Die Autorlosigkeit eines literarischen Textes und dessen Überlieferungsart dienen als Identifikatoren für das Volks- und das Kunstmärchen. Aber ist es überhaupt möglich, eine so klare Definitionsgrenze zu ziehen? Welche weiteren Abgrenzungen lassen sich zwischen dem Volksmärchen und dem Kunstmärchen vornehmen oder sind die beiden Begriffe doch nur Bezeichnungen für die zwei Seiten derselben Medaille? Und wie definiert die heutige Forschung die Begriffe Volks- und Kunstmärchen?
Das erste Kapitel dieser Arbeit wird die grundlegenden Begriffe des Märchens, des Volks-märchens und des Kunstmärchens beschreiben und darstellen, da eine genaue Kenntnis ihrer Charakteristika für den Verlauf der Ausarbeitung unerlässlich ist. Die Problematik dieser drei Begriffe besteht wie erwähnt darin, dass es keine wirkliche Trennschärfe der einzelnen Kategorien und somit eine Vielzahl an Definitionsbildungen gibt. Es wird versucht werden, die übereinstimmenden Merkmale wiederzugeben, ohne sich dabei in mehreren Deutungsvarianten zu verlieren. Der Einteilung des Volksmärchens liegt die weitreichende Definition der Monographie Max Lüthis Märchen zugrunde. Weiter wird sich zeigen, dass sich der Bereich der Volks- und Kunstmärchenforschung kaum auf den deutschsprachigen Raum eingrenzen läßt, jedoch wird im Hinblick auf die Dimension dieser Arbeit davon abgesehen, in größerem Umfang auf die Entwicklung der Thematik in anderen Sprachen einzugehen. Ebenso wird aus diesem Grund darauf verzichtet, praxisbezogene Analysen von Präzedenzfällen der beiden Gattungen zu liefern.
Das darauffolgende Kapitel wird sich mit der vermeintlichen Verschiedenartigkeit des Volksmärchens und des Kunstmärchens beschäftigen und versuchen, die bestehenden Kontroversen bei einer eindeutigen Definitionsfindung aufzuzeigen. Der bereits erwähnte Briefwechsel zwischen den Gebrüdern Grimm und dem Schriftsteller Achim von Arnim soll dabei näher untersucht werden. Ebenso soll über die inhaltlichen Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen dem Volks- und dem Kunstmärchen berichtet werden. Anschließend erfolgt eine sehr ausführliche Darstellung und Beschreibung der Diskussion der Gattungsproblematik des Volks- und des Kunstmärchens in der Forschung. Zugleich werden auch die gegenwärtige Bedeutung der Unterscheidung zwischen dem Volksmärchen und dem Kunstmärchen und der aktuelle Forschungsstand zu der Thematik beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitorische Abgrenzung der Begriffe Märchen, Volksmärchen, Kunstmärchen
2.1. Das Märchen
2.2. Das Volksmärchen
2.3. Das Kunstmärchen
3. Von der Verschiedenartigkeit des Volksmärchens und des Kunstmärchens
3.1. Die Kontroverse zwischen Achim von Arnim und den Gebrüdern Grimm
3.2. Über die Unterscheidung von Volksmärchen und Kunstmärchen
3.3. Die Gattungsdiskussion in der Forschung
3.4. Über die Definition von Volksmärchen und Kunstmärchen anhand der aktuellen Forschung
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, die gängigen Definitionen und Abgrenzungskriterien zwischen Volks- und Kunstmärchen kritisch zu hinterfragen, die historische Forschungsdebatte aufzuarbeiten und zu prüfen, ob die Unterscheidung dieser beiden Gattungen in der zeitgenössischen Literaturwissenschaft noch haltbar ist.
- Historische Herleitung der Begriffe Märchen, Volksmärchen und Kunstmärchen
- Analyse des Briefwechsels zwischen Achim von Arnim und den Gebrüdern Grimm
- Gegenüberstellung von Merkmalen wie Komplexität versus Einfachheit
- Kritik an der traditionellen Vorstellung von Autorlosigkeit und mündlicher Tradition
- Neuansätze der Märchenforschung in der modernen Literaturwissenschaft
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Kontroverse zwischen Achim von Arnim und den Gebrüdern Grimm
Im Briefwechsel der Brüder Wilhelm und Jacob Grimm mit Achim von Arnim kommen die unterschiedlichen Auffassungen der Schreiber zu den Begriffen Natur- und Kunstpoesie offen zu Tage. Wilhelm Grimm fasst Arnims Auffassung, keine Unterscheidung in der Poesie zu kennen, dahingehend zusammen:
Alte und neue Poesie sei dieselbe, das Wunderbare darin durch die Phantasie der täuschenden und zugleich getäuschten Dichter entsprungen [...]; eine Geschichte der Poesie gebe es also nicht, Unterschied zwischen Natur- und Kunstpoesie sei ein Spaß und selbst eine Phantasie.
