„Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nû wunder hœren sagen.“
Diese Strophe leitet das bedeutendste Heldenepos und zeitgleich wohl namhafteste Werk der mittelalterlichen Geschichte ein, das Nibelungenlied. Das am Anfang des 13. Jahrhunderts von einem unbekannten Autor verfasste Werk schlug auch noch viele Jahrhunderte später große Wellen und gliedert sich inhaltlich in zwei Teile. Im ersten Teil wirbt Siegfried, Sohn König Siegmunds, zunächst erfolglos um Kriemhild, die Burgundenprinzessin. Es kommt zu einem Abkommen zwischen ihm und Gunther, Kriemhilds Bruder und dem ältesten der burgundischen Könige, das besagt, dass Siegfried mehrere Aufgaben zu bestehen hat, um Kriemhild zur Frau nehmen zu können. Nach erfolgreichem Bestehen vermählt er sich schließlich mit ihr und wird anschließend von Hagen von Tronje, ein Vasall Gunthers, hinterlistig getötet. Der zweite Teil behandelt die Tat Kriemhilds, ihren Mann zu rächen, indem sie sich zunächst mit dem Hunnenkönig Etzel vermählt und die Burgunder samt Hagen zu ihrer Hochzeit einlädt. In einem blutigen Kampf zwischen den Burgundern und Hunnen gelingt Kriemhild zwar erfolgreich die Rache, wird am Ende dieses Heldenepos jedoch selbst getötet, wodurch das Nibelungenlied schließlich mit dem Untergang der burgundischen Herrschaft endet. Im Fokus dieser deutschen Heldendichtung stehen unter anderem die Eigenschaften und Taten des Drachentöters Siegfried. Als „Muster des neuen adligen Menschenbildes“ wird er als Idealbild eines Helden dargestellt. Mit adligen Wurzeln wird er überdies als besonders tapfer und stark, anmutig und gebildet geschildert. Neben Treue und Furchtlosigkeit lassen sich im Nibelungenlied weitere Werte wie Militarismus, Tapferkeit und Nationalismus wieder finden. Seitdem die Handschriften des Nibelungenlieds im Jahre 1755 von Jacob Hermann Obereit wiederentdeckt wurden, blitzten die damit in Verbindung gebrachten Werte immer wieder in der deutschen Geschichte auf, sodass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Hauptwerk der deutschen Nationalliteratur“ zu verstehen war.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Hauptteil
1 Die Vorgeschichte des Nibelungenliedes von 1755 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
2 Die Bedeutung des Nibelungenlieds im Ersten Weltkrieg
a) Der Begriff der „triuwe“
b) Der Begriff der „Nibelungentreue“ und weitere ideologische Berufungen im Ersten Weltkrieg
3 Die Berufung auf das Nibelungenlied in der Zeit des Nationalsozialismus
a) Die politische Berufung
b) Die Berufung in Lyrik und Literatur
c) Die Berufung im Schulwesen
4 Die Verwendung des Nibelungenlieds nach dem Ende des Dritten Reiches
III Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Rezeption und ideologische Instrumentalisierung des Nibelungenlieds, insbesondere durch das nationalsozialistische Regime. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie das Epos und seine zentralen Figuren, Siegfried und Hagen, für propagandistische Zwecke sowie zur Konstruktion eines heldenhaften, arischen Selbstbildes missbraucht wurden.
