Seit Ende der 1990er Jahre rückte der Begriff der „Entgrenzung“ stärker in den Fokus arbeits- und industriesoziologischer Diskussionen.
Diese Erosion von Grenzen aller Dimensionen einer Betriebsorganisation umfasst sowohl die Pluralisierung von Beschäftigungsformen, als auch die Flexibilisierung von Arbeitszeit bis hin zu einer rückläufigen Bindung an betriebliche Rahmenbedingungen. Das Phänomen der „Entgrenzung“ von Anforderungen an Arbeitnehmer fassten die Autoren Pongratz und Voß in ihren Untersuchungen zum Modell des Arbeitskraftunternehmers (im Weiteren AKU genannt) zusammen. Dieser Idealtypus soll, den Autoren folgend, zum Leitbild bei der Gestaltung von Arbeitsbedingungen werden können. Die theoretischen Deutungen und empirischen Forschungen zur Entwicklung von Arbeit sowie die Diskussion um den Arbeitskraftunternehmer sind männlich dominiert.
Vor dem Hintergrund, dass aber auch Frauen auf dem Arbeitsmarkt eine repräsentative Rolle einnehmen, soll in der vorliegenden Arbeit der Fokus auf dem Arbeitskraftunternehmer als weibliche Arbeitnehmerin liegen.
In den Sozialwissenschaften wird die Frauenerwerbstätigkeit und deren Hemmnisse seit den 70er Jahren untersucht.
Pongratz und Voß erörterten in ihren Untersuchungen, dass der Arbeitskraftunternehmer weiblich sein kann, dabei wurde der Blickwinkel der erwerbstätigen Frau als Mutter jedoch eher vernachlässigt. Daher widmet sich die vorliegende Arbeit dem Modell des AKU im Kontext mit der Frauenerwerbstätigkeit insbe- sondere im Zusammenhang mit der Mutterrolle als einer weiteren Dimension. Die zentrale Frage ist, ob das Modell des AKUs für eine erwerbstätige Mutter erfüllbar ist und ob es eher positive oder negative Auswirkungen hat, also eher Fluch oder Segen für sie bedeutet.
Dazu wird zunächst die These des Arbeitskraftunternehmers dargestellt und auf die von den Autoren Pongratz und Voß entwickelten Ausprägungsebenen eingegangen. Als nächstes wird der derzeitige Ist-Zustand von Frauenerwerbstätigkeit umschrieben. Darauf aufbauend soll der Fokus auf der Erwerbsbeteiligung bei Müttern liegen. Es wird anhand sekundärstatistischer Analysen und unter Rückgriff auf Sekundärliteratur und Studien erörtert, dassdie Erwerbsorientierung der Frauen von bestimmten Ressourcen abhängt, um dann darauf aufbauend im folgenden Unterkapitel auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einzugehen. Hier werden die strukturellen Bedingungen thematisiert, die eine Vereinbarkeit ermöglichen könnten.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DIE ARBEITSKRAFTUNTERNEHMERTHESE
2.1 DIE DREI MERKMALE DES ARBEITSKRAFTUNTERNEHMERS
2.1.1 Selbstökonomisierung
2.1.2 Selbstrationalisierung
2.1.3 Selbstkontrolle
3 FRAUEN UND BERUF
3.1 ERWERBSBETEILIGUNG BEI MÜTTERN
3.2 VEREINBARKEIT VON FAMILIE UND BERUF
3.3 SCHWIERIGKEITEN DER VEREINBARKEIT
4 ERWERBSTÄTIGE MÜTTER ALS ARBEITSKRAFTUNTERNEHMERINNEN
4.1 ÜBEREINSTIMMUNGEN IM SINNE DES MODELLS AKU
4.2 SCHWIERIGKEITEN DER VEREINBARKEIT VON FAMILIE UND AKU
5 SCHLUSSBETRACHTUNG UND FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob das soziologische Modell des "Arbeitskraftunternehmers" (AKU) auf erwerbstätige Mütter übertragbar ist und ob diese Arbeitsform für sie eher Chancen auf autonome Lebensgestaltung bietet oder eine Belastung darstellt. Dabei wird geprüft, wie sich die Anforderungen des AKU-Modells mit den Herausforderungen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie vereinbaren lassen.
- Das Modell des Arbeitskraftunternehmers nach Pongratz und Voß
- Herausforderungen der Frauenerwerbstätigkeit und Mutterrolle
- Strategien zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf
- Die erwerbstätige Mutter als "Arbeitskraftunternehmerin"
- Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Betreuungsinfrastruktur
Auszug aus dem Buch
4 Erwerbstätige Mütter als Arbeitskraftunternehmerinnen
Dem Modell des Arbeitskraftunternehmers wurde gerade aus Sicht der feministischen Arbeitsforschung vorgeworfen, dass ihr ein männlicher Erwerbstätiger zugrunde läge. Jurczyk (2002:105) spricht sogar von einem „geschlechtsspezifisch-männlichen Bias“. Ebenfalls kritisiert wird, dass der Fokus zu sehr auf die Erwerbsarbeit an sich gelegt sei, und dabei die Kombination zu den Anforderungen an den Bereich der Familie nicht berücksichtigt werde (vgl. Winker/Carstensen 2004: 167-185).
