Jürgen Körner und Christiane Ludwig-Körner legen mit ihrem 1997 erschienen Buch „Psychoanalytische Sozialpädagogik. Eine Einführung in vier Fallgeschichten“ eine grundsätzliche Hinführung an eine psychoanalytisch orientierte Ausrichtung sozialer Arbeit mit theoretischer Fundierung vor. An vier Fallbeispielen werden der theoretische wie auch der praktische Gehalt psychoanalytischer Gestaltungsmöglichkeiten in der sozialen Arbeit dargestellt. Bemerkenswert ist bei der Ausführung des Buches die innere logische Kohärenz: Die drei von den Autoren vorgestellten Modelle menschlichen Verhaltens (Maschinenmodell/ Handlungsmodell/ Erzählermodell) korrelieren stark mit den nach Körner und Ludwig-Körner drei möglichen Zugängen des Pädagogen zum inneren Konflikt des Klienten (Ursache des Beratungsgesprächs/ aktuelle sozialpädagogische Beziehung zwischen Klientin und Pädagogin/ Lebensgeschichte des Klienten) sowie mit dem praktischen Umgang des Pädagogen in der Arbeit mit dem Klienten (quasi-kausal erklärend/ intentional beschreibend/ hermeneutisch verstehende Zugangsmöglichkeiten).
1.1.2 Vorstellung des Analyseinstruments
Es soll hier vorausgesetzt werden, dass jede Theorie, so auch die hier untersuchte, Beschreibungs-, Erklärungs- und Handlungswissen produziert. Darauf aufbauend wähle ich als Methode und Werkzeug zur Untersuchung der von mir gewählten psychoanalytischen Theorie sozialer Arbeit folgende, in Kleve/ Wirth (2009: 129ff.) vorgeschlagene Systematisierung: Die Unterscheidung zwischen phänomenalen (also beschreibenden), kausalen (also der theorieeigenen Art, Ursache-Wirkungsbeziehungen herzustellen) und aktionalen (also der vermittelten Handlungsempfehlungen und ihre Brauchbarkeit betrachtenden) Theorieebenen.
Dabei folgt die Analyse des Beschreibungswissens der Frage, was die psychoanalytischen Termini in der vorliegenden Theorie beschreiben. Die Analyse des Begründungswissen folgt den Fragen, welche Erklärungen vorgetragen werden, welche Ursache-Wirkungen-Zusammenhänge es gibt. Wie begründet diese Theorie sich selbst und damit ihre eigene Wirksamkeit und Wichtigkeit (Legitimität); wie werden die axiomatischen Grundannahmen und Grundbegriffe begründet und erklärt? Die Analyse des Handlungswissens zeigt abschließend Handlungsoptionen für die sozialarbeiterische Praxis auf.
Inhaltsverzeichnis
Teil 1
1.1 Einleitung und Vorstellung des Analyseinstruments
1.2 Die Phänomenologie der psychoanalytischen Sozialarbeit
1.3 Die Kausalität der psychoanalytischen Sozialarbeit
1.4 Psychoanalytisches Handlungswissen im Ansatz der psychoanalytischen Sozialarbeit
Teil 2
Eigene Erfahrungen mit und Perspektiven der psychoanalytischen Sozialarbeit im Rahmen des Betreuten Einzelwohnens für HIV/ Hepatitis C infizierte Menschen mit psychischen Auffälligkeiten
Teil 3
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den theoretischen Ansatz der „Psychoanalytischen Sozialpädagogik“ von Jürgen Körner und Christiane Ludwig-Körner, indem sie deren Konzepte mittels eines phänomenalen, kausalen und aktionalen Analyseschemas auf ihre Anwendbarkeit in der sozialpädagogischen Praxis prüft und mit eigenen Erfahrungen im betreuten Einzelwohnen verknüpft.
