In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, das als sehr schwer lesbar geltende vierte Kapitel aus Hegels Phänomenologie des Geistes (kurz: PdG), genauer die Passagen zur Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit des Selbstbewusstseins, speziell und explizit entlang der Begriffe von Herrschaft und Knechtschaft, mithilfe zweier Lesarten zu erschließen. Freilich kann der Originaltext Hegels hier nicht im Detail interpretiert werden, auch wenn die Absicht dazu (im Sinne einer Kritik der zu vergleichenden Lesarten) zunächst angedacht war, würde dieser Ansatz den Rahmen der Arbeit um ein vielfaches übersteigen. Darum wird eine Betrachtung der Problematik von Herrschaft und Knechtschaft überwiegend durch die zu verwendenden Sekundärtexte erfolgen, wobei der Primärtext (die PdG; speziell das oben genannte Kapitel) vorausgesetzt und an Schlüsselstellen auch entsprechend eingearbeitet wird.
Die beiden Lesarten, die vorzustellen das primäre Ziel dieser Arbeit ist, stehen in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander. Es handelt sich bei den beiden Deutungen/ Lesarten zum einen um eine „intersubjektive“ und zum anderen um eine „intrasubjektive“ Perspektive auf das Verhältnis von Herr (bzw. Herrschaft) und Knecht (bzw. Knechtschaft). Das heißt, dass der Kampf um Anerkennung respektive das Verhältnis der beiden näher zu bestimmenden Größen von Herr und Knecht, den Hegel beschreibt, als Kampf verschiedener Subjekte mit- und gegeneinander (intersubjektive Lesart/ Perspektive) oder als Kampf innerhalb eines Subjektes bzw. einer Person (intrasubjektive Lesart/ Perspektive) gedeutet wird.
Die beiden Perspektiven werden hier exemplarisch vertreten bzw. im Sinne dieser Arbeit vergleichend zunächst gegeneinander positioniert; von Axel Honneth mit seinem Werk Kampf um Anerkennung1 und Pirmin Stekeler-Weithofer mit seinem Werk Philosophie des Selbstbewusstseins2. Ziel dieser Gegenüberstellung ist die Herausarbeitung der systematischen Differenzen beider Ansätze und die Bewertung/ Beurteilung des eventuell auffindbaren (zu explizierenden) philosophischen Gewinns bzw. Verlusts, welcher durch die jeweilige perspektivische Verkürzung oder Erweiterung zu erwarten ist. Wobei zu erwähnen bleibt, dass auch andere Philosophen (gerade für den Fall der intersubjektiven Deutung/ Lesart) für diese Zwecke hätten herangezogen werden können – hier wurde eine repräsentative, zumindest aber eine für die Zwecke dieser Arbeit dienliche Auswahl getroffen. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Das Verhältnis von Herr und Knecht aus intersubjektiver Perspektive
1.1. Der Kampf um Anerkennung bei Axel Honneth
1.2. Das intersubjektive Verhältnis von Herr und Knecht
2. Das Verhältnis von Herr und Knecht aus intrasubjektiver Perspektive
2.1. Philosophie des Selbstbewusstseins von Pirmin Stekeler-Weithofer
2.2. Das intrasubjektive Verhältnis von Herr und Knecht
3. Kritik beider Lesarten und Versuch einer Synthese
Zusammenfassung und Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das vierte Kapitel von Hegels "Phänomenologie des Geistes" zur Herrschaft und Knechtschaft, indem sie zwei konträre Deutungsmuster – eine intersubjektive und eine intrasubjektive Perspektive – einander gegenüberstellt, um deren systematische Differenzen herauszuarbeiten und eine mögliche Synthese zu prüfen.
- Analyse der Anerkennungstheorie bei Axel Honneth als intersubjektive Lesart.
- Untersuchung von Pirmin Stekeler-Weithofers intrasubjektiver Deutung als Selbstverhältnis.
- Kritische Gegenüberstellung der beiden Interpretationsansätze im Kontext des Originaltextes.
- Diskussion des Verhältnisses von Bewusstsein, Selbstbewusstsein und Leiblichkeit.
- Versuch einer vermittelnden Synthese der beiden philosophischen Perspektiven.
Auszug aus dem Buch
2.2. Das intrasubjektive Verhältnis von Herr und Knecht
Im Folgenden wird der Ansatz von Pirmin Stekeler-Weithofer skizziert und das Verhältnis von Herr (Herrschaft) und Knecht (Knechtschaft) als die Herrschaft des Selbstbewusstseins und die Knechtschaft des Leibes dargestellt. Dabei werden die Rückgriffe auf die Tradition (Platon, Aristoteles, Kant) zwar genannt, aber lediglich der systematisch-theoretischen Abgrenzung zu Axel Honneths Ansatz wird im Detail und im Sinne dieser Arbeit nachgegangen.
