Paul Kirn definiert für die Historiographie alle Texte, Gegenstände und Tatsachen, aus denen Erkenntnis aus der Vergangenheit gezogen werden kann, als Quellen. Darunter fällt auch die menschliche Erinnerung, aus der fassbar werden kann, was Menschen aus ihrer Erfahrung unter Einfluss verschiedener Faktoren, z.B. der historischen Situation, der Betrachterperspektive, Erinnerungsfähigkeit und verfügbaren überlieferten Quellen als eigene Geschichte verstehen. Erinnerung ist dabei ein mehrdimensionaler Prozess, da das Erinnerte in der Vergangenheit liegt, der Moment der Erinnerung aber gegenwärtig ist. Cladenius formulierte: „Every man his own history“, womit er darauf anspielt, dass Erinnerung standortgebunden, perspektivisch, relativ, unvollständig und subjektiv ist und dass die Vergangenheit eine andere ist als das rekonstruierte Bild von ihr. Dies führt zu der erkenntnisleitenden Frage „Können vor diesem Hintergrund SchülerInnen im Geschichtsunterricht mit Oral History umgehen?“, die in vorliegender Hausarbeit vom Allgemeinen zum Besonderen untersucht wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zwei Debatten zur Oral History
3. Zeitzeugenarbeit im Geschichtsunterricht
3.a. Was ist ein Zeitzeuge?
3.b. Auswahl von und Umgang mit Zeitzeugen vor während und nach Interviews
3.c. Vorzüge und Bedenken von Oral History im Geschichtsunterricht
4. Vorschlag für eine Unterrichtseinheit der Zeitdetektive
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht effektiv mit der Methode der Oral History arbeiten können, um historisches Lernen durch Zeitzeugeninterviews zu fördern und die eigene Identitätsbildung zu unterstützen.
- Entwicklung und Etablierung der Oral History als wissenschaftliche Methode
- Definition der Zeitzeugenschaft und Auswahlkriterien für Interviews
- Didaktisch-methodische Chancen und Herausforderungen in der Unterrichtspraxis
- Konzeption einer beispielhaften Unterrichtseinheit für die 6. Jahrgangsstufe
- Förderung von Kompetenzen wie Quellenkritik und Perspektivwechsel
Auszug aus dem Buch
a. Was ist ein Zeitzeuge?
Der Begriff Zeitzeuge ist ein in Deutschland in interessanter Weise historisch verankerter Begriff, der erstmals in den 1970er Jahren Verwendung fand. Besonders in der Nachkriegszeit diente er dazu, denen eine Stimme zu geben, die den Holocaust nicht überlebt hatten. Das von Henke-Bockschatz aufgegriffene Bonmot der Geschichte, demnach der Zeitzeuge größter Feind des Historikers sei, ist auf die Tatsache bezogen, dass Zeitzeugen aufgrund ihrer Wirkung einer „ethisch-moralische[n] Vermittlungsinstanz[…] – verbunden mit einem Opferstatus, der je nach Kontext unterschiedlich zugeschrieben wird[…]“ in den modernen Medien häufig präsenter sind als Historiker, die als abstrakt-analytische Instanz erscheinen. Wer ist nun aber ein Zeitzeuge? Per se ist niemand Zeitzeuge, er oder sie wird ausgewählt durch jemanden, der sich für die Geschichte interessiert und seine Auswahl auf verschiedene Kriterien gestützt hat. Der Zeitzeuge fungiert dabei als Quelle, die erst „zum Sprechen“ gebracht und anschließend interpretiert wird. Folgende Unterscheidung zwischen implizitem und explizitem Zeitzeugenverständnis basiert auf einer Tagung in Potsdam 2013 zu DDR-Zeitzeugen: Die implizite Zeitzeugenschaft konstituiere sich aus allen, die „direkte oder indirekte Erinnerungen mit einem Ereignis, einer historischen Phase oder einem politischen System verbinden.“ Diese Zeitzeugenschaft werde dann wirksam, wenn es zur expliziten Zeugenschaft kommt. Explizite Zeitzeugen seien demnach solche, die „[…] in einem bestimmten Diskurszusammenhang öffentlich als Zeitzeugen auftreten oder präsentiert und als Zeitzeugen bezeichnet werden oder deren öffentliche Präsentation durch Rekurs auf geschichtskulturelle Muster eine solche Bezeichnung nahelegt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der menschlichen Erinnerung als historische Quelle ein und leitet aus der erkenntnisleitenden Frage nach der Umsetzbarkeit von Oral History im Geschichtsunterricht die Struktur der Arbeit ab.
