Um einen historischen Einstig in das Thema zu finden, sollen zunächst Grundlagen geschaffen werden. Hierzu wurde das Kapitel B in drei Abschnitte unterteilt, davon werden sich zwei mit der DDR beschäftigen und ihrem Umgang mit den Juden, resp. der jüdischen Frage. Innerhalb eines Exkurses soll anschließend das Verhältnis Josef Stalins zum Judentum dargestellt werden, da dies zum allgemeinen Verständnis der Vorgänge in der DDR beiträgt. Innerhalb dieses Kapitels wird lediglich historisch-deskriptiv vorgegangen, auf eine wertende Analyse verzichtet. Diese Analyse soll dem zweiten Teil vorbehalten bleiben, hier wird zunächst die Frage gestellt, wie die Literatur die antizionistischen Vorfälle in der DDR der Jahre 1949 bis 1953 bewertet, vor allem – entsprechend der Fragestellung dieser Arbeit – ob diese als antisemitisch charakterisiert werden oder nicht. Hierzu ist auf drei Standardwerke kurz einzugehen, die alle ein und dasselbe Desiderat aufweisen: Sie nutzen durchaus den Begriff „antisemitisch“ zur Kennzeichnung der Politik der DDR gegenüber den Juden und der „Jüdischen Frage“ in dieser Zeit, vermeiden es aber, eine tiefere Inhaltsdeutung des Begriffes mitzugeben. Erst das Buch Antisemitismus von links, des Soziologen Thomas Haury, zeichnet sich dadurch aus, dass der Untersuchung der Ereignisse in der DDR, zunächst eine exakte begriffliche Deutung von „Antisemitismus“ vorausgeht. Haury entwickelte ein logisches Drei-Ebenen-Schema, welches vor allem durch die Berücksichtigung des Einflusses von Nationalismus und ideologischen Denkstrukturen herausragt. Sein Schema, und dessen Anwendung auf die DDR, wird im zweiten und dritten Unterabschnitt vorgestellt werden. Da sich Haurys Überlegungen nicht nur auf die Politik eines Landes, sondern genauso gut auf Parteien und Personen anwenden lassen, soll des weiteren ein eigener Versuch unternommen werden, die Nähe zum Antisemitismus (oder nicht) von Karl Marx, Lenin, der KPD der Weimarer Republik und der Politik der DDR, graphisch darzustellen und damit leichter vergleichbar zu machen. Eine Schlussbetrachtung wird diese Hausarbeit abschließen.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Historische Grundlegung
B. I. Zum Umgang mit den Juden in der SBZ bis 1949
B. II. Exkurs: Stalin und die Juden
B. III. Die antizionistische Kampagne in der DDR
C. Zur Problematik der Bewertung des antisemitischen Gehalts
C. I. Die Bewertung in der Literatur nach 1989
C. II. Begriffsbestimmung Antisemitismus
C. III. Antisemitismus in den Farben der DDR
C. IV. Der Antisemitismus der DDR – Ein Einordnungsversuch
D. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die antizionistische Kampagne in der spätstalinistischen DDR und analysiert die Problematik der Bewertung ihres antisemitischen Gehalts. Ziel ist es, unter Anwendung eines wissenschaftlichen Analyseinstruments zu prüfen, ob die antizionistischen Vorfälle als antisemitisch zu charakterisieren sind und inwiefern der Begriff des Antisemitismus auf die DDR-Ideologie anwendbar ist.
- Historische Analyse des Umgangs mit Juden in der SBZ und der DDR.
- Untersuchung der Rolle Stalins und der stalinistischen Säuberungen in Osteuropa.
- Kritische Auseinandersetzung mit bestehender Literatur zur DDR-Judenpolitik.
- Anwendung von Thomas Haurys Drei-Ebenen-Schema zur Begriffsbestimmung von Antisemitismus.
- Erörterung der strukturellen und funktionellen Nähe der DDR-Ideologie zum Antisemitismus.
