Wie "El amante liberal", "La gitanilla" oder "La ilustre fregona", so gehört auch "La española inglesa" zu denjenigen unter den Novelas ejemplares, in denen von ihrem Autor Miguel de Cervantes zwei alternative Welten einander gegenübergestellt werden. Genauer gesagt haben wir es in "La española inglesa" mit zwei verschiedenen Kulturen zu tun (vgl. Güntert, S. 147), nämlich zum einen mit der englischen und zum anderen mit der spanischen Kultur, und zwar während der Regierungszeit der englischen Königin Elisabeth I.. Die Unterschiede zwischen beiden Kulturen manifestieren sich in einem Nationalitäten- und Religionskonflikt, von dem das englisch-spanische Verhältnis zu jener Zeit geprägt war.
Das Ziel dieser Hausarbeit ist es zu untersuchen, wie sich vor dem Hintergrund dieses Spannungsfeldes der beiden Kulturen die Identitätskonstitution in "La española inglesa" vollzieht. Unter ‚Identität‘ soll die „als ‚Selbst‘ erlebte innere Einheit der Person“ verstanden werden (vgl. DUDEN 5, s.v.). Gemäß dieser Definition wird es die Aufgabe dieser Hausarbeit sein zu analysieren, wie Cervantes die Identität – also das „Selbst“ – der Figuren der Novelle gestaltet. Das „wie“ bezieht sich hierbei zum einen auf die Mittel, mit denen der Autor die Identität der Figuren gestaltet und zum anderen auf das Produkt dieses Gestaltungsprozesses, das sich aus der Performativität des Textes ergibt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Identitätsbildung in der Renaissance als „Zerstörung des Anderen“: Das Modell Stephen Greenblatts
2.1 Faktoren der Identitätsbildung bei Greenblatt
2.2 Greenblatts Identitätsbildungsmodell am Beispiel von Edmund Spenser
3 Der historisch-religiöse Kontext von La española inglesa
3.1 Die Entwicklung der spanisch-englischen Beziehungen im 16. Jahrhundert
3.2 Die Situation der englischen Katholiken unter Elisabeth I.
4 Identitätsgestaltung in La española inglesa
4.1 Identitätsgestaltung Elisabeths
4.2 Identitätsgestaltung Isabelas
4.3 Identitätsgestaltung Clotaldos und Ricaredos
5 Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Identitätskonstitution der Hauptfiguren in Miguel de Cervantes' Novelle La española inglesa vor dem Hintergrund des historisch-religiösen Spannungsfeldes zwischen England und Spanien im 16. Jahrhundert. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, wie Cervantes die Identität seiner Figuren gestaltet und inwieweit er dabei das Identitätsbildungsmodell von Stephen Greenblatt oder das humanistische Weltbild des Erasmus von Rotterdam reflektiert.
- Analyse des Identitätsgestaltungsmodells von Stephen Greenblatt.
- Untersuchung des historisch-religiösen Kontextes der englisch-spanischen Beziehungen.
- Darstellung der Identitätsgestaltung zentraler Figuren (Elisabeth, Isabela, Ricaredo, Clotaldo).
- Konfrontation des Greenblatt-Modells mit Cervantes' Ansatz einer christlich-humanistischen Versöhnung.
- Diskussion der Bedeutung des christlichen Glaubens und der Toleranz für die Identitätsfindung.
Auszug aus dem Buch
4.3 Identitätsgestaltung Clotaldos und Ricaredos
Als heimlicher Katholik im elisabethanischen England symbolisiert Clotaldo einen inneren Widerspruch zwischen Loyalität gegenüber seiner Königin und seinem katholischen Glauben. Durch Clotaldos Teilnahme am Überfall der Engländer auf Cádiz (vgl. EI, S. 243) wird gleich zu Beginn der Novelle klar, daß er in diesem Loyalitätskonflikt der weltlichen, äußerlichen Autorität der Königin den Vorrang gegenüber der inneren Autorität seines Glaubens einräumt.