2. Zwei Debatten zur Oral History: Dieses Kapitel zeichnet die wissenschaftliche Entstehung der Oral History nach, von der Marginalisierung mündlicher Überlieferung im 19. Jahrhundert bis hin zur Etablierung als historische Disziplin.
3. Zeitzeugenarbeit im Geschichtsunterricht: Hier werden die Definition des Zeitzeugen, die methodische Durchführung von Interviews sowie die didaktischen Vor- und Nachteile der Einbindung von Zeitzeugen in den Unterricht ausführlich analysiert.
4. Vorschlag für eine Unterrichtseinheit der Zeitdetektive: Es wird ein konkretes Konzept für eine Doppelstunde in der 6. Klasse präsentiert, bei dem Schülerinnen und Schüler durch Zeitzeugentagebücher und Experteninterviews historisches Bewusstsein entwickeln sollen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass Oral History trotz methodischer Herausforderungen ein wertvolles Instrument für den Unterricht darstellt, sofern die Vor- und Nachbereitung durch die Lehrkraft sorgfältig erfolgt.
Schlüsselwörter
Oral History, Zeitzeugen, Geschichtsunterricht, historische Quelle, Erinnerung, Identitätsbildung, Methodenkompetenz, Zeitzeugengespräch, Quellenkritik, didaktische Planung, Zeitdetektive, Wirtschaftswunder, Interviewtechnik, subjektive Wahrnehmung, Geschichtsbewusstsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen und der praktischen Umsetzung der Oral History als Methode im Geschichtsunterricht an Schulen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung der Methode, der Definition des Zeitzeugenbegriffs, den Techniken der Interviewführung und einer kritischen Reflexion über Chancen und Risiken bei der Arbeit mit Schülern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schülerinnen und Schüler befähigt werden können, professionell mit Zeitzeugen zu interagieren und dabei historische Kompetenzen sowie ein tieferes Verständnis für den Konstruktcharakter von Geschichte zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär diskutiert?
Die Arbeit konzentriert sich auf die Oral-History-Methode, insbesondere auf die Durchführung von Leitfragen- und erzählgenerierenden Interviews mit Zeitzeugen aus dem privaten Umfeld der Lernenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Debattenanalyse zur Fachgeschichte, eine methodische Erörterung der Zeitzeugenarbeit und die Vorstellung eines konkreten Unterrichtsentwurfs zum Thema Wirtschaftswunder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Zentrale Begriffe sind Oral History, Zeitzeugen, Identitätsbildung, Quellenkritik, historisches Lernen und didaktische Unterrichtsplanung.
Wie definiert die Autorin den Begriff des Zeitzeugen?
Die Autorin unterscheidet zwischen impliziter Zeitzeugenschaft, die auf persönlichen Erinnerungen basiert, und expliziter Zeitzeugenschaft, bei der Personen öffentlich als Zeitzeugen in einem Diskurszusammenhang auftreten.
Welche Herausforderungen sieht die Autorin bei der Nutzung von Oral History?
Sie nennt den hohen Zeitaufwand für Vor- und Nachbereitung, die Gefahr der "biographischen Falle", Probleme bei der Repräsentativität der Aussagen und die Notwendigkeit, Schülern die Distanz zwischen persönlicher Erzählung und historischer Wahrheit zu vermitteln.
Was ist das Ziel der vorgeschlagenen Unterrichtseinheit der "Zeitdetektive"?
Die Lernenden sollen durch das Führen von Interviews und die Arbeit mit einem Zeitzeugentagebuch die eigene Zeitspanne einordnen, historische Prozesse nachvollziehen und ihre soziale Kompetenz sowie ihr Geschichtsbewusstsein fördern.
- Quote paper
- Laura Baier (Author), 2014, Oral history im Geschichtsunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/276232