„Una quae | est omnia | dea Isis.“
„Die Eine, die du Alle bist, Göttin Isis.”
Diese Inschrift aus dem 3. Jh. n.Chr. wurde in der Provinz Latium et Campania bzw. genauer in dem Ort Capua gefunden. Die in der kampanischen Region gelegene Stadt weist auf den ersten Blick keine besondere Beziehung zu Ägypten oder allgemein dem Orient auf. Folglich scheint es legitim, die Frage zu äußern, welche Verbindung zwischen einer ägyptischen Göttin und einer römischen Stadt bestanden haben mag. Die Inschrift wirft jedoch noch eine weitere Frage auf; die Frage danach, wie die Göttin Isis in der Inschrift dargestellt wird. Kurzum: Isis – eine vielgestaltige All-Göttin?
Das Anliegen der vorliegenden Hausarbeit ist es, sich den zuvor anhand der Inschrift entwickelten Fragestellungen zu nähern. Die Frage nach der Verbindung zwischen einer orientalischen Gottheit und einer römischen Stadt soll dabei lediglich kurz im ersten Kapitel beantwortet werden. Zur Beantwortung der Frage wird in diesem Kapitel der Isis-Kult als Mysterienkult eingeführt und die Ausbreitung der Isis-Mysterien in der Antike nachvollzogen. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, wie die Göttin Isis in antiken Quellen dargestellt worden ist. Diese Fragestellung bezieht sich auf die zweite, bezüglich der Inschrift formulierten Fragestellung: Wurde Isis neben oben genannter Inschrift auch in anderen Quellen als vielgestaltig dargestellt?
Aufgrund der Vielzahl an Quellen, auf die sich die Untersuchung berufen könnte, beschränkt sich diese Hausarbeit auf literarische Quellen und weiter auf die in Latein verfassten Metamorphosen des Apuleius' aus Madauros und der in Altgriechisch verfassten Ephesiaka des Xenophons von Ephesos. Diese Einschränkung erscheint im Bezug auf das Proseminar Antike Romane von Chariton bis Heliodor, in dessen Rahmen diese Arbeit verfasst wird, sinnvoll und stellt eine Ergänzung des Themenblocks Mythologie, Religion, Riten und Feste des Proseminars dar. Das zweite Kapitel thematisiert die Isis-Darstellung in den Metamorphosen, während im dritten Kapitel die Übertragbarkeit der im zweiten Kapitel erarbeiteten Ergebnisse auf das Werk von Xenophon von Ephesos diskutiert wird. Einen Ausblick auf Isis-Adaptionen der Gegenwartsliteratur soll das vierte Kapitel gewähren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Isis-Mysterien als Exemplum antiker Mysterienkulte
3. Isis-Darstellung in den Metamorphosen des Apuleius' von Madauros
3.1 Die apuleianischen Metamorphosen
3.2 Magie und Mysterien
3.3 Isis-Epitheta
3.4 Isis-Epiphanie
3.5 Metamorphose des Lucius'
4. Isis-Darstellung in der Ephesiaka des Xenophons von Ephesos
4.1 Die Ephesiaka
4.2 Vergleich der Isis-Darstellungen
5. Isis-Darstellungen in der gegenwärtigen Literatur
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung der Göttin Isis in antiken literarischen Quellen, insbesondere in den Metamorphosen des Apuleius und der Ephesiaka des Xenophon von Ephesos. Ziel ist es, die Vielgestaltigkeit der Isis als zentrale Eigenschaft zu analysieren und deren Bedeutung für die antiken Romane sowie ihre Kontinuität in der modernen Literatur aufzuzeigen.
- Analyse der Isis-Mysterien als antiker Kult
- Untersuchung der Isis-Darstellung in Apuleius' Metamorphosen
- Vergleich der Isis-Darstellung mit der Ephesiaka des Xenophon
- Einfluss der Vielgestaltigkeit auf die Verbreitung des Isis-Kultes
- Ausblick auf moderne Isis-Adaptionen
Auszug aus dem Buch
3.2 Magie und Mysterien
Auffallend in den Metamorphosen ist nach Habermehl ein religiöser Grundton der Erzählung, welcher sich von den „Polen der Magie und Scharlatanerie bis zu Mysterium und Erlösung“ erstrecke. Legt man diesen Interpretationsansatz einer Auseinandersetzung mit den Metamorphosen zugrunde, so kann man den Ich-Erzähler Lucius als einen „antiken Parzifal“ verstehen, welcher sich getrieben von seiner unglückseligen Neugierde (Vgl. „curiositatis inprospere“, Apul. met. XI, 15, 1) in Bezug auf alles Unerklärliche (Vgl. „rara miraque“, Apul. met. II 1, 1) zwischen eben diesen Polen bewegt. Habermehls Interpretationsansatz kann man entnehmen, dass dieser nicht nur zwischen Magie und Mysterien differenziert, sondern die genannten Termini sogar diametral gegenüberstellt. Lucius verfällt in den libri I – X nicht nur aus persönlicher Neugierde, sondern auch aus sexueller Begierde und dem Unvermögen, zwischen Magie und Mysterien zu unterscheiden, der Hexenkunst.
