In den vergangenen zwei Jahrzehnten stieg das wissenschaftliche Interesse an den migratorischen Räumen und Bewegungen von hochqualifizierten Arbeitskräften signifikant an. Dies geht einher mit politischen Entwicklungen etlicher Staaten in Richtung einer Lockerung von Einwanderungsgesetzen und –regelungen speziell für ExpertInnen und Hochqualifizierte, welche nicht zuletzt durch den Fachkräftemangel vor allem in den Industrieländern vonstattengehen. (vgl. Vertovec 2002: 2; Lowell/Findlay 2001: 3)
Nach wie vor werden die vorteilhaften und nachteiligen Auswirkungen der Emigration von hochqualifizierten Arbeitskräften im Zuge der Diskussion um einen brain drain, brain gain und brain exchange wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Während in der wissenschaftlichen Literatur Konsens darüber besteht, dass das jeweilige Empfängerland, welches die Hochqualifizierten aufnimmt und beruflich beschäftigt, vorwiegend einen Nutzen aus den Migrationsbewegungen von Hochqualifizierten zieht, gilt folgende Frage als nicht eindeutig geklärt und beantwortbar: Ist die Auswanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften und Schlüsselkräften für das Sendeland, welchem die Hochqualifizierten entstammen, von Vor- oder Nachteil? (vgl. Brown 2002: 169f.)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Gliederung der Arbeit
2. Theoretischer Teil
2.1. Migrationsforschung
2.2. Diaspora und transnationale Netzwerke
2.3. Hochqualifiziertenmigration: Definitionen und normative Betrachtungsweisen
2.4. Brain Drain, Brain Gain und ähnliche Konzepte
2.5. Nationalist Approach und Internationalist Approach
3. Forschungsmethode
3.1. Forschungsfrage
3.2. Literaturauswahl und Feldzugang
3.3. Methodische Vorgehensweise
3.4. Generalisierung, Gütekriterien und Kontrolle
3.5. Reflexionen
4. Empirischer Teil
4.1. Hochqualifiziertenmigration in Indien: Phasen der (öffentlichen) Perzeption
4.2. Die Interessen der staatlichen AkteurInnen Indiens an den migratorischen Bewegungen der Hochqualifizierten
4.2.1. Kooperative Nutzenvorteile
4.2.2. Die Aus- und Weiterbildungsoption
4.2.3. Die Generierung von Wettbewerbsvorteilen
4.3. Spartenspezifische Interessenslagen der staatlichen AkteurInnen Indiens und negative Nebeneffekte
5. Conclusio
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Interessen der staatlichen AkteurInnen Indiens an der Auswanderung hochqualifizierter indischer Arbeitskräfte. Das Ziel besteht darin zu analysieren, warum Indien keine restriktiven Maßnahmen gegen die Abwanderung setzt, sondern stattdessen offene migrationspolitische Ansätze verfolgt, die den potenziellen Nutzen durch transnationale Netzwerke und Kapitalflüsse betonen.
- Analyse der theoretischen Konzepte zu Migration, Diaspora und Brain-Drain-Debatten.
- Untersuchung der staatlichen Interessenslage Indiens durch Auswertung offizieller Dokumente.
- Identifikation von Strategien zur Nutzbarmachung von Wissen und Kapital der Diaspora.
- Darstellung der Rolle von rhetorischen, kulturellen und ökonomischen Kanälen.
- Reflexion über negative Nebeneffekte, wie den lokalen Fachkräftemangel.
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Kooperative Nutzenvorteile
Die Interessenslage der staatlichen indischen AkteurInnen an den migratorischen Bewegungen von Hochqualifizierten InderInnen manifestiert sich unter anderem in der Schaffung und in weiterer Folge Nutzung von Kooperationsbeziehungen und Transaktionskanälen, die durch die Vernetzung und den Beziehungsaufbau unterschiedlicher AkteurInnen – seien es Mitglieder der indischen highly skilled diaspora, Ministerien Indiens, Vernetzungsplattformen für Hochqualifizierte, uvm. - entstehen. Die diversen Beziehungen/ Kanäle erlauben es dem indischen Staat und dessen AkteurInnen von Kapital- und Informationsflüssen jeglicher Art zu profitieren und jene nutzbar zu machen.
Solidarische Netzwerke und transnationale Beziehungen können auch abseits von staatlicher Präsenz bestehen und sich selbst erhalten. Der indische Staat verfolgt im Rahmen seiner policies hinsichtlich Hochqualifiziertenmigration jedoch einen Ansatz, der Beziehungsaufbau und –erhalt mit der indischen Diaspora aktiv fördert. Es wird Abstand genommen von restriktiven und kompensatorischen Maßnahmen; stattdessen stellen die incentive policies als auch die von Indien forcierte Diaspora-Option den Anspruch einen Nutzen aus Kooperation zu erzielen.
