Ob in Miss Sara Sampson oder in Emilia Galotti, „Lessings Dramen experimentieren immer wieder mit religiösen, politischen oder moralischen Autoritäten, befragen sie auf ihre Rechtmäßigkeit und fügen sich damit in den autoritätskritischen Impetus der Aufklärung.“ Lessing, der aus einem strenggläubigen lutherischen Pfarrhaus stammte, gehörte seinerzeit zu einer Gruppe „modern anmutender Autoren“, die neue Wege beschritten und dessen Frauenfiguren ebenfalls nicht „in den ausgetretenen Spuren“ gingen. Sei es nun Sara oder Emilia, bei beiden geht es um Unschuld und (vermeintliche) Verführung, Tugend und Laster. Gerade die Unschuld ist es, über die das ‚Frauenbild’ seinerzeit definiert ist. Inge Stephan versteht unter ‚Frauenbild’ „in diesem Zusammenhang eine ‚Form männlicher Wunsch- und Ideologieproduktion’, durch die die Frau in ganz spezifischer Weise definiert und vom Subjekt zum Objekt gemacht wird.“
Die im Fokus dieser Arbeit stehende Vater-Tochter-Beziehung ist in beiden Trauerspielen, deren Handlungsort zum einen das protestantische England und zum anderen das katholische Italien ist, die zentrale Achse. Um diese Beziehungen besser in
den jeweiligen Kontext einordnen zu können, muss zunächst die seinerzeitige Struktur der Familie beleuchtet werden.
Da die Religion im 18. Jahrhundert noch einen anderen Stellenwert besaß, d.h. religiöse Dogmen das Leben bestimmten, ist ein Exkurs bezüglich Lessings Einstellung
hierzu unumgänglich und schließt sich daher an.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Struktur der Familie
3. Religion
4. Tugend und Moral
5. Miss Sara Sampson
5.1 Sir William Sampson
5.2 Sara Sampson
5.3 Vater-Tochter-Beziehung
5.4 Symbole
5.4.1 Traum
5.4.2 Abgrund
5.4.3 Dolch
5.5 Resümee Miss Sara Sampson
6. Emilia Galotti
6.1 Odoardo Galotti
6.2 Emilia Galotti
6.3 Vater-Tochter-Beziehung
6.4 Symbole
6.4.1 Traum
6.4.2 Rose
6.4.3 Perlen
6.4.4 Die Zahl ‚drei’
6.4.5 Dolch
6.5 Resümee Emilia Galotti
7. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Hintergründe und Ursachen des Todes der Protagonistinnen in Gotthold Ephraim Lessings Trauerspielen "Miss Sara Sampson" und "Emilia Galotti" mit einem besonderen Fokus auf die Vater-Tochter-Beziehung und die zeitgenössischen Vorstellungen von Tugend und Moral.
- Die Analyse der Familienstruktur im 18. Jahrhundert als Kontext für väterliche Autorität.
- Die Rolle der Religion und deren Wandel in der Aufklärung für das Verständnis der Dramen.
- Die Untersuchung der moralischen Kodizes und deren Auswirkungen auf das weibliche Tugendideal.
- Die symbolische Bedeutung von Objekten wie dem Dolch, der Rose und den Perlen für die Handlungslogik.
Auszug aus dem Buch
5.1 Sir William Sampson
Sir William eröffnet mit der entsetzten Frage „Hier meine Tochter? Hier in diesem elenden Wirtshause?“ (I, 1, 5) und bricht sogleich in Tränen aus. Den tröstenden Worten seines Dieners Waitwell vermag er kein Gehör zu schenken, verlangt gar von diesem, er möge ihn wegen seiner Zärtlichkeit tadeln (I, 1, 6). Bereits hier wird deutlich, dass mit Sir William zwischenzeitlich eine Veränderung vorgegangen sein muss. Er wird sich im Vorfeld als patriarchalisch-autoritärer Vater gezeigt haben, was er inzwischen aber bedauert, wie die Worte Waitwells Sara gegenüber deutlich machen: „Und vielleicht ein aufrichtiges Betauern, dass er die Rechte der väterlichen Gewalt gegen ein Kind brauchen wollen, für welches nur die Vorrechte der väterlichen Huld sind.“ (III, 3, 48).
