In gewisser Weise erlebt Wilhelm von Humboldt eine Renaissance. So berufen sich unter anderem Kritiker des Bologna Prozesses auf seinen Bildungsbegriff, um sich von einer in ihren Augen zu berufsorientierten universitären Lehre abzugrenzen und möchten das Humboldtsche Ideal der Allgemeinbildung neu beleben.
Gleichzeitig kritisieren systemisch-konstruktivistisch orientierte Ermöglichungsdidaktiker die „bildungstheoretische und bildungspraktische Distanz gegenüber der beruflichen Praxis“, stellen die Frage nach der Vermittelbarkeit von Wissen und definieren neue Grundlagen für Lehr- Lernprozesse. Die Anhänger des Humboldtschen Bildungsverständnisses richten den Fokus also insofern auf die Resultate des Bildungsprozesses, während Ermöglichungsdidaktiker vermehrt den Prozess selber ins Auge fassen. Man könnte deshalb auch sagen, dass Erstere sich auf das Ziel, Letztere sich eher auf den Weg fokussieren.
Vor diesem Hintergrund will die nachfolgende Arbeit die beiden Ansätze näher beleuchten und anhand der Fachliteratur zum Thema eine vergleichende Betrachtung anstellen. Damit sollen also Leitgedanken der Bildungstheorie Humboldts und zentrale Aspekte der Ermöglichungsdidaktik und ihr Bildungsbegriff gegenübergestellt werden. Besonders interessant scheint m.E., welche bildungstheoretischen Implikationen beide Ansätze haben: Welche Auffassung zur Frage der Vermittelbarkeit von Bildung wird vertreten? Finden sich Differenzen Und schließlich: wo könnte es eventuell Schnittmengen geben?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Bildungstheorie von Wilhelm von Humboldt
Zentrale Gedanken, Kernbegriffe
2.1.1. Grundzüge der Bildungstheorie von Wilhelm von Humboldt
2.1.2. Zu Humboldts Bildungsbegriff
3. Zur Ermöglichungsdidaktik
3.1.1. Zentrale Aspekte der Ermöglichungsdidaktik
3.1.2. Zum Bildungsbegriff der Ermöglichungsdidaktik
3.2. Vergleich der Ansätze unter Berücksichtigung der bildungstheoretischen Implikationen
3.2.1. Der Begriff der Bildung: Identitäten und Differenzen
3.2.2. „Autonomie“ und „Selbstorganisation“: Schnittmengen und Gegensätze
3.2.3. Wissen erzeugen oder ermöglichen? Zur Vermittelbarkeit von Bildung
4. Schnittstellen, Gegensätze, Möglichkeiten: Ein Fazit
Zielsetzung und Thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die bildungstheoretischen Implikationen der klassischen Theorie nach Wilhelm von Humboldt kritisch mit den modernen Ansätzen der Ermöglichungsdidaktik zu vergleichen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern beide Ansätze trotz unterschiedlicher theoretischer Fundierung Schnittmengen hinsichtlich der Autonomie des Lernenden und der Vermittelbarkeit von Wissen aufweisen und wo sich konzeptionelle Differenzen ergeben.
- Vergleich zwischen neuhumanistischem Bildungsideal und systemisch-konstruktivistischer Ermöglichungsdidaktik.
- Analyse der Begriffe "Autonomie" und "Selbstorganisation" im Bildungsprozess.
- Untersuchung des Bildungsbegriffs und der Rolle des lernenden Individuums.
- Reflexion über die Vermittelbarkeit von Wissen und die Gestaltung von Lernarrangements.
- Identifikation von Schnittstellen und Gegensätzen in der pädagogischen Praxis.
Auszug aus dem Buch
2.1. Grundzüge der Bildungstheorie Wilhelm von Humboldts
„Der wahre Zweck des Menschen – nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welcher die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt – ist die höchste und proportionirlichste (sic!) Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste, und unerlässliche Bedingung. Allein ausser (sic!) der Freiheit erfordert die Entwicklung der menschlichen Kräfte noch etwas anderes, obgleich mit der Freiheit eng verbundenes, Mannigfaltigkeit der Situationen“ (Humboldt, 1792, Bd. I, S. 64).