Auszug aus dem Buch
C. II. Begriffsbestimmung Antisemitismus
Zunächst sei festgehalten, dass beim Begriff Antisemitismus, offensichtlich erstmals 1879 vom deutschen Publizisten Wilhelm Marr verwendet, zwischen dem was er ausdrücken soll und dem was er tatsächlich ausdrückt ein erheblicher Unterschied besteht: Mit Antisemitismus wird meist schlagwortartig eine nicht genau spezifizierte Judenfeindschaft verbunden, bestenfalls noch unterschieden in einen traditionellen und einen in der Schoah endenden modernen Antisemitismus. Doch dass die Semiten, gegen die sich ja der Terminus richtet, lediglich Menschen einer Sprachfamilie sind, zu der neben dem Hebräischen unter anderem auch das Phönizische und Arabische gehören, fällt heute kaum noch jemandem auf. Zu sehr hat sich Antisemitismus als alleinig gegen jüdische Menschen und die jüdische Kultur gerichtet manifestiert.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Antifaschismus-Mythos der DDR ein und stellt die Forschungsfrage nach der Bewertung der antizionistischen Kampagnen sowie des damit verbundenen linken Antisemitismus.
B. Historische Grundlegung: Dieser Abschnitt zeichnet die Entwicklung des Umgangs mit der jüdischen Bevölkerung von der SBZ bis zur DDR nach, beleuchtet Stalins Einfluss auf das Judentum und detailliert die antizionistische Kampagne der DDR zwischen 1949 und 1953.
C. Zur Problematik der Bewertung des antisemitischen Gehalts: Hier erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der literarischen Aufarbeitung des Themas, eine theoretische Begriffsbestimmung des Antisemitismus nach Haury und die Einordnung der DDR-Ideologie in dieses Schema.
D. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die DDR-Ideologie eine hohe strukturelle und funktionelle Affinität zum Antisemitismus aufwies, auch wenn sie sich von der rassischen Variante des Nationalsozialismus abzugrenzen suchte.
Schlüsselwörter
DDR, Antisemitismus, Antizionismus, Stalinismus, Marxismus-Leninismus, Thomas Haury, Paul Merker, Noel Field, Schauprozesse, Ideologie, Nationalismus, Judenfeindschaft, Geschichte, SBZ, DDR-Politik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der antizionistischen Kampagne in der DDR in den Jahren 1949 bis 1953 und untersucht, ob und in welcher Weise diese Kampagne als antisemitisch zu bewerten ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die politische Instrumentalisierung von Judentum und Zionismus, der Einfluss der stalinistischen Ideologie auf die SED sowie die Abgrenzung von DDR-Antizionismus und dem historischen Nationalsozialismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, zu klären, wie die antizionistischen Vorfälle in der DDR in der Fachliteratur bewertet werden und ob das Drei-Ebenen-Schema von Thomas Haury eine präzise Identifikation des antisemitischen Gehalts der DDR-Ideologie ermöglicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird eine ideologietheoretische Analyse auf Basis des Modells von Thomas Haury genutzt, welches Antisemitismus durch drei Ebenen (Grundinhalte, funktioneller Nationalismus, Denkstrukturen) definiert und auf die marxistisch-leninistische Ideologie der DDR angewendet wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Grundlegung (SBZ, Stalin, DDR-Kampagnen) und eine theoretische Reflexion, in der die Bewertung der Vorfälle in der Literatur kritisiert und das Haury-Schema systematisch auf historische Akteure wie Marx, Lenin und die KPD/SED übertragen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie DDR-Antisemitismus, marxistisch-leninistische Ideologie, antizionistische Säuberungen, totalitäre Herrschaftssysteme und das Analyseschema von Thomas Haury charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Person Paul Merker in der antizionistischen Kampagne der DDR?
Paul Merker wurde als Hauptangeklagter für ein geplantes, an das Prager Slánský-Verfahren angelehntes Schauverfahren in der DDR ausgewählt, da er sich als ranghoher Kommunist in der Emigration für Entschädigungszahlungen an jüdische Opfer einsetzte, was die SED als "zionistische Agententätigkeit" auslegte.
Wie unterscheidet der Autor den DDR-Antizionismus vom nationalsozialistischen Antisemitismus?
Der Autor arbeitet heraus, dass der DDR-Antizionismus zwar strukturell und funktionell eine hohe Affinität zum Antisemitismus aufwies, jedoch auf eine explizit rassische Komponente verzichtete und keinen fabrikmäßigen Vernichtungswillen wie im Dritten Reich beinhaltete.
- Arbeit zitieren
- Kai Posmik (Autor:in), 2003, Die antizionistische Kampagne in der spätstalinistischen DDR und die Problematik der Bewertung ihres antisemitischen Gehaltes, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/28498