Jacob Grimm hingegen ist sicher, dass „die alte Poesie nicht [...] erfunden werden [kann]“ und führt mit den einem Glaubensbekenntnis ähnlichen Worten „ich glaube“ mehrere Begründungen für seine Überzeugung an. Wie die alte Poesie letztendlich entstehe, „bleibt unerklärlich, [jedoch so natürlich, wie] sich die Wasser in einen Fluß zusammentun, um nun miteinander zu fließen.“ Hier zeigt sich bereits klar Grimms romantische Ansicht über den Ursprung der Poesie, die im Folgenden noch deutlicher werden soll.
Die Poesie insgesamt sei “das, was rein aus dem Gemüth ins Wort kommt, entspringt also immerfort aus natürlichem Trieb und angeborenen Vermögen diesen zu fassen, - die Volkspoesie tritt aus dem Gemüth des Ganzen hervor; was ich unter Kunstpoesie meine, aus dem des Einzelnen.“ Während die Naturpoesie, gleichzusetzen mit dem Volksmärchen, „eine Summe des Ganzen“ ist und keinen Verfasser kennt, da „kein gebildetes Volk mit aller Kraft und Anstrengung ein Epos hervorzubringen vermag, [...] nennt [die Kunstpoesie] ihre Dichter.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Gattungsunterscheidung ein und stellt die Relevanz der Forschungsdebatte sowie die methodische Vorgehensweise der Arbeit dar.
2. Definitorische Abgrenzung der Begriffe Märchen, Volksmärchen, Kunstmärchen: Dieses Kapitel erläutert die etymologischen und begrifflichen Grundlagen der drei Gattungen und zeigt die Problematik mangelnder Trennschärfe auf.
3. Von der Verschiedenartigkeit des Volksmärchens und des Kunstmärchens: Dieses Kapitel analysiert die historische Debatte, insbesondere den Briefwechsel zwischen Arnim und den Grimms, und diskutiert aktuelle forschungstheoretische Ansätze zur Gattungsdifferenzierung.
4. Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel resümiert die Ergebnisse der Arbeit und verdeutlicht, dass die traditionellen Unterscheidungskriterien heute weitgehend als historisches Konstrukt anzusehen sind.
Schlüsselwörter
Volksmärchen, Kunstmärchen, Jacob Grimm, Achim von Arnim, Naturpoesie, Kunstpoesie, Gattungsdiskussion, mündliche Tradition, Autorschaft, Komplexität, Einfachheit, Romantik, Märchenforschung, Erzählgattung, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis und die definitorische Abgrenzung zwischen Volks- und Kunstmärchen in der literaturwissenschaftlichen Forschung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die historische Genese der Gattungsbegriffe, die romantische Vorstellung von Natur- und Kunstpoesie sowie die moderne Kritik an diesen traditionellen Unterscheidungsmerkmalen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Arbeit fragt, ob eine klare Definitionsgrenze zwischen Volks- und Kunstmärchen überhaupt möglich ist oder ob es sich bei diesen Begriffen lediglich um Bezeichnungen handelt, die auf historisch überholten Annahmen basieren.
Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse der Forschungsliteratur, die Auswertung zeitgenössischer Quellen (Briefwechsel) und eine kritische Auseinandersetzung mit theoretischen Ansätzen namhafter Märchenforscher.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Kontroverse zwischen den Brüdern Grimm und Achim von Arnim sowie der anschließenden Entwicklung der Gattungsdiskussion in der Forschung bis hin zu aktuellen Definitionen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind das Spannungsfeld zwischen Einfachheit und Komplexität, die Problematik der mündlichen Tradierung gegenüber schriftlicher Fixierung sowie die Frage der Autorenschaft.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Gebrüder Grimm?
Die Arbeit hinterfragt die Auffassung der Gebrüder Grimm kritisch und entlarvt das „Volksmärchen“ teilweise als Konstrukt der Romantik, das der nationalen Identitätsbildung dienen sollte.
Zu welchem Schluss kommt die Untersuchung bezüglich der Gattungsunterscheidung?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass eine strikte Abgrenzung aufgrund fließender Übergänge kaum noch tragbar ist und das Kunstmärchen als eigenständige, moderne Gattung begriffen werden sollte.
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- Desiree Wolny (Author), 2014, Das Kunstmärchen und das Volksmärchen. Eine Diskussion ihrer Gattungsproblematik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/273858