In ihrer empirisch gestützten Studie aus dem Jahr 2003 kommen Pongratz und Voß (2003:208) jedoch zu dem Resultat, dass:
Vor allem die qualifizierten weiblichen Angestellten in Projektarbeit, also die Projektarbeiterinnen, vertreten Orientierungselemente, die in hohem Maße Strukturierungsbereitschaft aufweisen und damit den Typus des Arbeitskraftunternehmers indizieren. [Hervorheb. i. O.]
Birger Priddat (2001) bezeichnet Familienfrauen als Unternehmerinnen:
Sie sind also Unternehmerinnen, ohne zu wissen, dass sie die Aufgabenfülle von Unternehmerinnen haben. Sie sind die effektiven new workers, die heimlichen Kompetenzgewinner der modernen Wirtschaft. Sie entwickeln Sozialkompetenz, Führungsqualität, Vertriebstalent, Agilität im Netzwerk, hohe Kommunikations- und Durchsetzungsfähigkeit - den Kindern gegenüber, den Schulen und Behörden, den Dienstleistern, die sie einspannen und lenken müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Entgrenzung von Arbeit und Formulierung der Forschungsfrage zur Anwendbarkeit des AKU-Modells auf erwerbstätige Mütter.
2 DIE ARBEITSKRAFTUNTERNEHMERTHESE: Theoretische Herleitung des Idealtypus des Arbeitskraftunternehmers und Darstellung der drei zentralen Merkmale: Selbstökonomisierung, Selbstrationalisierung und Selbstkontrolle.
3 FRAUEN UND BERUF: Analyse der historischen und strukturellen Bedingungen von Frauenerwerbstätigkeit, der Vereinbarkeitsthematik sowie der Herausforderungen durch mangelnde Betreuungsinfrastruktur.
4 ERWERBSTÄTIGE MÜTTER ALS ARBEITSKRAFTUNTERNEHMERINNEN: Anwendung des AKU-Modells auf Mütter und Untersuchung der Übereinstimmungen sowie der spezifischen Schwierigkeiten bei der Koordination von Erwerbsarbeit und Familie.
5 SCHLUSSBETRACHTUNG UND FAZIT: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfrage, ob das AKU-Modell für erwerbstätige Mütter Fluch oder Segen bedeutet, und Ausblick auf politische Handlungsempfehlungen.
Schlüsselwörter
Arbeitskraftunternehmer, AKU, Frauenerwerbstätigkeit, Vereinbarkeit, Familie und Beruf, Entgrenzung, Selbstökonomisierung, Selbstrationalisierung, Selbstkontrolle, Mutterrolle, Doppelbelastung, Koordinationsleistung, Arbeitswelt im Umbruch, Gender, Projektarbeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das soziologische Konzept des Arbeitskraftunternehmers im Kontext von erwerbstätigen Müttern und analysiert, wie diese ihre berufliche und familiäre Lebenswelt in einem entgrenzten Arbeitsmarkt organisieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Flexibilisierung der Arbeitswelt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, geschlechtsspezifische Rollenbilder sowie die Anforderungen an die Lebensführung erwerbstätiger Mütter.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist zu prüfen, ob erwerbstätige Mütter als Arbeitskraftunternehmerinnen im Sinne der Theorie von Pongratz und Voß agieren können und ob dies eher positive Chancen oder negative Belastungen für sie mit sich bringt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung soziologischer Fachliteratur sowie auf der Auswertung sekundärstatistischer Analysen und Studien zum Thema Frauenerwerbstätigkeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung der AKU-These, eine Analyse der Bedingungen für erwerbstätige Frauen und die direkte Untersuchung der erwerbstätigen Mutter als Arbeitskraftunternehmerin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Arbeitskraftunternehmer, Vereinbarkeit, Entgrenzung, Selbstorganisation und Frauenerwerbstätigkeit charakterisiert.
Warum wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als so schwierig eingestuft?
Die Schwierigkeit ergibt sich aus der Komplexität, den hohen Anforderungen an Flexibilität und der mangelnden gesellschaftlichen Unterstützung (z.B. Betreuungsinfrastruktur), die zu chronischer Überforderung führen kann.
Welche Rolle spielen technische Hilfsmittel im AKU-Modell für Mütter?
Technische Hilfsmittel (wie WLAN, Smartphones) ermöglichen eine flexible und mobile Aufgabenerfüllung, erhöhen jedoch gleichzeitig den Koordinationsaufwand und den Druck zur ständigen Erreichbarkeit.
- Arbeit zitieren
- Nathalie Konias (Autor:in), 2014, Das Konzept des Arbeitskraftunternehmers und die Vor- und Nachteile für die erwerbstätige Mutter, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/284204