Deutschland hat Nachholbedarf in Sachen Gerechtigkeit. Laut Studien im OECD-Vergleich weisen u.a. die Bereiche des Bildungszugangs und der Armutsvermeidung Mängel auf (vgl Bertelsmann Stiftung 2010). Hinzu kommt: laut einer Emnid-Umfrage aus dem Jahre 2008 halten etwa 80 Prozent das Steuersystem für ungerecht; 70 Prozent sagen dies vom Renten- und Gesundheitssystem (vgl Reader’s Digest 2008: 29). Hüther und Straubhaar (2009) bringen es in ihrem Buch „Die gefühlte Ungerechtigkeit“ auf den Punkt: „Gefühlt leben die Deutschen in einem zutiefst ungerechten Land“ (Hüther/Straubhaar 2009:312). Im Kontext des o.g. Zitates lautet daher die Gretchenfrage der deutschen Politik: Deutschland sag, wie hältst du’s mit der Gerechtigkeit? Die empirische Gerechtigkeitsforschung beschäftigt sich indes besonders mit der Frage, wie Gerechtigkeit in Deutschland wahrgenommen wird. Aus Sicht des Autors muss allerdings zuvor die Frage geklärt werden, was die Deutschen überhaupt unter dem Begriff der Gerechtigkeit anstreben! Die Leitfrage dieser Seminararbeit soll daher lauten: welches Gerechtigkeitsbild, ein liberales, ein kommunitaristisches oder ein egalitäres, ist in der deutschen Politik vorherrschend?
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Begriffsdefinitionen
3) Forschungsstand
4) Vorstellung verschiedener Gerechtigkeitstheorien
4.1) Robert Nozick
4.2) John Rawls
4.3) Axel Honneth
5) Gerechtigkeit anhand konkreter Politikfeldanalysen: Sozialpolitik
5.1) Krankheit und Gesundheit
5.2) Arbeitslosenversicherung und Arbeitsmarktpolitik
5.3) Rente
6) Annex: Ein Plädoyer für „echte“ Solidarität
7) Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welches Gerechtigkeitsbild – liberal, kommunitaristisch oder egalitär – in der deutschen Sozialpolitik vorherrschend ist, um die Lücke zwischen philosophischen Theorien und tatsächlichen Gerechtigkeitsvorstellungen in der Gesellschaft zu schließen.
- Analyse der Gerechtigkeitstheorien von Nozick, Rawls und Honneth
- Untersuchung der deutschen Sozialpolitik in den Bereichen Krankheit, Arbeitsmarkt und Rente
- Gegenüberstellung von egalitären, kommunitaristischen und liberalen Elementen
- Diskussion des Solidaritätsbegriffs im Kontext staatlicher Umverteilung
Auszug aus dem Buch
4.1) Robert Nozick
In seinem Buch „Anarchie, Staat, Utopia“ (1976) untersucht Nozick, welcher Umfang eines staatlichen Apparates sich aus dem Naturzustand und den vorgegebenen, menschlichen Naturrechten ableiten lässt. Als solche Naturrechte beschreibt er das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum („self ownership“); ähnlich, wie bereits John Locke in seinem Werk „Two Treatises on Government“ den Naturzustand skizzierte. Als einzig legitime Staatsform schlussfolgert Nozick im ersten Teil seines Buches den Minimalstaat. Im zweiten Teil untersucht er die Möglichkeit weiterführender Staatsaufgaben. Interessant für die vorliegende Seminararbeit ist insbesondere Nozicks Anspruchstheorie, welche dieser hierbei aufstellt.
