“Vor jedem Menschen steht der Tod wie ein großer dunkler Torbogen: drohend und furchterregend dem einen, mahnend anderen oder auch lockend oder als willkommener Ausweg aus Trübsal, Angst und Leid.” Der Tod beschäftigte schon damals wie heute die Menschheit. Jeder muss sich ihm eines Tages stellen und doch pflegen Alle eine andere Einstellung zu ihm. Viele fürchten ihn, andere sehnen ihn herbei. Fakt ist, Gevater Tod hat Konjunktur! In einigen Phasen fast totgeschwiegen, begleitet er uns heute in alltäglichen Diskussionen über Sterbehilfe und den humanen Tod. Auch in der Literatur findet er großen Anklang. So ist der Knochenmann, alleine oder in Verbindung mit anderen Themen, eine der am häufigsten dargestellten Thematiken in Kunst und Literatur. Dabei geht der Tod eine besondere Verbindung mit dem Tanz ein. Eine der berühmtesten Darstellungsformen sind die sogenannten Totentänze, in denen der Sensenmann uns seine verschiedenen Gesichter präsentiert. Entstehungsort und- zeitraum sind umstritten, jedoch sieht die Mehrheit der Experten den Totentanz in Frankreich entstanden. Wichtigster Ausgangspunkt sind dabei die “Danse macabre” aus dem Jahre 1424. “Durch solche Allgegenwart des Motivs […] wird der Tod im 16. Jahrhundert „zu einer Gestalt des täglichen Lebens“[...]. Der Tod wird zum Nachbarn im Guten wie im Bösen“. Doch lange Zeit außer Acht gelassen, wurde das erotische Motiv Der Tod und das Mädchen. Zwar bereits in vorherigen Totentänzen präsent, wird in Niklaus Manuels Berner Totentanz dieses Sujet deutlich verstärkt. Nie zuvor war der Zusammenprall von Leben und Tod deutlicher verbildlicht worden.
Dieses Leitmotiv soll auch im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehen. Doch wie hat sich der Leitgedanke Der Tod und das Mädchen seit dem späten Mittelalter bis in die Gegenwart verändert? Und wie wird es in den verschiedenen Werken interpretiert? Um Entstehung und Entwicklung dieses Leitmotivs in den Künsten erklären zu können, werde ich zunächst auf die Totentänze eingehen um danach zu Matthias Claudius’ Werk „Der Tod und das Mädchen“ und zu der Vertonung dieses Gedichtes durch Franz Schubert zu kommen...
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Tod und das Mädchen als Leitmotiv
3 Matthias Claudius’ der „Tod und das Mädchen“
3.1 Claudius’ Einstellung zum Tod und Freund Hain
3.2 Leitmotiv in „Der Tod und das Mädchen“ (1775)
4 Musikalische Vertonung durch Schubert
4.1 Einstellung und Umstände
4.2 Leitmotiv in Schuberts musikalischer Vertonung des Gedichts
5 Intermedialität und Leitmotiv in „La doncella y la muerte“
6 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und intermediale Transformation des Leitmotivs „Der Tod und das Mädchen“ vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie sich die Interpretation der Todesfigur – vom angsteinflößenden Knochenmann hin zum sanften Freund – im Spiegel von Literatur, Musik und Theater gewandelt hat.
- Evolution des Totentanz-Motivs in der Kunst
- Aufklärerische Umdeutung des Todes bei Matthias Claudius
- Musikalische Interpretation durch Franz Schubert
- Intermediale Rezeption im Theaterstück „La muerte y la doncella“ von Ariel Dorfman
- Analyse der Geschlechterrollen und der Erotisierung des Todes
Auszug aus dem Buch
3.1 Claudius’ Einstellung zum Tod und Freund Hain
„Bin nicht starker Geist; 's läuft mir, die Wahrheit zu sagen, jedesmal kalt übern Rücken, wenn ich Sie sehe. Und doch will ich glauben, daß Sie 'n guter Mann sind wenn man Sie genug kennt; und doch ist's mir als hätt ich eine Art Heimweh und Mut zu dir, du alter Ruprecht Pförtner!“
Schon als junger Mann beweist Claudius eine spezielle Affinität zum Tod. Liebevoll nennt er ihn Freund Hain. Obwohl er ihm seinen Bruder schon in frühen Jahren nimmt, scheint er vom Knochenmann geradezu fasziniert. Wie ein roter Faden zieht sich diese Thematik durch seine gesammelten Werke. In seinem wohl berühmtesten Stück Der Mond ist aufgegangen stellt Claudius eine Verbindung zwischen Schlaf und Tod her. Bereits im antiken Griechenland ging man davon aus, dass thanatos der Zwillingsbruder von hypnos sei. Zu Zeiten der Aufklärung versuchte man schließlich dieses alte Bild wieder aufleben zu lassen. Besonders hervor trat dabei Gotthold Ephraim Lessing, der behauptete, dass bereits in den antiken Mythologien der Griechen anstelle eines Skeletts, ein Jüngling mit erloschener Fackel den Tod darstellte. Damit stellte Lessing dem gefürchteten Knochenmann der christlichen Todesikonographie den griechischen Gott thanatos entgegen. Welcher nicht hässlich, sondern schön, nicht fürchterlich, sondern sanft und als Lebensende nicht kreatürlich- erniedrigend, sondern ganz im Sinne der Aufklärung vernünftig und menschenwürdig ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Todesdarstellung in Kunst und Literatur sowie Darlegung der Zielsetzung und des methodischen Vorgehens der Arbeit.
