„Ja, das möchte ich gern. Mein Problem ist nur, dass sie mich nicht richtig mitmachen lassen.“1 So äußert sich die Figur Lola in dem gleichnamigen Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1981 und scheint für den Zuschauer nicht nur auf die im Film gestellte Frage geantwortet zu haben, sondern vielmehr die Lage der Frauen im Nachkriegsdeutschland zugespitzt und mit einem satirischen und leicht verzweifelten Unterton zu beschreiben. Neben Lola gab es auch zwei Jahre zuvor in Fassbinders Film „Die Ehe der Maria Braun“ eine weibliche Protagonistin, welche stets ihren Weg ging, zur Erreichung ihrer Ziele alles tat und dabei nie die Marionette eines Mannes wurde. Zwei Filme, zwei Frauenbilder – welches entsprach am ehesten der Wirklichkeit der Nachkriegsjahre, in welchen beide Filme spielen?
Zum Ende des zweiten Weltkriegs wurden immer mehr deutsche Männer einberufen und hinterließen neben ihren Familien oftmals auch ihre Arbeitsplätze, welche gerade in der Rüstungsindustrie schnellstmöglich wieder besetzt werden mussten. So musste die nationalsozialistische Regierung von ihrem über Jahre propagiertem Bild der Frau als Hausfrau und Mutter zumindest teilweise abweichen und versuchen, die Frauen für die Erwerbstätigkeit zu gewinnen.2 Nach dem zweiten Weltkrieg waren viele der an die Front geschickten Männer tot oder in Kriegsgefangenschaft und die (Ehe-)Frauen mussten allein für ihren Lebensunterhalt sorgen und oftmals parallel ihre Kinder erziehen und versorgen.
Um die Eingangs formulierte Frage zu klären, werden die beiden Fassbinder-Filme im folgenden daraufhin untersucht, ob sich das jeweils dargestellte Frauenbild, sowohl im Hinblick auf die Protagonistin als auch im Blick auf die Frauen in den Nebenrollen im Vergleich mit zeitgenössischen Quellen aus den Nachkriegsjahren als realistisch beurteilen lässt. Die weiblichen Nebenrollen sind in beiden Filmen besonders zu beachten, da sie in ihrem Handeln im Regelfall stark von der Protagonistin abweichen und deren Handeln und Lebensweise somit auffällig kontrastieren. Hierdurch tritt die Intention des Regisseurs, die Situation, bzw. aus seiner Sicht die Missstände, der restaurativen Phase aufzuzeigen hervor. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass beide Filme durchaus satirische Elemente enthalten, welche allerdings dem Aufzeigen von Missständen in der damaligen Gesellschaft dienlich sind und somit für den Abgleich mit historischen Quellentexten nützlich sein können.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Lola“
3. Die Ehe der Maria Braun
4. Die Nachkriegsgesellschaft
5. Fazit / Fassbinders Frauenbilder und die gesellschaftliche Realität
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Frauenbild in den Filmen „Lola“ und „Die Ehe der Maria Braun“ von Rainer Werner Fassbinder und vergleicht diese Darstellungen mit der historischen gesellschaftlichen Realität in der westdeutschen Nachkriegszeit, um die Authentizität der filmischen Inszenierung zu prüfen.
- Analyse der Protagonistinnen und ihrer emanzipierten Rollenbilder.
- Gegenüberstellung von Hauptfiguren und weiblichen Nebenfiguren als Kontrastmittel.
- Untersuchung der sozioökonomischen Situation von Frauen nach 1945.
- Kritik an der restaurativen Phase und den fordistischen Rollenbildern der Nachkriegszeit.
- Bewertung des Einflusses der Rückkehr von Männern auf die Frauenarbeitslosigkeit.
Auszug aus dem Buch
2. „Lola“
Die gleichnamige Protagonistin des Films ist eine junge, hübsche und alleinerziehende Frau, welche in der „Villa Fink“ in der Stadt Coburg arbeitet. Ein Vergnügungsbetrieb, der eine Mischung aus Gesangsdarbietungen, Show, Alkohol und Prostitution darstellt. In den ersten Szenen über den abendlichen Betrieb befinden sich bereits viele Gäste im großen Saal und man sieht gelegentlich Männer und Frauen in die separaten Zimmer gehen. Im Rahmen dieser Darstellung treten einige Männer recht offensiv an die Frauen heran und nehmen diese sprichwörtlich mit.
