„Ist das Volk unfehlbar?“
Mein Lehrer
Der große, freundliche
Ist erschossen worden, verurteilt durch ein Volksgericht.
Als ein Spion. Sein Name ist verdammt.
Seine Bücher sind vernichtet. Das Gespräch über ihn
Ist verdächtig und verstummt.
Gesetzt, er ist unschuldig?
Bertold Brecht 1937
Wer ist dieser russische Schriftsteller, über den der große Bertold Brecht derartig gefühlsbetont und ergreifend schreibt? Dessen Verurteilung und Erschießung er 1937 in seinem Gedicht Ist das Volk unfehlbar öffentlich anklagt und zugleich persönlich verarbeitet? Dieser Frage um den bei uns weitestgehend unbekannten Poeten, Journalisten, Professor, Theaterautoren, „Logbuchführer“ uvm. möchte ich in der vorliegenden Hausarbeit nachgehen. Ausgehend von einem Blick auf seine Biographie werde ich zunächst seine wichtigsten literarischen Etappen behandeln. Sein Mitwirken in der Zeitschrift Linke Front der Kunst (LEF), seine Aufenthalte in China, die schriftstellerische Arbeit in den Kolchose und schlussendlich seine Verbindung zu Deutschland.
Bezug nehmend auf das Thema des mit dieser Arbeit verbundenen Seminars werfe ich danach einen genaueren Blick auf die russische Avantgardeliteratur des beginnenden 2o. Jahrhunderts, im Speziellen die Strömung des Futurismus und die dazugehörige Gruppe der Мезонин поэзии, deren Mitglied Sergej Michailowitsch Tret’jakov war.
Im letzten Abschnitt dann möchte ich drei Werke vorstellen, die ich als exemplarisch für seine Entwicklung ansehe.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biographie
3. Literarisches Wirken
3.1 Левый фронт искусств (ЛЕФ)
3.2 China
3.3 Kolchose
3.4 Deutschland
4. Der frühe Tret’jakov
4.1 Avantgarde
4.2 Мезонин поэзии
5. Werke
5.1 Лифт
5.2 4/5 Апреля
5.3 Рычи, Китай!
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit untersucht das Leben und Schaffen des russischen Schriftstellers Sergej Tret’jakov mit einem besonderen Fokus auf seinen Politisierungsprozess und seine Rolle in der Avantgarde-Bewegung. Die Forschungsfrage widmet sich der Entwicklung vom antibürgerlichen Futuristen hin zum „operierenden“ sozialistischen Kunstarbeiter, wobei exemplarische Werke seine künstlerische Evolution verdeutlichen.
- Biographie und literarische Etappen Sergej Tret’jakovs
- Die Rolle des Futurismus und der Gruppe Мезонин поэзии
- Konzept der „Literatur des Fakts“ und „operierende Schriftstellerei“
- Einfluss von China-Aufenthalten auf die literarische Arbeit
- Internationale Vernetzung und Rezeption in Deutschland
Auszug aus dem Buch
3.1 Левый фронт искусств (ЛЕФ)
Die ЛЕФ wurde Ende des Jahres 1922 bzw. im Frühjahr des Jahres 1923 in Moskau gegründet. Unter der Leitung Wladimir Majakowskis schlossen sich Sergei Tret’jakov, N. N. Aceev, O.M. Brik, B. A. Kuschner, B.I. Arvatov und N. F. Tschuschak mit dem Ziel zusammen, einen erneuten Versuch zu unternehmen, das Kulturmodell der Futuristen durchzusetzen. D.h. das Umfassen des großen sozialen Themas mit allen Instrumenten des Futurismus. Man wollte die Kunst vom „alten Ballast“ reinigen um eine neue Kunst der Massen entstehen zu lassen, aufbauend auf den Ideen der Kommune. Quasi eine Errichtung neuen Lebens in einer neuen Gesellschaft, worin die Kunst als „Organisation der Psyche“ aufgefasst wird. Wenngleich parallel zur Kommunistischen Partei, doch autonom zu ihr. Hierzu wagte man neue Ansätze, die die künstlerische Praxis des Vorkriegsfuturismus grundlegend veränderten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt den Schriftsteller Sergej Tret’jakov vor und skizziert das Ziel der Arbeit, seinen Lebensweg und literarischen Werdegang zu analysieren.
2. Biographie: Dieses Kapitel zeichnet die Lebensstationen Tret’jakovs nach, von seiner Herkunft und Ausbildung über sein politisches Engagement bis hin zu seinen Auslandsaufenthalten.