2 Der Tod und das Mädchen als Leitmotiv: Untersuchung der historischen Ursprünge des Totentanzes und der Entwicklung der Todeserotik sowie deren Darstellung durch Künstler wie Hans Baldung Grien und Niklaus Manuel.
3 Matthias Claudius’ der „Tod und das Mädchen“: Analyse von Claudius' besonderer Beziehung zum Tod, seiner Abkehr von der Angst vor dem „Knochenmann“ und der Interpretation seines gleichnamigen Gedichts.
3.1 Claudius’ Einstellung zum Tod und Freund Hain: Vertiefende Betrachtung der aufklärerischen und persönlichen Perspektive des Autors auf den Tod als „Freund Hain“.
3.2 Leitmotiv in „Der Tod und das Mädchen“ (1775): Untersuchung der verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten des Gedichts, insbesondere im Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen Todesfurcht und Erlösung.
4 Musikalische Vertonung durch Schubert: Einordnung der musikalischen Rezeption von Claudius’ Gedicht durch Franz Schubert in den zeitgeschichtlichen Kontext.
4.1 Einstellung und Umstände: Biografische und weltanschauliche Hintergründe Schuberts, die seine Interpretation des Todes als „sanften Bruder“ prägten.
4.2 Leitmotiv in Schuberts musikalischer Vertonung des Gedichts: Analyse der kompositorischen Mittel, mit denen Schubert die Macht des Todes und die Reaktion des Mädchens vertont.
5 Intermedialität und Leitmotiv in „La doncella y la muerte“: Analyse der intermedialen Einbindung von Schuberts Musik in das Theaterstück von Ariel Dorfman und die dortige Neudeutung des Motivs.
6 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Transformation des Leitmotivs und dessen ungebrochene Relevanz in der modernen Kultur.
Schlüsselwörter
Tod und das Mädchen, Matthias Claudius, Franz Schubert, Ariel Dorfman, Leitmotiv, Totentanz, Aufklärung, Todeserotik, Intermedialität, Freund Hain, Thanatos, Eros, La muerte y la doncella, Literaturgeschichte, Todesikonografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wandlung der Darstellung des Todes in Kunst und Literatur, insbesondere anhand des Motivs „Der Tod und das Mädchen“ von seinen mittelalterlichen Ursprüngen bis zur modernen intermedialen Rezeption.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die Geschichte des Totentanzes, die literarische Aufarbeitung durch Matthias Claudius, die musikalische Vertonung durch Franz Schubert und die dramatische Aufarbeitung bei Ariel Dorfman.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die Interpretation des Todes im Laufe der Jahrhunderte von einer angsteinflößenden, männlich dominierten Gewaltgestalt hin zu einem sanften, befreienden Freund gewandelt hat und welche Rolle dieses Motiv heute noch spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative und intermediale Analyse, bei der literarische Texte, musiktheoretische Aspekte und dramatische Werke zueinander in Bezug gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Analyse der Totentänze, eine eingehende Untersuchung von Claudius’ Gedicht, eine musikwissenschaftliche Analyse von Schuberts Vertonung und eine literaturwissenschaftliche Untersuchung des Dramas von Ariel Dorfman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind das Leitmotiv „Der Tod und das Mädchen“, Intermedialität, Aufklärung, „Freund Hain“, Todeserotik und die künstlerische Transformation.
Wie verändert sich das Bild des Todes im Vergleich zwischen Claudius und Dorfman?
Während Claudius den Tod im Sinne der Aufklärung als „Freund Hain“ entmystifiziert und sanft darstellt, greift Dorfman in seinem Stück auf die ältere, bedrohliche Facette zurück, indem er den Tod als gewaltsamen Peiniger in einer politischen Foltergeschichte inszeniert.
Welche Rolle spielt die Musik von Schubert für das Verständnis des Stücks von Dorfman?
Schuberts Musik dient bei Dorfman nicht nur als Titelgeber, sondern fungiert als verbindendes Element zwischen den Protagonisten, wobei die Musik die traumatischen Erinnerungen der Hauptfigur Paulina an ihre Folterung unter dem Regime Pinochets ständig präsent hält.
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- Sabrina Junge (Author), 2014, Der Tod und das Mädchen in den Künsten, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/273430