- Wiederentdeckung und frühe Rezeption des Nibelungenlieds seit 1755
- Semantischer Wandel des Treuebegriffs zur „Nibelungentreue“ im Ersten Weltkrieg
- Ideologische Indienstnahme in Politik, Literatur und Lyrik während des Nationalsozialismus
- Pädagogische Instrumentalisierung im nationalsozialistischen Schulwesen
- Transformation und Befreiung des Epos von NS-Deutungen nach 1945
Auszug aus dem Buch
Die Berufung auf das Nibelungenlied in der Zeit des Nationalsozialismus
Zur Zeit des Nationalsozialismus spielten die Begrifflichkeiten „Nibelungentreue“ und „Dolchstoßlegende“ eine zentrale Rolle für die Dogmen und Propaganda des Dritten Reichs. Hierbei berief sich die Regierung also auf die bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts bestehenden Grundlagen und Sichtweisen der Nibelungenlied-Interpretation. Die wohl berühmteste Indienstnahme des „Nibelungentreue“-Begriffs ist auf den Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe und Reichsmarschall Hermann Göring zurückzuführen. Am 30. Januar 1943 appellierte dieser im Berliner Sportpalast an das Durchhaltevermögen, Pflichttreue und die Opferbereitschaft der Wehrmachtsangehörigen mit folgenden Worten:
"Aus all diesen gigantischen Kämpfen ragt nun gleich einem Monument der Kampf um Stalingrad heraus. Es wird der größte Heroenkampf gewesen sein, der sich in unserer Geschichte abgespielt hat. Wir kennen ein gewaltiges heroisches Lied, von einem Kampf ohnegleichen, es heißt 'Kampf der Nibelungen'. Auch sie standen in einer Halle voll Feuer und Brand, löschten den Durst mit dem eigenen Blut, aber sie kämpften und kämpften bis zum letzten. Ein solcher Kampf tobt heute dort, und noch in tausend Jahren wird jeder Deutsche mit heiligem Schauer von diesem Kampf in Ehrfurcht sprechen und sich erinnern, daß da Deutschland letztenendes den Stempel gesetzt hat, denn ein Volk, das so kämpfen kann, muss siegen!"
Zu dieser Zeit war der Untergang Deutschlands mit der Schlacht bei Stalingrad besiegelt. Dennoch verglich Göring hier die deutschen Soldaten, die aussichtslos in Stalingrad eingekesselt waren, mit den Helden des Nibelungenlieds, mit dem Kampf der Burgunder in der brennenden Halle in Hunnenkönig Etzels Burg. Mit Hilfe dieses Appells versuchte Göring der aussichtslosen Niederlage Deutschlands etwas Positives abzugewinnen, den heldenhaften Tod für Deutschland, für das Vaterland zu verherrlichen und beschwor damit althistorische Kriegerideale.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Diese Einleitung führt in das Heldenepos ein, skizziert dessen Bedeutung für die deutsche Literaturgeschichte und erläutert die Forschungsfrage hinsichtlich der nationalsozialistischen Indienstnahme.
II Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die historische Rezeptionsgeschichte von der Wiederentdeckung 1755 bis hin zur massiven ideologischen Vereinnahmung im Nationalsozialismus in den Bereichen Politik, Literatur und Bildung.
1 Die Vorgeschichte des Nibelungenliedes von 1755 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Dieses Kapitel beschreibt die Wiederentdeckung der Handschriften und die Etablierung des Werkes als bedeutendes Nationalepos im Schulunterricht und in der nationalen Identitätsbildung des 19. Jahrhunderts.
2 Die Bedeutung des Nibelungenlieds im Ersten Weltkrieg: Das Kapitel untersucht die Entwicklung des mittelalterlichen Begriffs der „triuwe“ zur „Nibelungentreue“, die als politisches Schlagwort zur moralischen Unterstützung des Bündnisses mit Österreich-Ungarn genutzt wurde.
3 Die Berufung auf das Nibelungenlied in der Zeit des Nationalsozialismus: Hier wird dargelegt, wie die NS-Propaganda die Nibelungentreue und die Dolchstoßlegende instrumentalisiert hat, um Opferbereitschaft zu erzwingen und historische Ereignisse wie Stalingrad im Kontext des Epos zu glorifizieren.
4 Die Verwendung des Nibelungenlieds nach dem Ende des Dritten Reiches: Das Kapitel thematisiert die allmähliche Ablösung des Epos von der ideologischen Belastung der NS-Zeit und die neuen, wissenschaftlich und literarisch vielfältigen Interpretationsansätze der Nachkriegszeit.
