Thema dieser Hausarbeit ist das Habitus-Konzept des Soziologen Pierre Bourdieu. Der Habitus-Begriff hat seinen Ursprung in der griechischen Philosophie der Antike. Er wurde von Aristoteles als „Hexis“ (griech. Haltung) verwendet und im Mittelalter mit dem lateinischen Begriff „Habitus“ übersetzt. Habitus bedeutet Gewohnheit, Disposition oder etwas „Gehabtes“. In seinem Werk „Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“, das 1982 erschienen ist, behauptet Bourdieu unter Berufung auf Gottfried Wilhelm Leibniz, dass wir Menschen „in Drei-viertel unserer Handlungen Automaten sind“ (Bourdieu 1982: 740). Wie ist diese Aussage im Zusammenhang mit seinem Habitus-Konzept zu verstehen und was lässt sich über das verbleibende Viertel sagen? Um dieser Frage in der vorliegenden Arbeit nach zu gehen, erfolgt in einem ersten Schritt eine Annäherung an Bourdieus Habituskonzept, d.h. eine kurze Erläuterung, wie das Konzept entstanden ist und welchen Zweck es erfüllen sollte. Anschließend wird das Habitus-Konzept in einem zweiten Schritt, genauer im Bezug auf die Ausbildung und die Funktion bzw. Wirkung des Habitus untersucht. Danach erfolgt dann eine Betrachtung der Möglichkeiten den Habitus zu verändern bzw. zu transformieren, wobei es vor allem um Selbst- bzw. Fremdbestimmung geht. Abschließend werden dann die gesammelten Erkenntnisse im Fazit zusammengefasst, um die o.g. Frage zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Entstehung des Habituskonzepts
2. Ausbildung und Funktion des Habitus
2.1. Der Habitus als strukturierte Struktur
2.2. Der Habitus als strukturierende Struktur
3. Habitustransformation
Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu, um die theoretische Behauptung zu hinterfragen, dass ein Großteil unseres Handelns automatisiert abläuft. Ziel ist es, die Entstehung, Wirkungsweise und Transformationsmöglichkeiten des Habitus zu beleuchten, um das Spannungsfeld zwischen determiniertem Handeln und individueller Selbstbestimmung zu klären.
- Ursprung und begriffliche Herleitung des Habitus
- Der Habitus als strukturierte und strukturierende Struktur
- Sozialisation und Internalisierung von Mustern
- Möglichkeiten und Grenzen der Habitustransformation
- Das Verhältnis von Freiheit und Fremdbestimmung bei Bourdieu
Auszug aus dem Buch
2.2. Der Habitus als strukturierende Struktur
Der Habitus ist nicht nur strukturierte Struktur sonder auch strukturierende Struktur, d.h., er ist auch schöpferisch, weil er eine Handlungsweise (Modus Operandi) beinhaltet. Dies lässt sich allerdings nicht empirisch erfassen. Bourdieu schreibt diesbezüglich, dass „der modus operandi nur als opus operatum zu beobachten [sei]“ (Bourdieu 1976: 209). In seinem Werk „Die feinen Unterschiede“, sind die Lebensstile der französischen Bevölkerung, die sich z.B. anhand der Wohnsituation (z.B. eigenes Haus oder Mietwohnung), der Einrichtungsgegenstände und Essgewohnheiten oder der Freizeitaktivitäten (z.B. Sportarten, kulturelle Aktivitäten usw.) ermitteln lassen, das Produkt, also das empirisch erfassbare opus operatum, einer bestimmten Handlungsweise bzw. eines spezifischen und nicht messbaren modus operandi, der in diesem Falle als Geschmack bezeichnet kann (Bourdieu 1982: 281ff). Was dieser modus operandi bewirkt und wie er funktioniert, soll nun im folgenden geklärt werden.