Habermehl konstruiert „Lucius' Weg per aspera ad astra“ als religiösen Pfad zur Auflösung der für Lucius zunächst nicht zu trennenden Pole. Die erfolgreiche Differenzierungsleistung zwischen Magie und Mysterien ist Gegenstand des Isis-Buches. Auch Michael Schramm unterscheidet zwischen Magie und Mysterien und vertritt diesbezüglich eine zu Habermehl deckungsgleiche Forschungsposition. Schramm unterscheidet folgende Pole voneinander: „die ‚falsche, schwarze’ Magie, an der Lucius zunächst Interesse gezeigt und die ihm die Verwandlung in den Esel eingebracht hatte, und die ‚richtige, weiße’ Magie der Mysterien, durch die Lucius wieder Mensch und sogar zum eigentlichen Menschen wird.“ Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sowohl Habermehl als auch Schramm Magie und Mysterien als Gegensatzpaar konstruieren. Es stellt sich anschließend die Frage, was man bezüglich der Göttin Isis aus den Ausführungen ableiten kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, die sich aus einer Inschrift in Capua ergibt, und erläutert die methodische Beschränkung auf literarische Primärquellen.
2. Isis-Mysterien als Exemplum antiker Mysterienkulte: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Mysterienreligion und beleuchtet die Ausbreitung des Isis-Kultes durch die Vielgestaltigkeit der Göttin.
3. Isis-Darstellung in den Metamorphosen des Apuleius' von Madauros: Das Kapitel analysiert die Rolle der Isis in Apuleius' Roman, wobei Magie, Mysterien, Epitheta und die Epiphanie als zentrale Themen behandelt werden.
4. Isis-Darstellung in der Ephesiaka des Xenophons von Ephesos: Hier wird geprüft, ob die Ergebnisse aus Apuleius' Werk auf die Ephesiaka übertragbar sind, wobei Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung hervorgehoben werden.
5. Isis-Darstellungen in der gegenwärtigen Literatur: Das Kapitel bietet einen Ausblick darauf, wie der Mythos der Isis in der Literatur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart fortlebt.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und beantwortet die in der Einleitung aufgeworfenen Fragestellungen zur Beziehung zwischen der Göttin und den antiken Städten sowie den Quellen.
Schlüsselwörter
Isis, Mysterienkult, Antike, Metamorphosen, Apuleius, Xenophon von Ephesos, Ephesiaka, Magie, Vielgestaltigkeit, interpretatio hellenistica, Literaturwissenschaft, Religionsgeschichte, Epiphanie, Isis-Epitheta, Antike Romane
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie die Göttin Isis in antiken literarischen Werken dargestellt wurde und inwiefern ihre Vielgestaltigkeit zu ihrer weiten Verbreitung als Mysterienkult beitrug.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Themenfelder umfassen die antike Mysterienreligion, literarische Analysen römischer und griechischer Romane, die Rolle von Magie und Religion sowie die Transformation und Kontinuität des Isis-Mythos.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit verfolgt das Ziel zu klären, welche Beziehung zwischen einer orientalischen Gottheit und römischen Orten bestand und wie Isis in den Werken von Apuleius und Xenophon von Ephesos charakterisiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die sich auf Primärquellen und fachwissenschaftliche Sekundärliteratur stützt, um Forschungspositionen gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Darstellung der Isis in Apuleius' „Metamorphosen“ und Xenophons „Ephesiaka“ und untersucht dabei Aspekte wie Magie, Mysterienriten und die Rolle der Göttin als Erlöserin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Isis, Mysterienkult, Antike, Metamorphosen, Vielgestaltigkeit und Epiphanie.
Warum wird die „Ephesiaka“ zum Vergleich herangezogen?
Der Vergleich dient dazu zu prüfen, ob die in den „Metamorphosen“ erarbeiteten Erkenntnisse über die Vielgestaltigkeit der Isis auf andere antike Romane übertragbar sind.
Welche Rolle spielen „Magie und Mysterien“ in der Untersuchung?
Diese Begriffe dienen als zentrale Gegensatzpaare, um die Entwicklung des Protagonisten Lucius zu beschreiben und die spezifische Bedeutung des Isis-Buches innerhalb der „Metamorphosen“ zu erfassen.
- Arbeit zitieren
- Carolin Gluchowski (Autor:in), 2014, Darstellungen der Göttin Isis in antiker Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/272611