3. Literarisches Wirken: Hier wird der chronologische Weg des Schriftstellers beleuchtet, insbesondere seine Arbeit in der LEF, in China und Kolchosen sowie seine Deutschlandkontakte.
3.1 Левый фронт искусств (ЛЕФ): Das Kapitel beschreibt die Gründung und Ziele der Gruppe LEF, welche die Kunst als Organisation der Psyche und Dokumentation sozialer Themen verstand.
3.2 China: Fokus auf die Bedeutung der China-Aufenthalte für Tret’jakovs Entwicklung, insbesondere die Entstehung des „Bio-Interviews“.
3.3 Kolchose: Analyse von Tret’jakovs Engagement in der sowjetischen Landwirtschaft als „operierender Schriftsteller“.
3.4 Deutschland: Untersuchung der engen Kontakte zur deutschen Avantgarde und der deutschen Rezeption seiner Werke.
4. Der frühe Tret’jakov: Ein Rückblick auf die Anfänge des Autors und die literarischen Strömungen der Zeit vor der Revolution.
4.1 Avantgarde: Definition und Einordnung des Begriffs Avantgarde im Kontext der frühen russischen Literaturgeschichte.
4.2 Мезонин поэзии: Vorstellung der futuristischen Gruppe, der Tret’jakov angehörte, und deren idealistische Konzepte.
5. Werke: Exemplarische Analyse dreier Werke, die unterschiedliche Phasen von Tret’jakovs Schaffen repräsentieren.
5.1 Лифт: Interpretation des Gedichts „Der Lift“ als frühes Werk zwischen Technikgläubigkeit und Romantik.
5.2 4/5 Апреля: Analyse des Protestgedichts vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse in Wladiwostok 1920.
5.3 Рычи, Китай!: Untersuchung des erfolgreichen Dramas als Ausdruck des Klassenkampfes und Dokumentar-Theater.
6. Schluss: Fazit der Arbeit und Reflexion über Tret’jakovs Wandlung sowie das Potenzial für zukünftige Forschungen.
Schlüsselwörter
Sergej Tret’jakov, Russischer Futurismus, Avantgarde, LEF, Literatur des Fakts, Bio-Interview, Kolchose, Dokumentarliteratur, politisches Engagement, Weltliteratur, Drama, Lyrik, Sozialistischer Realismus, Umbruch, sowjetische Literatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit dem russischen Schriftsteller Sergej Tret’jakov, seinem literarischen Werdegang und seiner Rolle im politischen und künstlerischen Kontext der frühen Sowjetunion.
Welche Themenfelder sind zentral?
Im Zentrum stehen die Avantgarde-Bewegung, die Entwicklung des Dokumentarstils sowie Tret’jakovs aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Aufbau in China und der Sowjetunion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den „roten Faden“ in Tret’jakovs ständiger Selbst-Neuerfindung freizulegen und sein Wirken zwischen Kunsttheorie und politischer Praxis aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine biographisch-literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl historische Quellen als auch spezifische Textinterpretationen heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Betrachtung seiner Lebensstationen (Biographie), seines literarischen Schaffens in der LEF und China, sowie eine detaillierte Werkinterpretation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere: „Literatur des Fakts“, „operierender Schriftsteller“, „Futurismus“, „Avantgarde“ und „soziales Engagement“.
Welche Bedeutung hat die Gruppe „Мезонин поэзии“ für den Autor?
Sie stellt eine frühe prägende Phase dar, in der der Autor versuchte, die moderne Technik mit romantischen Idealen zu verbinden.
Inwiefern hat das Stück „Рычи, Китай!“ den Ruf des Autors geprägt?
Das Stück gilt als sein erfolgreichstes Werk, das sowohl in der Sowjetunion als auch international große Beachtung fand und als wegweisend für das agitatorische Theater angesehen wurde.
Was unterscheidet das „Bio-Interview“ von einer klassischen Autobiographie?
Beim Bio-Interview lässt der Autor fremde Lebensgeschichten durch gezielte Befragung und literarische Aufarbeitung als dokumentarisches Zeugnis neu entstehen.
Wie veränderte sich Tret’jakovs Stil zwischen dem frühen Gedicht „Лифт“ und dem späteren Gedicht „4/5 Апреля“?
Während das frühe Werk eine eher romantische, schwärmerische Stimmung atmet, ist das spätere Gedicht ein politisch motiviertes Protestwerk, das von den harten Realitäten des Bürgerkriegs geprägt ist.
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- Hannes Blank (Author), 2014, Russischer Futurismus. Sergej Tret’jakov und die Мезонин поэзии, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/277908