Die strukturierte Struktur des Habitus wird durch einen Transformationsprozess in strukturierende Struktur übersetzt. Allerdings bietet Bourdieu keine theoretische Hypothese für diesen Vorgang (Barlösius 2006: 64). Es lässt sich lediglich sagen, dass die Transformation jeweils nach eigenen Kriterien erfolgt und stets einen Konstruktionsakt beinhaltet, da alle „Objekte der Erkenntnis konstruiert und nicht passiv registriert werden“ (Bourdieu 1993b: 97). Insofern ist die o.g. Anpassung des erlernten Musters bereits ein Ergebnis des Transformationsprozesses bzw. der strukturierenden Tätigkeit des Habitus zu sehen. Die strukturierende Tätigkeit des Habitus besteht also darin, „klassifizierbare und klassifizierte Praktiken und Werke [sowie] ein Klassifikationssystem – also Wahrnehmungen und Bewertungen – aus sich heraus zu erzeugen“ (Barlösius 2006: 65).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu ein und erläutert das Ziel der Arbeit, Bourdieus These zur Automatisierung menschlichen Handelns kritisch zu untersuchen.
1. Entstehung des Habituskonzepts: Das Kapitel zeichnet die historische Genese des Habitus-Begriffs nach, von der Antike bis hin zu Bourdieus Feldstudien in Algerien.
2. Ausbildung und Funktion des Habitus: Hier wird der Prozess der Habitusbildung durch soziale Erfahrungen analysiert und die Doppelnatur als strukturierte sowie strukturierende Instanz erklärt.
2.1. Der Habitus als strukturierte Struktur: Dieser Abschnitt beschreibt, wie der Habitus durch soziale Einflüsse und Lebensbedingungen geformt wird und das Individuum in ein System von Dispositionen einbindet.
2.2. Der Habitus als strukturierende Struktur: Das Kapitel behandelt die schöpferische Komponente des Habitus, der als praktischer Kompass (Modus Operandi) das Handeln und Wahrnehmen des Individuums lenkt.
3. Habitustransformation: Dieses Kapitel erörtert, unter welchen Bedingungen der Habitus verändert werden kann, wobei insbesondere Krisenerfahrungen und bewusste Selbstreflexion im Fokus stehen.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass der Habitus zwar weitreichend determiniert, aber dennoch durch Reflexionsprozesse und Krisen modifizierbar bleibt, wobei Bourdieu den Freiheitsgrad des Einzelnen begrenzt sieht.
Schlüsselwörter
Pierre Bourdieu, Habitus, Modus Operandi, Opus Operatum, Sozialisation, Struktur, Disposition, Doxische Erfahrung, Hysteresis-Effekt, Selbstbestimmung, Fremdbestimmung, Handlungsspielraum, Transformation, Soziale Praxis, Lebensstil
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Habitus-Konzept des Soziologen Pierre Bourdieu und hinterfragt kritisch die Aussage, dass Menschen in ihren Handlungen zu einem Großteil wie Automaten funktionieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Genese des Habitus, seine Rolle als strukturierte und strukturierende Kraft sowie die Möglichkeiten, diesen tief verwurzelten Habitus zu transformieren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Einfluss sozialer Prägungen auf das menschliche Handeln zu verstehen und zu klären, inwieweit individuelle Freiheit und Selbstbestimmung trotz dieser sozialen Determination möglich sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse. Dabei werden zentrale Werke Bourdieus sowie interpretierende Sekundärliteratur herangezogen, um das Konzept systematisch zu erarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung des Begriffs, die Analyse des Habitus als Produkt und Produzent von Praktiken sowie die Diskussion über Transformationsprozesse bei sozialen Veränderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Habitus, Modus Operandi, Strukturierung, soziale Dispositionen, Hysteresis-Effekt und der Gegensatz von Freiheit und Fremdbestimmung.
Was besagt Bourdieus These vom "Automaten"?
Bourdieu postuliert, dass wir aufgrund unseres durch soziale Herkunft und Lebensbedingungen geformten Habitus' in etwa drei Vierteln unserer Handlungen fast automatisiert, also ohne bewusste Entscheidung, handeln.
Was versteht man unter dem Hysteresis-Effekt?
Der Hysteresis-Effekt beschreibt eine Diskrepanz oder ein Missverhältnis, das entsteht, wenn die durch den Habitus erworbenen Dispositionen nicht mehr zu einer sich plötzlich verändernden sozialen Umgebung passen.
Wie kann eine Habitustransformation stattfinden?
Eine Transformation kann entweder erzwungen durch massive Lebenskrisen oder bewusst durch soziologische Selbstreflexion und die Arbeit am eigenen Selbst erfolgen.
- Quote paper
- Andreas Filko (Author), 2011, Das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/272543