In diesem Zitat wird deutlich, was für Humboldt den Menschen ausmacht: Er bildet sich selbst durch Kräfte und Vernunft zu „einem Ganzen“, in neuerer Lesart: zu einem autonomen Individuum. Dies kann allerdings nur dann geschehen, wenn er sich frei und an unterschiedlichen Gegenständen betätigen kann.2 Diese Position bezog Humboldt im Rahmen seiner „Ideen zu einem Versuch, die Gränzen (sic!) der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (Humboldt, 1792, Bd. I, S. 56-232), ein Jahr später ging er daran, eine komplette „Theorie der Bildung des Menschen“ (Humboldt 1793, Bd. I, S. 234-240) zu verfassen, denn, wie er an seinen Freund Christian Gottfried Körner schrieb:
„Von der Theorie der Bildung des Menschen existirt (sic!) höchstens eine Theorie der Erziehung und Gesetzgebung, […] keine (was doch das wichtigste von allen wäre) der Bildung durch Leben und Umgang, endlich, was das schlimmste ist […] keine der allgemeinen Grundsätze, von denen Erziehung und Gesetzgebung selbst nur einzelne Anwendungen aus der Hand giebt (sic!)“ (Humboldt 1793, Bd. V, S. 173).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Renaissance Humboldts im Kontext aktueller Bildungskritik und stellt diese dem konstruktivistischen Ansatz der Ermöglichungsdidaktik gegenüber, um die Ausgangslage für den Vergleich zu schaffen.
2. Zur Bildungstheorie von Wilhelm von Humboldt: Dieses Kapitel erläutert die Grundzüge Humboldtscher Bildung, insbesondere die Selbstentfaltung des Menschen durch Kräfte und Vernunft sowie die Notwendigkeit zweckfreier, aber zielgerichteter Bildung.
3. Zur Ermöglichungsdidaktik: Hier werden die systemisch-konstruktivistischen Grundlagen der Ermöglichungsdidaktik erörtert, wobei der Fokus auf der Autopoiesis des Lernsystems und der didaktischen Kopplung liegt.
4. Schnittstellen, Gegensätze, Möglichkeiten: Ein Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen, indem es die Gemeinsamkeiten des autonomen Lernens betont und die Unterschiede in der Lernmotivation sowie der Gewichtung von Bildungsinhalten herausarbeitet.
Schlüsselwörter
Wilhelm von Humboldt, Ermöglichungsdidaktik, Bildungstheorie, Konstruktivismus, Autonomie, Selbstorganisation, Wissensvermittlung, Neuhumanismus, Autopoiesis, Lernprozess, Selbstentfaltung, Bildungsinhalte, Didaktische Kopplung, Subjektorientierung, Allgemeinbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die bildungstheoretischen Ansätze von Wilhelm von Humboldt im Vergleich mit der modernen Ermöglichungsdidaktik, um Gemeinsamkeiten und konzeptionelle Unterschiede aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen den neuhumanistischen Bildungsbegriff, die systemisch-konstruktivistische Didaktik, die Rolle der Autonomie des Lernenden sowie die Bedingungen für erfolgreiche Lernprozesse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine vergleichende Betrachtung, die herausarbeitet, wie beide Ansätze das Individuum im Lernprozess positionieren und ob sie sich methodisch annähern lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine fachliteraturbasierte, vergleichende Analyse, die theoretische Konzepte Humboldts mit aktuellen pädagogischen Diskursen der Ermöglichungsdidaktik in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung beider Theorieansätze und einen strukturierten Vergleich, der Begriffe wie Selbstorganisation und das Verständnis von Wissen und Bildung thematisiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Humboldt, Ermöglichungsdidaktik, Autonomie, Konstruktivismus, Bildungsprozess und Selbstorganisation.
Wie unterscheidet sich Humboldts Verständnis von dem der Ermöglichungsdidaktik in Bezug auf Bildungsinhalte?
Während Humboldt die Auseinandersetzung mit klassischen Bildungsinhalten zur zweckfreien Selbstentfaltung priorisiert, bewertet die Ermöglichungsdidaktik Lerninhalte als Mittel zum Zweck der strukturellen Kopplung und sieht Allgemeinbildung sowie Berufsbildung als prinzipiell gleichwertig an.
Was bedeutet der Begriff "didaktische Kopplung" im Kontext der Arbeit?
Die didaktische Kopplung bezeichnet in der Ermöglichungsdidaktik die Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden, bei der keine direkte Belehrung stattfindet, sondern der Lernende durch "Perturbationen" oder Anstöße zur eigenständigen Wissenskonstruktion angeregt wird.
- Arbeit zitieren
- Gesine Hungerland (Autor:in), 2012, Bildungstheoretische Implikationen bei Wilhelm von Humboldt und der Ermöglichungsdidaktik, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/280263