Die durch Beziehungsaufbau geschaffenen Kanäle stellen zum Teil immaterielle Infrastruktur dar, mittels derer der Bezug zu den MigrantInnen nicht verloren werden soll. Durch die Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen EmigrantInnen und Sendeland kann gewährleistet werden, dass das für das Sendeland direkt verloren gegangene Humankapital der jeweiligen hochqualifizierten EmigrantInnen – bedingt durch die Abwanderung – nicht zur Gänze verloren geht und kann bestenfalls nutzbar gemacht werden. Jene Kanäle schaffen somit ebenfalls die Möglichkeit für eine Teilhabe der EmigrantInnen an Indiens Entwicklungsweg durch Rückwanderung, Diaspora-Option, kurze Arbeits-/Forschungsaufenthalte in Indien, Investitionen, als auch monetäre Rücküberweisungen und werden durch eine starke Rhetorik seitens der staatlichen AkteurInnen Indiens verstärkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Hochqualifiziertenmigration und Darstellung der Forschungsfrage sowie Gliederung der Bachelorarbeit.
2. Theoretischer Teil: Erläuterung relevanter Konzepte wie Migrationsforschung, Diaspora-Option, Brain Drain/Gain sowie der theoretischen Ansätze der Migrationssteuerung.
3. Forschungsmethode: Beschreibung des qualitativen Forschungsdesigns basierend auf der Grounded Theory und Erläuterung der Literaturauswahl.
4. Empirischer Teil: Analyse der indischen Politik und der spezifischen Interessenslagen der Regierung, unterteilt in kooperative Vorteile, Bildungsaspekte und Wettbewerbsvorteile.
5. Conclusio: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Reflexion der Ergebnisse vor dem Hintergrund nationalstaatlicher vs. transnationaler Handlungslogiken.
Schlüsselwörter
Hochqualifiziertenmigration, Indien, Diaspora-Option, Brain Gain, Brain Drain, staatliche Interessen, Transnationale Netzwerke, Humankapital, Migrationspolitik, Wissensökonomie, Rückwanderung, Forschungsfrage, Qualitative Inhaltsanalyse, Entwicklungspolitik, Arbeitsmigration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, welche Interessen die indische Regierung und ihre Ministerien an der Auswanderung ihrer hochqualifizierten Bürger haben und warum sie dabei eher auf Kooperation statt auf Restriktion setzen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die Migrationsforschung, die Konzepte der Diaspora- und Wissensnetzwerke sowie die politische Steuerung von Migrationsbewegungen durch Sendeländer.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, welche spezifischen Interessen Indien an den migratorischen Bewegungen hochqualifizierter InderInnen verfolgt und wie diese politisch instrumentalisiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine qualitative Inhaltsinterpretation, die sich an der Methodik der Grounded Theory orientiert, um staatliche Publikationen und politische Reden auszuwerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie Indien durch verschiedene Kanäle – rhetorische, kulturelle, monetäre und bildungspolitische – versucht, aus der Abwanderung seiner Talente einen ökonomischen und technologischen Mehrwert zu generieren.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Brain Gain, Diaspora-Option, Humankapital, transnationale Netzwerke und indische Migrationspolitik definiert.
Wie unterscheidet sich der nationalistische vom internationalistischen Ansatz?
Der nationalistische Ansatz betrachtet Abwanderung primär als Verlust (Brain Drain) und fordert Restriktionen, während der internationalistische Ansatz auf Kooperation und "Win-Win-Situationen" (z.B. Rücküberweisungen, Wissenstransfer) setzt.
Warum wird Indien als Fallbeispiel für einen "Brain Gain" gesehen?
Indien sieht in seiner im Ausland lebenden Diaspora eine "Brain Bank" und versucht, deren Expertise für die eigene Entwicklung nutzbar zu machen, statt die Abwanderung physisch zu verhindern.
Welche negativen Nebeneffekte werden in der Arbeit reflektiert?
Die Arbeit thematisiert kritisch, dass die forcierte Ausrichtung auf technische und wirtschaftliche Ausbildung einen Lehrermangel im eigenen Land verschärfen kann.
Welche Rolle spielen "rhetorische Kanäle"?
Rhetorische Kanäle werden von der indischen Regierung genutzt, um Nationalstolz zu fördern, Erfolgsgeschichten zu präsentieren und die Diaspora dazu zu motivieren, in die Entwicklung Indiens zu investieren.
- Quote paper
- Birgit Winkler (Author), 2012, Migration von hochqualifizierten InderInnen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/282993