Diese Tatsache soll jedoch für diese Arbeit zunächst von zweitrangiger Bedeutung sein, da die mögliche Geringschätzung und besonders die häufig auftretende Verdinglichung der Frauen in diesem Metier bis in die heutige Zeit zu finden ist. Lola unterscheidet sich von den anderen Prostituierten dadurch, dass sie in einer festen (Geschäfts-)Beziehung zum Bauunternehmer Schuckert steht, der sie „besitzt“, da er sowohl für ihre Liebesdienste als auch für sie und ihre kleine Tochter den Lebensunterhalt zahlt. In ihrem Auftreten gibt sich Lola sehr dominant und fügt sich nicht schlicht den Vorstellungen anderer, was bspw. in einer Szene deutlich wird, in der sie Schuckert und Esslin aus ihrem Zimmer im Bordell wirft und beiden das zuvor für sie gebotene Geld hinterher wirft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Frauenbilder in Fassbinders Filmen ein und stellt die Forschungsfrage nach deren historischer Authentizität.
2. „Lola“: Das Kapitel analysiert die Figur der Lola als dominante und selbstbestimmte Frau, die sich im Kontrast zu den unterwürfigen Frauenbildern der Nachkriegsgesellschaft positioniert.
3. Die Ehe der Maria Braun: Hier wird die Entwicklung der Protagonistin Maria Braun beleuchtet, die durch Eigeninitiative und geschäftlichen Erfolg aus der Abhängigkeit ausbricht.
4. Die Nachkriegsgesellschaft: Dieses Kapitel betrachtet den historischen Kontext, insbesondere die Arbeitsmarktsituation und die erzwungene Rückkehr in traditionelle Rollenmuster nach der Heimkehr der Männer.
5. Fazit / Fassbinders Frauenbilder und die gesellschaftliche Realität: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt eine hohe Authentizität der filmischen Gesellschaftskritik durch den bewussten Kontrast zwischen starken Hauptfiguren und der unmündigen Mehrheit.
Schlüsselwörter
Fassbinder, Nachkriegsgesellschaft, Frauenbild, Emanzipation, Wirtschaftswunder, Lola, Maria Braun, Rollenbilder, Filmkritik, Sozialgeschichte, Arbeitsmarkt, Geschlechterverhältnis, Westdeutschland, Identität, Gesellschaftskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung von Frauen in zwei Spielfilmen von Rainer Werner Fassbinder und setzt diese in Bezug zur tatsächlichen sozialen und wirtschaftlichen Situation der Frauen in der westdeutschen Nachkriegszeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf dem Wandel der Frauenrollen zwischen Kriegsende und der Etablierung des Wirtschaftswunders, sowie der filmischen Inszenierung von Emanzipation versus gesellschaftlicher Anpassung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu klären, ob die von Fassbinder gezeichneten Frauenfiguren als authentische Repräsentanten oder zumindest als kritische Spiegel der damaligen gesellschaftlichen Missstände und Rollenerwartungen betrachtet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine filmanalytische Betrachtung der Frauenfiguren mit einer sozialgeschichtlichen Analyse durch den Abgleich mit journalistischen Quellen und historischen Studien zur Nachkriegszeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Filme „Lola“ und „Die Ehe der Maria Braun“ und untersucht anschließend in einem gesonderten Kapitel die ökonomischen und politischen Bedingungen für Frauen, wie etwa die Auswirkungen des Arbeitsmarktes auf die Rollenbilder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Fassbinder, Nachkriegsgesellschaft, Emanzipation, Rollenbilder, Wirtschaftswunder und die historische Authentizität der Filmdarstellung.
Inwieweit spielt die Figur der Lola eine besondere Rolle?
Lola wird als eine Figur analysiert, die ihre sexuelle Position als Prostituierte nutzt, um innerhalb eines von Männern dominierten Systems eigene Machtansprüche und Selbstachtung zu behaupten.
Welche Bedeutung hat das „Wirtschaftswunder“ für die in der Arbeit beschriebenen Frauen?
Das Wirtschaftswunder wird als ein Zeitraum beschrieben, in dem die Macht der Männer durch wirtschaftlichen Aufstieg zementiert wurde, während Frauen trotz kurzzeitiger Erwerbsfreiheit während des Krieges zunehmend in die Rolle der materiell abhängigen Hausfrau zurückgedrängt wurden.
- Quote paper
- Christopher Hauck (Author), 2014, Fassbinders Frauenbilder in „Lola“ und „Die Ehe der Maria Braun“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/276047