- Analyse psychoanalytischer Grundmodelle (Maschinen-, Handlungs- und Erzählermodell)
- Systematische Untersuchung von Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen
- Konzept des „Rahmens der Situation“ in der pädagogischen Arbeit
- Reflexion der Rolle des Sozialpädagogen und notwendiger Abstinenz
- Praktische Fallbeispiele in der Arbeit mit HIV- und Hepatitis-C-infizierten Klienten
Auszug aus dem Buch
1.2 Die Phänomenologie der psychoanalytischen Sozialarbeit
Die psychoanalytische Pädagogik beschreibt in ihrem Kern Übertragungsphänomene. Übertragung und Gegenübertragung gehören zu ihren wichtigsten Begrifflichkeiten. Dabei kann Übertragung als Beziehungsmuster, das sich mit Personen aus der Vergangenheit in der Vergangenheit gebildet hat, jedoch in der Gegenwart zum Ausdruck kommt, verstanden werden (83)5. Analog zu den von Körner und Ludwig-Körner angebotenen Menschenmodellen beinhaltet der Übertragungsbegriff bei ihnen auch drei Dimensionen (vgl. 36f.) In der ersten „maschinellen“ (erklärenden) Dimension wird die Übertragung als wiederholtes, unbewusstes Verhalten des Klienten beschrieben, das seinen Ursprung in der frühen Kindheit findet und in der Gegenwart einer therapeutischen Beziehung und anderen sozialen Beziehungen meist kontextlos und zwingend wiederholt wird. In der zweiten Dimension zielgerichteten Handelns erscheint die Übertragung als zielbezogenes Handeln des Klienten. Der Klient versucht mit den Mitteln einer Übertragung eine bestimmte Reaktion (Gegenübertragung) in seiner Umwelt hervorzurufen, die ihm ermöglicht, seine internen Konflikte zu externalisieren. Er sucht Situationen, in denen übertragenes Verhalten zum Ausdruck kommen kann und produziert diese Situationen selbst.
Zusammenfassung der Kapitel
Teil 1: Theoretische Fundierung des Ansatzes durch die Analyse von Beschreibungs-, Erklärungs- und Handlungswissen sowie der zentralen psychoanalytischen Begriffe.
Teil 2: Anwendung und Reflexion der psychoanalytischen Theorie anhand von praktischen Beispielen im Betreuten Einzelwohnen für chronisch kranke Menschen.
Teil 3: Fazit zur Relevanz und Bereicherung durch den analytischen Ansatz für die tägliche sozialpädagogische Betreuungsarbeit.
Schlüsselwörter
Psychoanalytische Pädagogik, Sozialarbeit, Übertragung, Gegenübertragung, Rahmen der Situation, Handlungsmodell, Erzählermodell, Innenkonflikte, Betreutes Einzelwohnen, Triangulierung, Beratung, Reflexion, Pädagogisches Handeln, Unbewusstes, Fallgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den theoretischen Ansatz der psychoanalytischen Sozialpädagogik nach Körner und Ludwig-Körner und reflektiert diesen vor dem Hintergrund eigener praktischer Erfahrungen in der sozialen Arbeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Phänomenologie von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen, die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge (Kausalität) psychoanalytischer Arbeit sowie konkrete Handlungsmöglichkeiten für Sozialpädagogen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die theoretischen Konstrukte des gewählten Ansatzes durch ein systematisches Analyseraster (phänomenal, kausal, aktional) zu durchdringen und die Praxistauglichkeit für das Berufsfeld der Sozialarbeit zu beurteilen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine strukturierte Systematisierung nach Kleve/Wirth (2009), um die Theorie in Beschreibungs-, Erklärungs- und Handlungswissen zu zerlegen und methodisch zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung der psychoanalytischen Begriffe, eine kritische Reflexion der Kausalität und Handlungsperspektiven sowie eine praktische Übertragung auf die Arbeit mit Klienten im Betreuten Einzelwohnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Psychoanalytische Pädagogik, Übertragung, Rahmen der Situation und sozialpädagogisches Handeln charakterisiert.
Welche Bedeutung hat der „Rahmen der Situation“ in der Arbeit?
Der Rahmen wird als egalitärer, dialogischer Raum definiert, in dem Klient und Pädagoge durch die Bearbeitung von Beziehungskonflikten einen „utopischen Raum“ für Veränderungen schaffen können.
Wie unterscheidet sich der Umgang mit Borderline-Klienten laut dieser Arbeit?
Die Arbeit weist darauf hin, dass bei Borderline-Klienten aufgrund der oft missglückten Triangulierung und der seltenen Fähigkeit zur exzentrischen Perspektive eine rein reflexiv-konfliktorientierte pädagogische Arbeit in der Praxis auf besondere Schwierigkeiten stößt.
- Arbeit zitieren
- Dominik Sommer (Autor:in), 2009, Die psychoanalytische Sozialpädagogik von Jürgen Körner und Christiane Ludwig-Körner, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/271824