In meiner Arbeit setzte ich mich mit der Frage auseinander, ob das Persönliche Budget tatsächlich die Erwartung erweiterter Selbstbestimmungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung einzulösen vermag. Dabei interpretiere ich diese im Sinne einer Erwartung sich erweiternder Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume im Vergleich zum bisher üblichen Sachleistungsprinzip. Umgekehrt muss aber auch danach gefragt werden, welche neuen Zwänge und Einschränkungen von Entscheidungs- und Gestaltungsspielräumen möglicherweise mit dem Persönlichen Budget verbunden sein könnten.
Aus dem Inhalt:
Einführung in das Persönliche Budget,
Entstehungskontext des Persönlichen Budgets,
Vom klassischen Leistungsdreieck zum Persönlichen Budget,
Neue Spielräume gegenüber den Leistungsbringern,
Das neue Verhältnis zum Leistungsträger,
Anforderungen an den Budgetnehmer.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DAS PERSÖNLICHE BUDGET
2.1 KURZE EINFÜHRUNG IN DAS PERSÖNLICHE BUDGET
2.2 ENTSTEHUNGSKONTEXT DES PERSÖNLICHEN BUDGETS
2.2.1 Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik
2.2.2 Erklärungsansätze zum Paradigmenwechsel und Persönlichen Budget
3 ERWEITERTE SELBSTBESTIMMUNGSMÖGLICHKEITEN?
3.1 VOM KLASSISCHEN LEISTUNGSDREIECK ZUM PERSÖNLICHEN BUDGET
3.1.1 Die Stellung des Leistungsberechtigten beim Sachleistungsbezug
3.1.2 Die Stellung des Leistungsberechtigten beim Persönlichen Budget
3.2 NEUE SPIELRÄUME GEGENÜBER DEN LEISTUNGSERBRINGERN
3.2.1 Die Verpflichtung zum zweckentsprechenden Budgetmitteleinsatz
3.2.2 Direkte Teilhabeleistungen
3.2.3 Die Ausweitung der Handlungslogik des Marktes
3.2.4 Beauftragung von Leistungserbringern ohne Anerkennung
3.2.5 Der Leistungsberechtigte als Kunde
3.2.5.1 Kundenorientierung
3.2.5.2 Handlungseffizienz versus Kundenorientierung
3.2.6 Informeller Sektor und Persönliches Budget
3.3 DAS NEUE VERHÄLTNIS ZUM LEISTUNGSTRÄGER
3.3.1 Durchsetzung von Leistungsansprüchen
3.3.2 Neue Formen der sozialen Kontrolle durch den Leistungsträger
3.4 ANFORDERUNGEN AN DEN BUDGETNEHMER
3.4.1 Erforderliche Kompetenzen
3.4.2 Budgetberatung und -unterstützung
4 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Forschungsfrage, ob das Persönliche Budget tatsächlich in der Lage ist, die Selbstbestimmungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen zu erweitern, indem es ihnen größere Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume im Vergleich zum traditionellen Sachleistungsprinzip bietet, während es gleichzeitig potenzielle neue Abhängigkeiten und Kontrollmechanismen hinterfragt.
- Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik von Fürsorge hin zu Selbstbestimmung.
- Strukturelle Analyse der Auflösung des klassischen Leistungsdreiecks.
- Die Einführung marktwirtschaftlicher Handlungslogiken in die Behindertenhilfe.
- Das Spannungsfeld zwischen Kundenorientierung und Handlungseffizienz.
- Anforderungen an Budgetnehmer und die Notwendigkeit von Beratung und Unterstützung.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Die Verpflichtung zum zweckentsprechenden Budgetmitteleinsatz
Das Persönliche Budget selbst begründet keinen eigenen Anspruch auf Rehabilitations- und Teilhabeleistungen, sondern stellt nur eine besondere Form dar, in der Leistungen ausgeführt werden können. Daraus lässt sich zwingend die folgende Logik ableiten: „In ein einzelnes Persönliches Budget ´gehen` - je nach Bedarf bzw. Leistungsanspruch – immer einzelne oder mehrere jetzt in den jeweiligen Leistungsgesetzen definierte und in einen bestimmten Geldwert ´umgemünzte` Leistungen ´ein`“ (Kastl/Metzler 2005: S. 25). Das Persönliche Budget ist dabei strikt auf die in den jeweiligen Leistungsgesetzen geregelten Einzelleistungen und die entsprechenden Leistungsvoraussetzungen bezogen (Kastl/Metzler 2005: S. 25). Leistungsträger dürfen Gelder grundsätzlich nur für Aufgaben verwenden, „die präzise bestimmbar ihrem rechtlichen Auftrag entsprechen“ (Kastl/Metzler 2005: S. 26). Auch Leistungen, die in Form des Persönlichen Budgets gewährt werden, müssen deshalb immer zweckentsprechend eingesetzt werden.
