindet.
Was besagt das „Prinzip der Besserung“ im Kontext der Arbeit?
Die Autorin hinterfragt, ob eine Inhaftierung zur Verhaltensänderung führen kann, wenn das Hauptproblem der Betroffenen eher Unwissenheit über komplexe bürokratische Strukturen als kriminelle Energie ist.
Warum wird der Begriff „Ausschließungsrituale“ verwendet?
Der Begriff dient dazu, heutige Praktiken wie das Wegsperren oder Zurückweisen von Migranten mit Foucaults Beschreibung des Umgangs mit Leprakranken im 17. Jahrhundert zu vergleichen.
Welche Rolle spielt die „allgegenwärtige Überwachung“ für Migranten?
Sie erzeugt ein ständiges Bewusstsein der Abschiebbarkeit, das den „Illegalitäts-Habitus“ formt und das tägliche Verhalten der Betroffenen tiefgreifend beeinflusst.
Wie verändert das Wissen um die eigene Illegalität die Körperhaltung von Migranten?
Durch die ständige Angst vor Entdeckung entwickeln Betroffene eine unterdrückte Haltung und Vorsicht, die sich in Mimik, Gestik und Sprache manifestiert.
Warum ist das Prinzip der „Anschlussinstitutionen“ laut der Autorin problematisch?
Da das Ziel bei Migranten oft die sofortige Abschiebung ist, stehen die geforderten Fürsorgemaßnahmen zur Resozialisierung in einem logischen Widerspruch zum staatlichen Handeln.
- Arbeit zitieren
- Johanna Lamm (Autor:in), 2013, Textkommentar zu Michel Foucaults "Überwachen und Strafen, Die Geburt des Gefängnisses", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/285855