Zunächst weist Stekeler darauf hin, dass die selbstbezügliche Rede auf bestimmte Weisen problematisch sein bzw. als paradox empfunden werden kann. Platons Rede von einer/meiner Seele und auch Kants Unterscheidung zwischen mir als einem geistigen und einem leiblichen Wesen soll nicht rein schematisch verstanden werden, denn ein korrektes Verständnis und Sprechen von diesen Verhältnissen setzt Urteilskraft, welche durch Erfahrungen in der jeweiligen Sache entsteht und anwächst, sowie Sprecher- bzw. Sprachkompetenz als Teilnehmer an einer Sprachpraxis (und an anderen sprachlich vermittelten Praxen) voraus. Stekeler konstatiert, dass es Kant letztendlich um eine Aufhebung des cartesianischen Dualismus von einer unmittelbaren res cogitans (denkende Substanz) und einer vermittelten res extensia (ausgedehnte Substanz) geht, welche aus Descartes reflexionslogischen Betrachtungen aus der Subjektperspektive hervorgehen, wobei der eigene Körper/Leib zur res extensia gehört.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage, die das vierte Kapitel der Phänomenologie des Geistes durch zwei unterschiedliche Lesarten (intersubjektiv vs. intrasubjektiv) erschließen möchte.
1. Das Verhältnis von Herr und Knecht aus intersubjektiver Perspektive: Darstellung des Kampfes um Anerkennung bei Axel Honneth als sozialer und politischer Konflikt zwischen verschiedenen Subjekten.
1.1. Der Kampf um Anerkennung bei Axel Honneth: Erläuterung, wie Honneth Hegels Modell als Grundlage für eine normativ gehaltvolle Gesellschaftstheorie nutzt.
1.2. Das intersubjektive Verhältnis von Herr und Knecht: Skizzierung der traditionellen Lesart als Kampf zwischen zwei Personen, die eine asymmetrische Anerkennungssituation durchlaufen.
2. Das Verhältnis von Herr und Knecht aus intrasubjektiver Perspektive: Einführung der alternativen Lesart, die Herrschaft und Knechtschaft als innere Prozesse des Selbstbewusstseins interpretiert.
2.1. Philosophie des Selbstbewusstseins von Pirmin Stekeler-Weithofer: Präsentation des Ansatzes von Stekeler-Weithofer, der Hegel stärker als Formanalytiker interpretiert.
2.2. Das intrasubjektive Verhältnis von Herr und Knecht: Detaillierte Ausarbeitung, wie der Kampf als Herrschaft des Geistes über den Leib verstanden werden kann.
3. Kritik beider Lesarten und Versuch einer Synthese: Kritische Reflexion der methodischen Unterschiede und Ausblick auf eine mögliche Zusammenführung beider Deutungen.
Zusammenfassung und Schluss: Fazit der Arbeit mit dem Ergebnis, dass keine Entscheidung zwischen den Lesarten notwendig ist, da beide wertvolle Aspekte zur Erhellung von Hegels Text beitragen.
Schlüsselwörter
Hegel, Phänomenologie des Geistes, Herr und Knecht, Anerkennung, Intersubjektivität, Intrasubjektivität, Selbstbewusstsein, Axel Honneth, Pirmin Stekeler-Weithofer, Geistseele, Leibseele, Dialektik, Selbstverhältnis, Subjekt, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das vierte Kapitel von Hegels "Phänomenologie des Geistes" und untersucht, wie die Begriffe Herrschaft und Knechtschaft interpretiert werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Verhältnis zwischen Herr und Knecht, die Anerkennungstheorie sowie die Frage, ob diese Begriffe intersubjektiv (zwischen Personen) oder intrasubjektiv (innerhalb einer Person) zu deuten sind.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Gegenüberstellung der Interpretationen von Axel Honneth und Pirmin Stekeler-Weithofer, um deren Unterschiede aufzuzeigen und eine mögliche Synthese zu skizzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturanalyse, die zentrale Sekundärtexte heranzieht und diese kritisch auf Hegels Primärtext bezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die intersubjektive Lesart (Honneth) und anschließend die intrasubjektive Lesart (Stekeler-Weithofer) detailliert dargestellt und kritisch verglichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Hegels Phänomenologie, Kampf um Anerkennung, Selbstbewusstsein und die Dichotomie von Herr und Knecht charakterisiert.
Warum wird Stekeler-Weithofers Lesart als "intrasubjektiv" bezeichnet?
Weil Stekeler-Weithofer Herr und Knecht nicht als zwei verschiedene Menschen sieht, sondern als ein Gleichnis für das Spannungsverhältnis zwischen Geist (Vernunft) und Leib (Neigungen) innerhalb einer Person.
Welche Rolle spielt Axel Honneth in dieser Arbeit?
Honneth vertritt die "traditionelle" intersubjektive Perspektive, die Hegel als Basis für eine Theorie sozialer Konflikte und zwischenmenschlicher Anerkennungsverhältnisse begreift.
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- Ronny Daniel Kupfer (Author), 2014, Das Verhältnis von Herr und Knecht in Hegels Phänomenologie des Geistes aus inter- bzw. intrasubjektiver Perspektive, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/281801