Ebenfalls zu Beginn der Novelle läßt uns Cervantes den Grund dafür wissen, daß Clotaldo sich für die Vasallentreue und gegen die Glaubenstreue entscheidet: Für die fiktive Figur Clotaldos ist ebenso wie für die historische Figur Edmund Spensers (vgl. Kapitel 2.2) das gesellschaftliche Ansehen wichtig, das aus der Position erwächst, die ein Mensch in der Gesellschaft innehat. Daher schöpft Clotaldo seine Identität nicht aus seinem katholischen Glauben, der ihn bei der Königin seiner Meinung nach nur in Mißgunst bringen würde, sondern aus den „muchos y revelados servicios que yo y mis pasados tenemos hechos a esta corona“ (EI, S. 250). Für sein Selbstempfinden ist entscheidend, daß er sich durch die vielen der Krone geleisteten Dienste, die er sich und seinen Vorfahren anrechnet, die Gunst und das Wohlwollen der Königin, mit denen sich hohes gesellschaftliches Prestige verbindet, erworben zu haben glaubt (vgl. ibid.). Aus diesem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Monarchin und Gefolgsmann ergibt sich, daß Clotaldo sich an erster Stelle als Untertan der Königin und erst an zweiter Stelle als Katholik versteht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, die untersucht, wie das kulturelle Spannungsfeld zwischen England und Spanien die Identitätskonstitution in Cervantes' Novelle beeinflusst.
2 Identitätsbildung in der Renaissance als „Zerstörung des Anderen“: Das Modell Stephen Greenblatts: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen nach Stephen Greenblatt vorgestellt, der Identitätsbildung als dialektischen Prozess zwischen Machtstrukturen und der Unterdrückung eines „Anderen“ definiert.
3 Der historisch-religiöse Kontext von La española inglesa: Hier wird der historische Hintergrund der englisch-spanischen Beziehungen des 16. Jahrhunderts erläutert, insbesondere die konfessionellen Konflikte zwischen Anglikanismus und Katholizismus.
4 Identitätsgestaltung in La española inglesa: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit, in dem die Identitätsgestaltung von Elisabeth, Isabela, Clotaldo und Ricaredo detailliert analysiert wird.
5 Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblick: Das Fazit stellt fest, dass die Thesen Greenblatts auf Cervantes' Novelle nur begrenzt anwendbar sind, da Cervantes eine humanistische Lösung der kulturellen Gegensätze präferiert.
Schlüsselwörter
Identitätskonstitution, Cervantes, La española inglesa, Stephen Greenblatt, Erasmus von Rotterdam, Renaissance, Christlicher Humanismus, Religiöser Konflikt, Elisabeth I., Identitätsbildung, Toleranz, Katholizismus, Anglikanismus, Literaturanalyse, Selbstfindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Cervantes in der Novelle "La española inglesa" die Identität seiner Protagonisten gestaltet, wenn diese sich im Spannungsfeld zweier unterschiedlicher kultureller und religiöser Welten befinden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind Identitätsbildung, die historische Situation zwischen England und Spanien im 16. Jahrhundert sowie die philosophischen Konzepte des christlichen Humanismus nach Erasmus von Rotterdam im Kontrast zu Greenblatts Machtmodell.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, inwiefern die Identität der literarischen Figuren durch den englisch-spanischen Konflikt determiniert wird und ob Cervantes bei der Identitätsgestaltung der eigenen Vorgabe folgt oder diese durch seine persönlichen religiösen Überzeugungen modifiziert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, die durch historische Kontextualisierung und den Vergleich mit theoretischen Modellen (Greenblatt, Erasmus) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Identitätsgestaltung von vier Hauptfiguren: der Königin Elisabeth, der Titelheldin Isabela sowie Vater und Sohn, Clotaldo und Ricaredo, und deren Umgang mit Loyalität und Glaube.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Identitätskonstitution, christlicher Humanismus, Toleranz, religiöser Konflikt und das Identitätsmodell nach Stephen Greenblatt charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die literarische Elisabeth in Cervantes' Novelle von der historischen Person?
Während die historische Elisabeth I. eine strikt anti-katholische Politik verfolgte, stellt Cervantes sie in der Novelle als tolerante Herrscherin dar, die kulturelle und religiöse Vielfalt akzeptiert und fördert.
Welche Rolle spielt der Giftanschlag der Kammerfrau für die Identitätsfindung?
Der Anschlag entstellt Isabela körperlich, was dazu führt, dass Ricaredo seine Liebe von der oberflächlichen, körperlichen Anziehung auf ihre innere, seelische Schönheit (Tugenden) transzendiert.
Wie verändert sich Ricaredos Selbstbild im Verlauf der Handlung?
Ricaredo wandelt sich von einem zunächst unsicheren, an Konventionen gebundenen jungen Mann zu einem gefestigten Charakter, der seinen Glauben über weltliche Interessen stellt und bewusst den kulturellen Wechsel nach Spanien vollzieht.
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- Marcus Krämer (Author), 1998, Identitätskonstitution im Spannungsfeld der Kulturen in Cervantes´ Novelle "La española inglesa", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/279353