„Si Deus est, unde malum?“ Eines der wohl gravierendsten Probleme, das sich dem traditionellen Theismus – verbunden mit der Vorstellung eines allmächtigen, allwissenden sowie allgütigen Gottes – auftut, ist die Frage: ,,Warum gibt es überhaupt irgend-welches Unglück in der Welt?“ Insbesondere im Kontext der Auseinandersetzung mit der theologia naturalis, worin der deistische Vernunftglaube – abseits jenes auf der Offenbarung gegründeten Glaubens – untersucht wird, stellt der schottische Philosoph David Hume (1711-1776) in seinem religionskritischen Hauptwerk Dialogues Concern-ing Natural Religion (1779 posthum) auch das Problem der Theodizee dar. Hierbei wird das aus De ira dei postulierte, epikureische Theodizee-Trilemma präsentiert: ,,Ist er willens, aber nicht fähig, Übel zu verhindern? Dann ist er ohnmächtig. Ist er fähig aber nicht willens? Dann ist er boshaft. Ist er sowohl fähig als auch willens? Woher kommt dann das Übel?“ Profane Erfahrungen von pointless evil in Form von Naturkatastrophen, Krankheiten, Verbrechen und ähnlichen Kontingenzen tragen zu immerwährenden Aktualität und Zur Unlösbarkeit des Theodizee-Problems bei, wodurch dieser Einwand gegen die Essenz oder gar Existenz eines supranaturalen, intelligent designers wohl legitimer Weise als eines der stärksten Gegenargumente gewertet werden kann. Erst jüngst neuzeitliche Ereignisse, wie der zur Zeit des Nationalsozialismus grassierte Holocaust, brachen sowohl im theologischen als auch im religionsphilosophischen Diskurs neue Debatten auf, wodurch der Theologe Armin Kreiner in Gott im Leid – Zur Stichhaltigkeit der Theodizee-Argumente berechtigt konstatiert: ,,Gläubigen wird sie [sc. die Herausforderung des Theodizee-Problems G.J.] nicht nur in Situationen unmittelba-rer Leiderfahrung schmerzlich bewusst. In mittelbarer Weise ist sie im Zeitalter globaler Kommunikation und Information geradezu allgegenwärtig. Die Medien überschütten jeden täglich mit Bildern und Berichten von unfaßbarem Leid.“ Hieraus resultierend erscheint jedoch eine weiterhin konstante Annahme und Proklamation eines gütigen und allmächtigen Welturhebers, angesichts der scheinbaren Unlösbarkeit des Theodizee-Problems, als eher kontraintuitiv und für Laien unbegreiflich. (...)
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Hauptteil
2.1 Die Theodizee-Problematik allgemein
2.1.1 Ein historisch-systematischer Überblick
2.1.2 Das Übel – malum morale und malum physicum
2.1.3 Lösungsversuche des Theodizee-Problems
2.2 „Hume on evil“ – Das Theodizee-Problem in den Teilen X und Xl
2.2.1 Der Argumentationsverlauf
2.2.2 Das logische Problem der Theodizee
3 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Theodizee-Problematik unter besonderer Berücksichtigung der religionskritischen Auseinandersetzung David Humes in seinem Werk "Dialogues Concerning Natural Religion". Das primäre Ziel ist es, die Unlösbarkeit des Theodizee-Problems im Kontext der Vereinbarkeit von göttlicher Allmacht, Allgüte und der Existenz des Übels in der Welt aufzuzeigen und die Argumentationsstruktur Humes in den Teilen X und XI kritisch zu analysieren.
- Historische Genese und Entwicklung der Theodizee-Problematik
- Systematische Differenzierung und Kategorisierung des Übels
- Analytische Rekapitulation des Argumentationsverlaufs in Humes "Dialogues"
- Untersuchung des "logical problem of evil" und der "consistency problem"-Debatte
- Kritische Beleuchtung der Argumente gegen das "design argument"
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Das logische Problem der Theodizee
Bereits David O’Connor äußert sich in seinem einschlägigen Werk Hume on Religion explizit zum logical problem, welches in dem Kontext des consistency problem steht und verweist zur Beantwortung der Frage, ob eine zeitgleiche Koexistenz von Übel und einem allwissenden, allmächtigen sowie allgütigen Gott möglich ist oder ob die Existenz des einen die Existenz des anderen negiert auf post-Humesche Religionsphilosophie, wie sie zum Beispiel Nelson Pike in seinem Aufsatz Hume on Evil darlegt. Im Zuge Philos Herausforderung an Cleanthes aus dem zehnten Teil ergeben sich folgende Prämissen zur logischen Vereinbarkeit:
(1) The world contains instances of suffering.
(2) God exist – and is omnipotent and omniscient.