III Fazit: Das Fazit fasst die Willkür der nationalsozialistischen Instrumentalisierung zusammen und konstatiert, dass das Nibelungenlied als literarisches Denkmal heute mit den Schatten der Vergangenheit betrachtet werden muss.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Nationalsozialismus, Nibelungentreue, Dolchstoßlegende, Propaganda, Rezeptionsgeschichte, Siegfried, Hagen von Tronje, Ideologie, Kriegerideale, deutsche Literatur, Indienstnahme, Heldendichtung, Nationalepos, Erziehungswissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Rezeptionsgeschichte des Nibelungenlieds und analysiert, wie das Werk im Laufe der deutschen Geschichte, insbesondere durch die Nationalsozialisten, für ideologische und propagandistische Zwecke instrumentalisiert wurde.
Welche thematischen Schwerpunkte werden in der Arbeit behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Entdeckung der Nibelungenhandschriften im 18. Jahrhundert, die Umdeutung der „triuwe“ zur „Nibelungentreue“ in den Weltkriegen sowie die Verwendung des Heldenepos in der politischen Propaganda, der Literatur und im nationalsozialistischen Schulwesen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie politisch agierende Kräfte das Epos durch selektive Interpretation und Umdeutung der Charaktere Siegfried und Hagen für ihre Ziele missbraucht und als Instrument der nationalen Identitätsstiftung sowie zur Kriegspropaganda eingesetzt haben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literatur- und Diskursanalyse, bei der historische Primärquellen, zeitgenössische Gedichte und pädagogische Lehrpläne aus der Zeit des Nationalsozialismus kritisch untersucht und in ihrem historischen Kontext bewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Rezeption vor dem 20. Jahrhundert, eine Analyse der Instrumentalisierung während der beiden Weltkriege sowie eine Untersuchung der ideologischen Vereinnahmung im Schulwesen und in der Literatur des Dritten Reiches.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Nibelungentreue, Dolchstoßlegende, ideologischer Missbrauch, nationale Identität und die Instrumentalisierung der literarischen Helden Siegfried und Hagen.
Wie verändert sich die Darstellung von Hagen von Tronje im Verlauf der ideologischen Vereinnahmung?
Hagen wird paradoxerweise sowohl als Verräter und Mörder (im Kontext der Dolchstoßlegende) als auch als idealer Prototyp unbedingter, loyaler Nibelungentreue zum Lehnsherrn stilisiert, je nachdem, welcher propagandistische Zweck gerade im Vordergrund stand.
Welche Rolle spielt das Nibelungenlied in der nationalsozialistischen Erziehung?
Es wurde als "unvergängliche Dichtung" und als Vorbild für urdeutsche Tugenden wie Treue, Tapferkeit und absolute Opferbereitschaft in den Kanon der Schulen aufgenommen, wobei die tragische Katastrophe des Epos bewusst ausgeblendet wurde.
Inwiefern hat sich die Wahrnehmung des Nibelungenlieds nach 1945 gewandelt?
Nach dem Zweiten Weltkrieg distanzierte sich die Forschung von der Vorstellung eines ideologisch aufgeladenen Nationalepos. Der Fokus verschob sich hin zu historisch-kritischen, sozialen und sprachlichen Analysen, um das Werk von den vorangegangenen nationalsozialistischen Verzerrungen zu befreien.
Welches Fazit zieht der Autor bezüglich des aktuellen Umgangs mit dem Epos?
Das Fazit betont, dass das Nibelungenlied zwar ein bedeutendes literarisches Werk ist, aber aufgrund seiner Geschichte als NS-Propagandainstrument heute als ein mahnendes Zeichen ("Menetekel") verstanden werden muss, das eine unbefangene Rezeption erschwert.
- Arbeit zitieren
- Marcel Rapp (Autor:in), 2013, Das Nibelungenlied. Missbrauch für Ideologie und Propaganda der Nationalsozialisten, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/279405