Er hat sich besonnen und ist seiner Tochter gefolgt, die ihn heimlich mit ihrem Verführer verlassen hat. Indes ist seine Vergebung in erster Linie zunächst egoistisch geprägt, was er deutlich artikuliert, wenn er von ihr als der „Stütze“ seines Alters spricht (I, 1, 6). Zwar ist sie, indem sie sich ihrer Liebe zu Mellefont hingegeben hat, nach ihrem eigenen Verständnis zur Verbrecherin geworden (III, 3, 47), aber einzig ihrer Liebe sich gewiss sein zu können, ist für ihn von Bedeutung. Dabei lässt er außer Acht, dass Sara gesellschaftlich zu einem lasterhaften und ‚gefallenen Mädchen’ geworden ist. Er will nur geliebt werden (I, 1, 6).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung von Lessings Dramen für die Aufklärung heraus und definiert den Fokus auf die problematische Vater-Tochter-Beziehung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Strukturen.
2. Die Struktur der Familie: Dieses Kapitel analysiert das Erziehungsideal und das Machtgefüge der bürgerlichen Familie, in dem der Vater eine zentrale, patriarchalische Rolle einnimmt.
3. Religion: Hier wird Lessings Position zur religiösen Aufklärung und seine Kritik an dogmatischen Glaubensvorstellungen als zentraler Bestandteil seiner Weltanschauung erläutert.
4. Tugend und Moral: Das Kapitel untersucht die Entwicklung des Tugendbegriffs im 18. Jahrhundert von einer allgemein bürgerlichen Eigenschaft hin zu einem stark weiblich kodierten Keuschheitsideal.
5. Miss Sara Sampson: Eine detaillierte Analyse der Figuren, Symbole und der spezifisch empfindsamen Vater-Tochter-Beziehung in Lessings erstem bürgerlichen Trauerspiel.
6. Emilia Galotti: Dieses Kapitel befasst sich mit der Entstehung, den Figurenkonstellationen und der Symbolik des Trauerspiels, wobei besonders Odoardos Rolle als Vater hervorgehoben wird.
7. Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass Lessing durch die Darstellung der weiblichen Protagonistinnen eine Kritik an patriarchalen Strukturen und veralteten religiösen Autoritäten übt.
Schlüsselwörter
Lessing, Miss Sara Sampson, Emilia Galotti, Vater-Tochter-Beziehung, Aufklärung, Tugend, Moral, Empfindsamkeit, Patriarchat, Religion, Schuld, Symbolik, Freiheit, Geschlechterrollen, Selbsterkenntnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit befasst sich mit der Darstellung von Väterlichkeit und den moralischen Erwartungen an Töchter in den Dramen "Miss Sara Sampson" und "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Untersuchung familiärer Strukturen, der Einfluss des christlichen Glaubens und der bürgerlichen Moral auf das Individuum sowie die literarische Verwendung von Symbolen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Hintergründe der dramatischen Tode der beiden Hauptfiguren Sara und Emilia aus psychologischer und gesellschaftshistorischer Sicht zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse der Primärtexte unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zu Lessing, zeitgenössischer Moralvorstellungen und psychoanalytischen Deutungsansätzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte Einzelanalyse der Väter, der Töchter, der Vater-Tochter-Beziehungen und der verwendeten Symbole in beiden Trauerspielen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie "Aufklärung", "Tugendbegriff", "Patriarchat", "Empfindsamkeit" und "Leib-Seele-Dualität" charakterisieren.
Warum spielt die Religion in der Arbeit eine so große Rolle?
Die Arbeit argumentiert, dass religiöse Dogmen das Leben der Figuren maßgeblich bestimmten und Lessing durch die Thematisierung des "strafenden Gottes" diese Ideologien kritisch hinterfragen wollte.
Welche Bedeutung hat der Dolch als Symbol in beiden Stücken?
Der Dolch wird als phallisches Symbol und als Werkzeug männlicher Machtausübung gedeutet, das sowohl als Mittel zur Unterdrückung als auch zur finalen, gewaltsamen Kontrolle über die weibliche Identität fungiert.
- Arbeit zitieren
- Claudia Rehmann (Autor:in), 2013, Lessings tugendhafte tote Töchter. Hintergründe und Ursachen des Todes von Emilia Galotti und Sara Sampson, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/284187