Inhaltlich neu ist bei Boccaccio, dass tragische und komische Figuren gleichzeitig präsentiert werden, was einen reizvollen Wechsel von Ernst und Scherz mit sich bringt. Neben der Mannigfaltigkeit des Inhalts, der unterschiedlichen Motive und Stimmungen sowie der Fülle an Schauplätzen, alternieren Menschen aller sozialen Klassen: Wir lesen von Königen, Fürsten und Rittern, Richtern, Bürgermeistern, Notaren, Ärzten, Kaufleuten, Handwerkern, Geistlichen und Bauern ebenso wie von Damen und Dirnen, treuen wie untreuen Ehefrauen, verliebten Witwen und heiratswilligen Mädchen. Mit der von Boccaccio vorgenommenen Verflechtung der anderswo getrennten Milieus führt er uns die Diskrepanz zwischen Tugend und Laster, zwischen Gut und Böse vor Augen, jedoch zeigt er uns all diese Verhaltensweisen, ohne die Menschen zu verurteilen. Sein Meisterwerk, das Decameron, verschafft uns auf bisher unvergleichlich realistische Art und Weise einen Einblick in die Gesellschaft des 14. Jahrhunderts und erhebt ihn zum Begründer der Novellentradition.
Die vorliegende Hausarbeit setzt sich zum Ziel, einen Einblick in die Erzählkunst des Boccaccio zu vermitteln.
Zunächst gehe ich auf den sechsten Tag ein. Ich behandle dabei seine Einleitung, sein Thema sowie sein Erzählschema, bevor im dritten Kapitel dann die erste Novelle des sechsten Tages explizit thematisiert wird.
In der Schlussbetrachtung sollen die gewonnen Erkenntnisse in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der sechste Tag des Dekameron
2.1 Einleitung zum sechsten Tag
2.2 Il leggiadro motto
2.3 Erzählschema des sechsten Tages
3. Novelle 1
3.1 Einordnung in das Gesamtwerk
3.2 Inhalt der Novelle
3.3 Handelnde Personen
3.4 Ort und Zeit der Handlung
3.5 Themen und Topoi
3.5.1 Das motto der Madonna Oretta
3.5.2 Das Erzählen in itinere
3.5.3 Die Kunst des Erzählens
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kunst des Erzählens im Decameron von Giovanni Boccaccio, wobei der Fokus gezielt auf der ersten Novelle des sechsten Tages liegt, um deren metanarrative Funktion sowie die Bedeutung rhetorischer Kompetenz zu beleuchten.
- Analyse des Erzählschemas und der Thematik des sechsten Tages.
- Untersuchung der ersten Novelle des sechsten Tages als "Metanovelle".
- Deutung der Pferdemetaphorik als Symbol für die Qualität des Erzählens.
- Gegenüberstellung von erzählerischer Kompetenz und Unvermögen.
- Reflexion über die didaktische Absicht Boccaccios in Bezug auf höfische Gesprächskultur.
Auszug aus dem Buch
3.5.3 Die Kunst des Erzählens
Typisches Charakteristikum der Novelle VI 1 ist, wie bereits angesprochen, die Thematisierung der Kunst des Erzählens: ”Nessun’altra novella della Sesta Giornata è basata così inequivocabilmente sull’arte della narrazione. Si tratta del classico racconto dentro un racconto il quale contiene una succinta ars narrandi a rovescio mentre ritrae il vero esemplare del narratore inetto.“ D.h. es wird einem nicht vor Augen geführt, wie man eine Geschichte erzählt, sondern vielmehr wie man es nicht tun soll: ”La novella del cavaliere e di madonna Oretta che è una metanovella, perché costituisce una riflessione sul narrare e che, dimostrando come non si deve raccontare, fa capire e contrario come si debba raccontare […].“ Der Cavaliere, den Freedman als „Nadir der Eloquenz“ bezeichnet, dient als Negativbeispiel. Er ist unfähig, eine an sich schöne Geschichte ansprechend zu erzählen, was laut Almasi dazu führt, dass die Leser der Novelle sich in einer Tatsache bestätigt sehen, die sie gerade erst in Begriff sind zu erkennen: ”art is the enjoyment of forms, not of things.“ Die Schönheit seiner Geschichte liegt jedoch einzig und allein auf inhaltlicher Ebene, auf der Ebene des signifié. Durch die Absenz einer entsprechenden Schönheit auf formaler Ebene, oder der Ebene des signifiant, wird erstere wiederum aufgehoben. In der Tat ist es aber genau diese Schönheit der Form, welche den Wert und die Effektivität einer jeden Geschichte bestimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung Giovanni Boccaccios als Begründer der Novellentradition ein und skizziert das Ziel der Arbeit, die Erzählkunst anhand des sechsten Tages zu beleuchten.
2. Der sechste Tag des Dekameron: Das Kapitel behandelt die Rahmenhandlung und das spezifische Erzählthema des sechsten Tages, das durch den Fokus auf geistreiche Antworten und schlagfertige Pointen geprägt ist.
3. Novelle 1: Dieser Hauptteil analysiert die erste Novelle des sechsten Tages, untersucht deren Stellung im Gesamtwerk, die handelnden Figuren und die zentrale Bedeutung der narrativen Qualität.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Qualität einer Geschichte nicht allein durch den Stoff, sondern primär durch die Form und Art des Erzählens bestimmt wird, was Boccaccios didaktischen Anspruch unterstreicht.
Schlüsselwörter
Giovanni Boccaccio, Decameron, Novelle, Madonna Oretta, Erzählkunst, Rhetorik, leggiadro motto, Metanarration, höfische Kultur, italienische Literatur, Mittelalter, Sprachfähigkeit, Erzählschema, Pointe, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Erzählkunst in Giovanni Boccaccios Decameron, wobei sie sich primär auf die erste Novelle des sechsten Tages konzentriert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Rhetorik, die Kunst des schlagfertigen Erzählens (motteggiare) sowie die didaktische Absicht hinter Boccaccios Erzählstruktur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Einblick in die Erzählkunst Boccaccios zu vertiefen und aufzuzeigen, wie die erste Novelle des sechsten Tages als Reflexion über das Erzählen selbst fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Untersuchung von Primär- und Sekundärtexten sowie der Analyse paratextueller und rhetorischer Strukturen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Novelle von Madonna Oretta, ihrer Einordnung in das Gesamtwerk, dem Handlungsverlauf, den Charakteren und der kritischen Analyse der Erzählweise.
Was sind die charakteristischen Schlüsselwörter der Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Decameron, Madonna Oretta, Erzählkunst, Rhetorik und Metanarration kennzeichnen.
Welche Rolle spielt die Pferdemetapher in der Novelle?
Die Pferdemetapher symbolisiert das Erzählen selbst: Ein guter Stoff allein reicht nicht aus; es bedarf eines fähigen "Reiters" (Erzählers), um die Geschichte ansprechend zu präsentieren.
Warum wird der Cavaliere als Negativbeispiel dargestellt?
Er dient als negatives Exempel, da er zwar über einen schönen Stoff verfügt, diesen jedoch durch stümperhaftes Erzählen und mangelnde rhetorische Form ruiniert, was bei der Zuhörerin physisches Unbehagen hervorruft.
- Arbeit zitieren
- Patrizia Scamarcio (Autor:in), 2013, Der sechste Tag des "Decameron". Madonna Oretta und die Kunst der Erzählens, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/275757