Wenn sich das Gesamtbudget aus verschiedenen Teilbudgets zusammensetzt, ist der Budgetnehmer verpflichtet, die verschiedenen Teilbudgets ebenfalls jeweils ihrem Zweck entsprechend zu verwenden. So wie im meinen zweiten Fallbeispiel beschrieben, dürfen die einzelnen Teilbudgets für Eingliederungshilfe, hauswirtschaftliche Leistungen und Pflegeleistungen, die aus den Finanzmitteln drei verschiedener Kostenträger gespeist werden, jeweils nur für ihren gesetzlich vorgegebenen spezifischen Zweck eingesetzt werden. In der abzuschließenden Zielvereinbarung wird daher auch festgelegt, wie die zweckentsprechende Verwendung der Mittel geprüft werden soll.
Erweiterte Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume des Leistungsberechtigten gegenüber dem Leistungserbringer bewegen sich also auch beim Persönlichen Budget aus formal-sozialrechtlicher Perspektive immer innerhalb der Grenzen der Verpflichtung zum zweckentsprechenden Budgetmitteleinsatz. Was darunter im Detail zu verstehen ist, hängt formal-sozialrechtlich von den jeweiligen Leistungsgesetzen ab, auf denen das Persönliche Budget im Einzelfall basiert. Je nach Leistungsgesetz und –art dürfte es hier mehr oder weniger große Interpretationsspielräume bei der Bestimmung dessen geben, was unter einem zweckentsprechenden Budgetmitteleinsatz zu verstehen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Arbeit beleuchtet die Frage, ob das Persönliche Budget neue Entscheidungsspielräume eröffnet oder neue Zwänge für Menschen mit Behinderung schafft.
2 DAS PERSÖNLICHE BUDGET: Dieses Kapitel führt in das Konzept ein und analysiert den historischen Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik vom Fürsorge- zum Selbstbestimmungsparadigma.
3 ERWEITERTE SELBSTBESTIMMUNGSMÖGLICHKEITEN?: Der Hauptteil untersucht kritisch, wie das neue Instrument das Verhältnis zwischen Leistungsberechtigten, Leistungserbringern und Leistungsträgern umstrukturiert, die Handlungslogik des Marktes integriert und Anforderungen an die Budgetnehmer stellt.
4 FAZIT: Die Arbeit schließt mit dem Resümee, dass die hochgesteckten Erwartungen an das Persönliche Budget nur begrenzt erfüllt werden und Risiken für neue Abhängigkeiten und soziale Kontrollen bestehen.
Schlüsselwörter
Persönliches Budget, Behindertenpolitik, Selbstbestimmung, Leistungsdreieck, Sachleistungsprinzip, Teilhabeleistungen, Kundenorientierung, Sozialrecht, Eigenverantwortung, Budgetnehmer, Leistungsträger, Behindertenbewegung, Empowerment, soziale Kontrolle, Marktlogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch, ob das "Persönliche Budget" für Menschen mit Behinderung tatsächlich zu mehr Selbstbestimmung und erweiterten Gestaltungsspielräumen führt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Thematisiert werden der Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe, die Umstrukturierung des klassischen Leistungsdreiecks, die Auswirkungen marktorientierter Steuerung und die Anforderungen an die Budgetnehmer.
Welches primäre Ziel verfolgt die Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Erwartungshaltungen, die mit dem Persönlichen Budget verknüpft sind, der praktischen Realität und den rechtlichen Rahmenbedingungen gegenüberzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische und konzeptionelle Analyse auf Basis sozialrechtlicher und soziologischer Fachliteratur sowie Modellprojekterfahrungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Transformation der Kundenposition, den neuen Anforderungen durch Zielvereinbarungen und den Grenzen des Persönlichen Budgets durch die Sozialgesetzgebung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Persönliches Budget, Selbstbestimmung, Leistungsdreieck, soziale Kontrolle und Marktlogik in der Wohlfahrtsproduktion.
Wie wirkt sich das "Exit-Option"-Konzept auf das Verhältnis zwischen Nutzer und Anbieter aus?
Das Konzept ermöglicht theoretisch einen Anbieterwechsel, führt jedoch in der Praxis dazu, dass Anbieter vermehrt Effizienzkriterien anwenden, was die Wahlfreiheit für bestimmte Nutzergruppen einschränken kann.
Inwiefern beeinflusst der informelle Sektor das Persönliche Budget?
Die Einbeziehung von "selbstbeschafften Kräften" aus dem privaten Umfeld nivelliert die Grenze zwischen formellem und informellem Sektor und birgt das Risiko einer Kommerzialisierung privater Beziehungen.
Warum ist das "Arbeitgebermodell" für viele Budgetnehmer eine Herausforderung?
Das Modell verlangt vom Budgetnehmer die Übernahme umfassender Aufgaben wie Personalauswahl, Lohnabrechnung und rechtliche Verantwortung, was ohne professionelle Unterstützung schwer zu bewältigen ist.
Welche Rolle spielt die soziale Kontrolle durch den Leistungsträger?
Da der Leistungsträger die zweckentsprechende Mittelverwendung sicherstellen muss, führt die Auflösung des Leistungsdreiecks zu einer unmittelbaren und bürokratisch intensiveren Kontrolle der Budgetnehmer.
- Quote paper
- Joachim Schmidt (Author), 2006, Erweiterung der Selbstbestimmung durch das Persönliche Budget, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/283626