Ethikkodizes sind in der heutigen Sozialforschung nicht mehr wegzudenken. Allein die American Sociological Association (ASA) hat mit ihrem ‚Code of Ethics‘ großen Einfluss auf die moderne experimentelle Forschung. Darin heißt es unter anderem: “Sociologists do not use deceptive techniques (1) unless their use will not be harmful to research participants” und weiter “Sociologists never deceive research participants about significant aspects of the research that would affect their willingness to participate, such as physical risks, discomfort, or unpleasant emotional experiences“(ASA, Code of Ethics). Doch werden in modernen, neuen Experimenten diese Codes tatsächlich eingehalten und wenn ja, führt dies zu einem Verlust und einer zu großen Einschränkung der potentiellen wissenschaftlichen Erkenntnis?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und historische Einordnung des Milgram-Experiments
2. Ethische Kodizes in der modernen Sozialforschung
3. Täuschung als Forschungsmethode und ihr Spannungsfeld
4. Die Replikation von Experimenten unter ethischen Standards
5. Fazit zur Vereinbarkeit von Forschungsethik und wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der notwendigen Anwendung von Täuschung in der experimentellen Sozialforschung und der Einhaltung ethischer Standards zum Schutz der Probanden. Dabei wird analysiert, ob moderne Ethikkodizes wissenschaftliche Erkenntnisse einschränken oder ob ethisch vertretbare Forschungsmethoden weiterhin valide Ergebnisse liefern können.
- Historische Betrachtung des Milgram-Experiments
- Analyse der Richtlinien der American Sociological Association (ASA)
- Die Rolle der Täuschung in nicht-reaktiven Experimenten
- Vergleich zwischen klassischer und ethisch korrigierter Forschung
- Validität wissenschaftlicher Ergebnisse unter Berücksichtigung des Probandenschutzes
Auszug aus dem Buch
Forschungsethik in der modernen experimentellen Sozialforschung
„Wir bezahlen 500 Männer aus New Haven, die uns bei der Erstellung einer wissenschaftlichen Untersuchung über Gedächtnisleistung und Lernvermögen helfen“ (Scheider 2004, S.163). So lautete die Ausschreibung für ein in Wirklichkeit sozialwissenschaftliches Experiment von Stanley Milgram 1961, das später zu einem der umstrittensten Experimente der Sozialwissenschaften werden sollte. Unter der Ankündigung, es ginge darum die Auswirkungen von Strafen auf den Lernerfolg zu messen, brachte Milgram die Probanden dazu, schmerzhafte Stromstöße auf vermeintliche Versuchsteilnehmer auszuüben. Tatsächlich aber handelte es sich um ein Experiment um herauszufinden, wie weit die Probanden bereit waren auch dann noch den Anweisungen des Versuchsleiters zu gehorchen, wenn ihr Gegenüber offensichtlich starke Schmerzen empfand.
Was die Teilnehmer nicht wussten: Bei den anderen Versuchsteilnehmern handelte es sich um eingeweihte Schauspieler, die nicht wirklich Stromstöße bekamen, sondern diese lediglich simulierten. Obwohl Milgrams Experiment große Berühmtheit erlangt hat und Aufschluss über menschliches Verhalten gibt, ist es höchst umstritten und darf in dieser Form auch nicht mehr durchgeführt werden. „Die Aufregung um Milgrams Versuch hatte zur Folge, dass an allen Universitäten ethische Richtlinien über die Zulassung von Experimenten aufgestellt wurden“ (Schneider 2004, S.170).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und historische Einordnung des Milgram-Experiments: Dieses Kapitel thematisiert die Anfänge der Debatte um Forschungsethik anhand des bekannten Milgram-Experiments und dessen Folgen für die Wissenschaft.
2. Ethische Kodizes in der modernen Sozialforschung: Hier wird der Einfluss von Ethikkodizes, insbesondere der American Sociological Association (ASA), auf die heutige experimentelle Forschung beleuchtet.
3. Täuschung als Forschungsmethode und ihr Spannungsfeld: Der Abschnitt diskutiert die Notwendigkeit von Täuschungen in der Sozialforschung zur Erzielung realitätsnaher Daten sowie die damit verbundenen Reputationsrisiken für Forscher.
4. Die Replikation von Experimenten unter ethischen Standards: Dieses Kapitel stellt das Experiment von Jerry M. Burger vor, das zeigt, wie klassische Versuche unter Einhaltung strenger ethischer Auflagen wiederholt werden können.
5. Fazit zur Vereinbarkeit von Forschungsethik und wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn: Das abschließende Kapitel resümiert, dass ethische Einschränkungen eine fortschrittliche Weiterentwicklung darstellen, ohne den wissenschaftlichen Wert zu schmälern.
Schlüsselwörter
Forschungsethik, Sozialforschung, Milgram-Experiment, Ethikkodex, Täuschung, Probandenschutz, American Sociological Association, Jerry M. Burger, experimentelle Psychologie, wissenschaftliche Integrität, Versuchsleiter, Replikation, Gehorsam
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit befasst sich mit der ethischen Dimension experimenteller Sozialforschung und der Frage, wie man Probanden schützt, ohne die wissenschaftliche Aussagekraft zu gefährden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen historische Experimente, ethische Richtlinien für Sozialwissenschaftler und die methodische Bedeutung von Täuschung in Experimenten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu analysieren, ob moderne Ethikkodizes die Forschung einschränken oder ob sie eine notwendige Weiterentwicklung für die wissenschaftliche Praxis darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Es handelt sich um eine essayistische Auseinandersetzung mit wissenschaftshistorischen Fällen und bestehenden ethischen Regularien, ergänzt durch einen Vergleich mit aktuellen Replikationsstudien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert untersucht?
Der Hauptteil widmet sich der Praxis der Täuschung, den Regelungen der American Sociological Association und konkreten Beispielen wie dem Milgram-Experiment und dessen Replikation durch Jerry M. Burger.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Schlüsselbegriffe sind Forschungsethik, Täuschung, Milgram-Experiment, ASA-Kodex und Probandenschutz.
Inwiefern hat das Milgram-Experiment die Forschungsethik verändert?
Es führte dazu, dass weltweit an Universitäten verbindliche ethische Richtlinien für die Zulassung von Experimenten eingeführt wurden.
Wie unterscheidet sich Burgers Replikation von Milgrams ursprünglichem Versuch?
Burger implementierte ein zweistufiges Screening-Verfahren, informierte Teilnehmer mehrfach über ihr Rücktrittsrecht und ließ das Experiment durch einen klinischen Psychologen überwachen, der bei Stressanzeichen zum Abbruch verpflichtet war.
Darf in der modernen Sozialforschung noch getäuscht werden?
Ja, Täuschung ist unter bestimmten Umständen weiterhin ein zulässiges Mittel, sofern sie begründet ist und keine unzumutbaren psychischen oder physischen Belastungen für die Teilnehmer entstehen.
- Quote paper
- Judith Kronschnabl (Author), 2014, Forschungsethik in der modernen experimentellen Sozialforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/281119