Einen umfangreichen Teil seiner Arbeit widmet Nozick dem Begriff der Verteilungsgerechtigkeit, welche einen weiterführenden – umverteilenden – Staat rechtfertigen könnte. Grundsätzlich beschreibt Nozick unter Berücksichtigung der unverletzlichen Naturrechte drei Möglichkeiten des Erwerbs von Besitz:
1. Durch ursprünglichen Erwerb von (zuvor herrenlosem) Besitz → „Grundsatz der gerechten Aneignung“ (Nozick 2006: 202f.)
2. Durch die Übertragung von Besitztümern → „Grundsatz der gerechten Übertragung“ (ebd)
3. Durch die „Berichtigung ungerechter Besitzverhältnisse“ (ebd)
Der Besitz von Eigentum ist demnach gerecht, wenn der Besitzer einen legitimen Anspruch auf seinen Besitz begründen kann. Allgemein ist eine Verteilung gerecht, wenn jeder Eigentümer einen legitimen Anspruch auf seinen Besitz nachweisen kann. Und: „Eine Verteilung ist gerecht, wenn sie aus einer anderen gerechten Verteilung auf gerechte Weise entsteht“ (Nozick 2006: 203).
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Die Arbeit thematisiert das Gerechtigkeitsempfinden in Deutschland und stellt die Forschungsfrage nach dem in der Politik vorherrschenden Gerechtigkeitsbild.
2) Begriffsdefinitionen: Es werden die zentralen Begriffe Sozialpolitik und Solidarität für den weiteren Verlauf der Arbeit definiert und eingegrenzt.
3) Forschungsstand: Das Kapitel beleuchtet den aktuellen Stand der Gerechtigkeitsforschung und identifiziert die Forschungslücke bezüglich des Zusammenhangs von philosophischen Theorien und gesellschaftlichen Vorstellungen.
4) Vorstellung verschiedener Gerechtigkeitstheorien: Einführung der theoretischen Grundlagen durch die Positionen von Robert Nozick, John Rawls und Axel Honneth.
5) Gerechtigkeit anhand konkreter Politikfeldanalysen: Sozialpolitik: Anwendung der erarbeiteten Theorien auf die Politikfelder Krankheit, Arbeitsmarktpolitik und Rente.
6) Annex: Ein Plädoyer für „echte“ Solidarität: Reflexion über den Solidaritätsbegriff im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Gleichheit.
7) Konklusion: Zusammenfassung der Ergebnisse und Beantwortung der Leitfrage hinsichtlich des vorherrschenden Gerechtigkeitsbildes in der deutschen Politik.
Schlüsselwörter
Gerechtigkeit, Sozialpolitik, Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Robert Nozick, John Rawls, Axel Honneth, Kommunitarismus, Egalitarismus, Liberalismus, Wohlfahrtsstaat, Umverteilung, Leistungsprinzip, Gerechtigkeitstheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Gerechtigkeitsvorstellungen, die der deutschen Sozialpolitik zugrunde liegen, und setzt diese in Bezug zu führenden gerechtigkeitsphilosophischen Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Krankenversicherung, die Arbeitsmarktpolitik und die gesetzliche Rentenversicherung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Leitfrage lautet: Welches Gerechtigkeitsbild – liberal, kommunitaristisch oder egalitär – ist in der deutschen Politik vorherrschend?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theoretische Fundierung durch Analyse von Gerechtigkeitstheorien vorgenommen, die anschließend beispielhaft auf die deutsche Gesetzgebung in ausgewählten Sozialpolitikfeldern angewandt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Vorstellung der Philosophen Nozick, Rawls und Honneth sowie deren Anwendung auf die Felder Gesundheit, Arbeit und Rente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Solidarität und die verschiedenen Gerechtigkeitstheorien der genannten Philosophen.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen PKV und GKV eine so wichtige Rolle für das Verständnis von Gerechtigkeit?
Die Koexistenz von privater und gesetzlicher Krankenversicherung illustriert den Widerspruch zwischen egalitären Solidaritätsprinzipien und liberalen Leistungskonzepten in der deutschen Sozialordnung.
Inwiefern hat die Agenda 2010 die Gerechtigkeitsvorstellungen in der Arbeitsmarktpolitik verändert?
Die Reformen leiteten einen Paradigmenwechsel von einer eher „fürsorgenden“ hin zu einer „aktivierenden“ Arbeitsmarktpolitik ein, die vermehrt auf Eigenverantwortung setzt.
- Quote paper
- Sven Piechottka (Author), 2013, Freiheit oder Gleichheit? Gerechtigkeit in der Bundesrepublik Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/272845