(3) God exist – and is perfectly good.
Die erste Prämisse zu leugnen, ist - wie oben erwähnt – keine haltbare Lösung, da es gegen den gesunden Menschenverstand (common sense) spricht. Demnach müsste im Falle einer Kontradiktion eine der restlichen Annahmen verworfen werden. Doch entgegen Philos Behauptung besteht zwischen diesen Annahmen noch kein offenkundiger Widerspruch. Essentiell hierfür ist Philos implizierte Zusatzannahme, dass ein allgütiger Gott Übel verhindern würde, wenn er könnte. Dies wird von Pike fulminant ad absurdum geführt, da auch ein allgütiger Gott Gründe vorweisen könnte, um Übel zuzulassen. Erst mit der Einführung des moralisch hinreichenden Grundes (morally sufficient reason) kann eine logische Inkonsistenz zwischen dem Gott theistischer Vorstellung und dem Übel konstruiert werden:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Theodizee ein und verortet das Problem im Kontext von David Humes religionskritischem Werk.
2 Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in eine allgemeine Auseinandersetzung mit der Theodizee-Problematik sowie eine spezifische Textanalyse von Humes "Dialogues".
2.1 Die Theodizee-Problematik allgemein: Hier wird ein historischer Abriss gegeben, das Übel definiert und die grundlegende Problematik der Rechtfertigung Gottes erörtert.
2.1.1 Ein historisch-systematischer Überblick: Dieses Unterkapitel beleuchtet die Entwicklung des Theodizee-Begriffs von der Antike bis zur frühen Neuzeit.
2.1.2 Das Übel – malum morale und malum physicum: Es erfolgt eine fachliche Differenzierung des Übels in seine moralische und physische Form.
2.1.3 Lösungsversuche des Theodizee-Problems: Hier werden verschiedene philosophische Ansätze und Argumentationsmodelle zur Lösung der Theodizee-Problematik präsentiert.
2.2 „Hume on evil“ – Das Theodizee-Problem in den Teilen X und Xl: Dieses Kapitel widmet sich Humes spezifischer Kritik an der natürlichen Religion und dem "problem of evil".
2.2.1 Der Argumentationsverlauf: Eine detaillierte Aufarbeitung der Dialoge zwischen Philo, Demea und Cleanthes in den Teilen X und XI.
2.2.2 Das logische Problem der Theodizee: Dieses Unterkapitel analysiert die formale logische Konsistenz der Theodizee-Argumentation unter Einbezug moderner religionsphilosophischer Positionen.
3 Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Unlösbarkeit des Problems aus einer rationalen Perspektive.
Schlüsselwörter
Theodizee, David Hume, Religionsphilosophie, problem of evil, Dialogues, natürliches Übel, moralisches Übel, logical problem of evil, design argument, Deismus, Theismus, Gott, Willensfreiheit, Naturgesetze, Konsistenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem klassischen philosophischen Problem der Theodizee, also der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leides in der Welt, unter besonderer Analyse von David Humes religionskritischen Texten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung des Gottesbegriffs, die Differenzierung verschiedener Arten des Übels und die Auseinandersetzung mit der Vereinbarkeit göttlicher Attribute mit der Weltwirklichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die argumentativen Wege zur Rechtfertigung Gottes auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen und aufzuzeigen, warum Hume das Theodizee-Problem als Einwand gegen eine rational begründete natürliche Religion nutzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textimmanente Analyse der "Dialogues Concerning Natural Religion" von David Hume vorgenommen, ergänzt durch einen historisch-systematischen Vergleich philosophischer Positionen.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert erst die allgemeine Theodizee-Problematik und vertieft dann den Argumentationsgang in den Teilen X und XI der Dialoge, wobei insbesondere die logische Kompatibilität (consistency problem) im Zentrum steht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff der Theodizee prägen Ausdrücke wie "problem of evil", "logical consistency", "design argument" und die Namen Hume, Leibniz und Hoerster die argumentative Ausrichtung.
Wie unterscheidet Hume zwischen den Arten des Übels?
Hume greift in seinen Analysen auf die traditionelle Unterscheidung zwischen physischem (malum physicum) und moralischem Übel (malum morale) zurück, wobei sein Fokus in den "Dialogues" primär auf dem natürlichen Übel liegt.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur "hypothesis of indifference"?
Der Autor zeigt auf, dass Hume die "hypothesis of indifference" als die wahrscheinlichste Hypothese in Bezug auf die Ursache des Universums anführt, da die Natur keine eindeutige Tendenz zu reinem Gutem oder Bösem zeigt.
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- Gordon Jung (Author), 2013, Das Theodizee-Problem in David Humes "Dialoge über natürliche Religion", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/277674